Energieökonom im Gespräch: „Wir zu tun sein weg vom Gas“

Herr Löschel, die Bundesregierung erlaubt nun doch neue Gasheizungen, und Tage später verdoppelt sich der Erdgaspreis wegen des Irankrieges. Schlechtes Timing, oder?

Wenn die Botschaft wirklich ist, „zurück in Richtung Gas“, dann ist das schlechtes Timing. Wir sollten weiter den Gasverbrauch senken, wegen der Energiewende und auch wegen der Energiesicherheit. Das gilt insbesondere beim Heizen, wo es mittlerweile mit der Wärmepumpe oft eine gute Alternative gibt.

Wie prekär ist die Versorgungslage: Wird Gas nur teurer oder auch knapp?

Im Moment sehe ich das vor allem als Preisfrage. Der Winter liegt fast hinter uns, die Gasspeicher reichen trotz nied­riger Füllstände aus. Das Problem ist jedoch: Wir müssen sie bis nächsten Herbst rasch wieder auffüllen, und das ist in der aktuellen Situation eine Herausforderung. Und wenn die Gaspreise länger hoch bleiben, dann wird auch die Frage aufkommen, wie man damit umgeht.

Welche Lehren sollte die deutsche Energiepolitik daraus ziehen?

Wir müssen weg vom Erdgas und vom Erdöl, Schritt für Schritt. Dafür müssen wir erstens die Importmengen senken und zweitens die Importe stärker auf mehr Lieferanten als bislang verteilen. Bei beiden Punkten müssen wir nachbessern. Als Reaktion auf die letzte Energiekrise ist der Gasverbrauch 2022 und 2023 zurückgegangen, aber er steigt seitdem wieder an – auch weil die Gaspreise gefallen sind und damit der Druck, Gas einzusparen und durch Alternativen wie erneuerbare Energien zu ersetzen, geringer geworden ist.

An diesem Punkt waren wir schon mal: Vor vier Jahren hat der damalige FDP-Chef Christian Lindner die erneuerbaren Energien als „Freiheitsenergien“ gepriesen, weil sie unabhängig machten von Öl- und Gasimporten.

Der Energieökonom Andreas Löschel, 54, ist Professor an der Universität Bochum und Vorsitzende der Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring der Bundesregierung.
Der Energieökonom Andreas Löschel, 54, ist Professor an der Universität Bochum und Vorsitzende der Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring der Bundesregierung.Saskia Stöhr

Bei aller Diskussion über die Kosten der Energiewende: Erneuerbarer Strom kann Abhängigkeiten reduzieren, in der Industrie, beim Autofahren durch E-Autos oder beim Heizen mit der Wärmepumpe. Elektrifizierung wird nicht überall die Antwort sein, aber in vielen Bereichen ist sie einfach sinnvoll.

Immerhin gibt es die Gasabhängigkeit von Russland nicht mehr.

Ja, mit dem Bau von Importterminals für Flüssigerdgas, dem LNG, haben wir neue Optionen geschaffen. Das hat die Resili­enz unserer Gasversorgung massiv erhöht. Nun gilt es, die Diversifizierung weiter zu erhöhen: Wir müssen uns breiter aufstellen beim LNG-Import. Zuletzt kam neues Flüssiggas vor allem aus den USA.

Braucht Deutschland staatliche Gasnotvorräte so wie beim Öl?

Die Frage ist ja: Wie schafft man höhere Füllstände, ohne marktliche Anreize und Verantwortlichkeiten bei der Befüllung der Speicher auszuhebeln? Strikte Füllstandsvorgaben leisten das nicht. Deshalb sollten wir Alternativen prüfen. Der Aufbau einer strategischen Erdgasreserve könnte eine solche sein.

Wie heizen eigentlich Sie selbst daheim?

Nach der Havarie der Gasheizung habe ich vor zwei Jahren eine Wärmepumpe angeschafft. Das Haus ist ein Altbau, ein Reihenmittelhaus. Auch ohne bauliche Maßnahmen hat das jetzt zwei Winter gut funktioniert und war im Betrieb bil­liger. Aber natürlich gibt es Fälle, wo die Wärmepumpe ungeeignet ist. Da muss man gut hinschauen.

Wärmepumpen sind teuer. Eine Grüngasheizung, die mit Biomethan oder Wasserstoff betrieben werden soll, könnte vielen als preisgünstige Alternative erscheinen.

Die geplante Lockerung der Einbau­vorgaben soll ja zunächst einmal die individuell beste Option für die neue Heizung ermöglichen. Aber damit das funktioniert, muss man sehr ehrlich über die bestehenden Möglichkeiten sprechen, auch darüber, wie diese längerfristig abschneiden. Sonst ist die Gefahr, dass einfach wieder eine Gasheizung eingebaut wird. Doch Grüngas wird knapp sein, es wird eine große Nutzungskonkurrenz geben.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche steuert nicht nur beim Heizen um, sondern in der Energiewende insgesamt. In die richtige Richtung?

Im Prinzip ist es richtig, stärker auf Wirtschaftlichkeit und auf die Kosten der Energiewende zu achten. Ansonsten wird es sehr schwierig, die ambitionierten Ziele umzusetzen. Zwar sind Details in der Umsetzung noch unklar, aber sie spricht die richtigen Themen an, oft auch mit starkem Gegenwind. Ihr Netzpaket zum Beispiel adressiert ein echtes Problem: Erneuerbarenausbau und Netzkapazitäten passen oft nicht gut zusammen. Deshalb müssen wir uns damit befassen, wie die knappe Ressource der Netze bestmöglