Englands Gärten: Englischer Tropengarten

Jetzt im Winter packt uns die Sehnsucht nach berauschender Flora, Tropen-Touch und Südsee-Flair. Nach Pinien, Palmen und Protea, nach Chiles aparten Bromelienblüten oder Neuseelands feuerrotem Weihnachtsbaum. Kein Problem – ist alles auf einmal erlebbar. Es braucht nur ein Visum für Großbritannien.

Dort, im äußersten Südwesten Englands, liegen die Scilly-Inseln. Von den mehr als hundert Eilanden sind fünf bewohnt, darunter Tresco mit kristallklarem Wasser, Dünen und weißen Stränden. Und der umwerfenden botanischen Schatzkiste Tresco Abbey: botanische, mediterrane und tropische Pracht aus fünf Erdteilen in einem einzigen Garten.

Der Golfstrom heizt die Pracht an

Berühmt als eine der artenreichsten Anlagen der nördlichen Hemisphäre. Ermöglicht und begünstigt durch den Golfstrom, jene 40 Kilometer breite, von der Karibik her flutende „Zentralheizung“ Nordeuropas. Er spendiert trockene, warme Sommer und mild-feuchte, frostfreie Winter und damit ideale klimatische Bedingungen für ein einzigartiges Paradies.

Wunderland der Farben: Tresco Abbey vereint botanische Schätze aus fünf Kontinenten.
Wunderland der Farben: Tresco Abbey vereint botanische Schätze aus fünf Kontinenten.Ellie Tabron

Tresco Abbey, das ist, als ob man in das berühmte Gemälde „Der Traum“ von Henri Rousseau eintauchte: ein dreidimensionaler magischer Dschungel, wild, farbgewaltig, poetisch, leicht surreal. Die nackte Frau aus dem Bild ist in Tresco Abbey als Skulptur „Gaia, Mutter Erde“ des Künstlers David Wynne verewigt.

Sie thront inmitten dieses terrassierten Hügelgeländes, unterteilt in Hänge und Treppen, alles dicht bewachsen mit tropischer Flora, dazwischen Lichtungen voll üppigster Blüten. Schauten die Augen eines Raubtiers oder einer Schlange aus grünem Laubdickicht, man wäre kaum überrascht. Doch hier zwitschern nur Vögel, huschen Eichhörnchen.

Die Reise führt zuerst über eine Holzbrücke in kräftigem Yves-Klein-Blau in den „Mediterranen Garten“, den Hang hinauf bis zum kunstvoll verzierten Muschelpavillon. Der wird überragt von einer ikonischen Monterey-Zypresse, weithin sichtbar. Diese lebende Skulptur, mehrstämmig mit ausladender Krone, ist ein Wunder der Natur. Sie hat sich in fast 180 Jahren in gerade mal 30 Zentimeter Erde gekrallt, die über dem Granitfelsen liegt.

20.000 Pflanzen aus allen Erdteilen haben hier ein Zuhause gefunden

Hinter dem Pavillon geht es hoch bis zur oberen Terrasse mit spektakulärer Sicht aufs Meer und andere Inselchen. Unzählige Silhouetten markanter mediterraner Bäume bilden ein grünes Ballett mit etlichen Primadonnen. Überall ragen die Wedel diverser Palmen empor, dazwischen die Kronen der australischen Eukalyptusbäume mit ihrem silbriggrauen Laub. Als bizarres Supermodel stemmt sich der meterhohe, nadelspitze Stamm einer Hundertjährigen Agave in den blauen Himmel; Konkurrenz machen australische Norfolk-Araukarien mit ihren steil vertikal stehenden, immergrünen Nadeln.

Das Besondere hier ist der Reichtum an Pflanzen aus Südafrika. Highlight ist eine Sammlung von Zuckerbüschen (Protea), allen voran die Königsprotea (Protea cynaroides). Sie besitzt, mit der größten Blüte von Rahmweiß über Rosa bis Purpur, immensen Showeffekt. Mit anderen Schönheiten ihrer Familie wuchern sie fast wie Unkraut, überlagern ganze Hänge. Dazwischen schimmern metallisch glänzende, silbergraue Blätter des strauchartigen Silberbaums (Leucodendron argenteum), in solcher Fülle fast nirgends in Großbritannien zu erleben.

Blickfang: der Agavenbrunnen
Blickfang: der AgavenbrunnenImago

Dieser Superstar der Kapflora zieht mit seinen leuchtend gelb strahlenden Blüten die Blicke auf sich. Wer zwischen Dezember und März hier ist – dank 20.000 Pflanzen aus allen Erdteilen blüht es fast ganzjährig –, ergötzt sich an den originellen Blütenständen der südafrikanischen Aloe. 60 diverse Arten in großer Farbpalette sind hier vereint.

Im Sommer erobern Tausende von Schmucklilien oder Liebesblumen (Agapanthus) mit ihren Blütenkugeln in betörendem Blau die gesamte Anlage – und weit hinaus bis in die Dünen, da sich ihre Samen mit dem Wind verbreiten. Eine weitere gute Bekannte aus Südafrika schlingt sich über die Hänge, die extravagante Paradiesvogelblume.

Unser Vasenklassiker bekam 1773 den botanischen Namen Strelitzie, als Joseph Banks, Leiter des Botanischen Gartens London, ein Exemplar erhielt. Er ehrte damit die Gattin des Königs Georg III., eine geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz. Botanik kann so spannend sein.

Hier vereinen sich Größenwahn und Altruismus des Gründers

Wie die Geschichte der Entstehung von Tresco Abbey. Als Augustus Smith 1834 an diesem abgelegenen Ort das Gelände pachtet, beflügelt ihn sein Traum: Hier soll der außergewöhnlichste exotische Garten Großbritanniens entstehen. Mit 26 Jahren darf man größenwahnsinnig sein, noch dazu, wenn man finanziell unabhängig ist.

Smith erkennt die perfekte Lage im Golfstrom, ideal für mediterrane und subtropische Pflanzen. Seit Pflanzenjäger vom 18. Jahrhundert an aus fernen Ländern die ungewöhnlichsten botanischen Raritäten mitbrachten, gilt: je exotischer, desto besser.

In der britischen Upper Class ist das der neue Luxus, blühende Trophäen von möglichst weit her in seinen Gewächshäusern zu präsentieren. Aber Philan­throp und Pflanzenliebhaber Smith will kein privates Prestigeobjekt, sondern einen gigantischen Garten mit „tropical touch“ unter freiem Himmel. Und mit dem Bau den hungernden Bewohnern Arbeit und Brot geben.

Lost Place mit Charme: die Ruine der ehemaligen Abtei
Lost Place mit Charme: die Ruine der ehemaligen AbteiRob Besant

Zunächst pflanzt er um die teils steile Hanglage des Geländes einen Schutzwall aus Bäumen gegen die salzigen Winde, kalifornische Monterey-Kiefer und -Zypresse, schnell wachsend und salztolerant. Er studiert, liest, lernt alles über Botanik, tauscht sich bald mit einflussreichen Gartenexperten aus wie Sir William Hooker von Kew Gardens in London. Die Kontakte zahlen sich aus, er erhält Jungpflanzen und Samen vieler begehrter exotischer Pflanzen.

Tresco Abbey füllt sich schnell. Heute wirkt die Anlage wie aus einem Guss. Die Pflanzen sind teils aufgeteilt nach ihren Herkunftsländern, wachsen aber auch in enger Nachbarschaft. So spaziert man nach dem kunterbunten Wunderland überwiegend südafrikanischer Vegetation in Richtung Abtei. Das Bauwerk passt in jeden Pilcher-/Jane-Austen-Film. Romantischer geht nimmer!

Die Ruinen einer Benediktinerabtei aus dem 11. Jahrhundert, Torbögen und Mauerreste betören mit Patina; Sukkulenten, Gräser und Farne wuchern aus allen Mauerritzen. Ein Lost Place, dessen morbider Charme bewusst erhalten wird. Viele Palmen umgeben diesen verwunschenen Bereich, die Kanarische Phoenixpalme, die aus Neuseeland kommende Keulenlilie (Cordyline australis) mit ihren wuscheligen Laubköpfen an langen hohen Stämmen und, alles überragend, die majestätische Honigpalme aus Chile.

Exoten aus Neuseeland, Schönheiten aus Chile

Dazwischen drängen Massen von Flammenlilien aus dem östlichen Australien ans Licht. Aus ihren großen Blattschöpfen ragen meterlange Stiele empor mit feuerroten Blütenständen an den Enden.

Dank des Schutzwalls aus Bäumen glänzt hier auch ein Exot aus Neuseeland in voller Pracht, der Weihnachtsbaum (Metrosideros excelsa). In seiner Heimat entfaltet dieses immergrüne, mehrstämmige Gehölz im Dezember/Januar einen Schirm aus unzähligen Blüten mit Staubgefäßen in kräftigem Rot. Auf Tresco bewundert man das Spektakel mitten im Sommer. An vielen Stellen blitzen dann die roten Kronen hervor. Gleiche Herkunft Neuseeland, doch eine ganz andere Szenerie überrascht im unteren Bereich, wo es schattiger und kühler ist. Ein Wald mit urzeitlich wirkenden Baumfarnen, ein geheimnisvolles, magisches Dickicht.

Man verliert sich in einem Geflecht aus immensen Farnwedeln – zu Füßen, neben, über einem. Kaum noch Himmel, dafür ganz viele grüne Facetten und fast modrige, feuchte Luft. Hier sind diese Pflanzen winterhart, denn im Winter liegt die Temperatur bei rund fünf Grad plus, im Sommer bei 27 Grad. Regentage gibt es durchschnittlich 230. Die guten Bedingungen schätzen auch Schönheiten aus Chile wie die Engelstrompete (Brugmansia) mit ihren cremeweißen, röhrenförmigen Blütenkelchen, die Wachsglocke oder Bromelien mit ihrem metallisch blau schimmernden, immergrünen Laub.

Wohin das Auge blickt, die Flora fasziniert mit Wow-Faktor: Eine spektakuläre Inszenierung ist die lange Echium-Allee, flankiert beidseitig mit Riesennatternköpfen (Echium pininana) von den Kanaren. Bis zu vier Meter hoch ragen die nadelspitzen zylindrischen Stämme empor, übersät mit Hunderten Blüten, blitzblaue Juwelentürme und grandioses Büfett für Insekten. Später ergießen sich darunter Wogen zarter Blüten in kräftigem Pink, fast kitschig schön. Es sind Nerinen, Liliengewächse aus Südafrika.

Von dort stammt auch die Watsonia (benannt nach dem englischen Botaniker Sir William Watson), die wunderbar invasiv längst große Teile des Geländes erobert hat. Im Juli/August schenkt sie mit fragilen Röhrenblüten an langen Stielen Hunderte impressionistische Tupfer in Gelb, Lachsrosa, Pink und Violett – fröhliche florale Eye-Catcher. Man verliebt sich sofort. Kleiner Trost: Bei uns gedeihen beide Pflanzen (mit Glück) im Kübel.

Pflanzenenthusiasten werden dieses botanische Eldorado beglückt stundenlang durchstreifen. Der normale Gartenliebhaber genießt schlicht den reizvoll angelegten Reichtum dieses Gartens, der sich über 70 Hektar erstreckt und wie eine Mischung aus Karibik, Cornwall und Côte d’Azur wirkt.

Gut möglich, dass Herzogin Kate und Prinz William des Weges kommen

Dass vor rund 30 Jahren eine Kältewelle große Teile der Pflanzen zerstörte und drei Jahre später ein Tornado – nichts mehr ist davon zu sehen, blitzschnell erholte sich die Natur. Auch durch die Arbeit von Head Gardener Andrew Lawson, seinen sieben Gärtnern, vielen Freiwilligen und Studenten. Die Nachfahren des visionären Gründers, die Familie Dorrien-Smith, lebt noch immer im turmbewehrten Haus auf einem Hügel oberhalb der Abtei-Ruine.

Aber sie ist nur Pächterin dieser elysischen Gefilde: Eigentümer ist der Herzog von Cornwall. Es kann also passieren, dass dem ahnungslosen Besucher auf dem Weg zwischen den Dünen zum (sehr empfehlenswerten) Pub „The New Inn“ Prinz William und Herzogin Kate samt Nachwuchs begegnen. Sie reisen meist nicht per Boot an, sondern mit dem Hubschrauber, der Landeplatz liegt kurz vor dem Eingang zum Garten. Das Dröhnen der Rotoren ist der einzige Lärm, der das Paradies kurz beeinträchtigt.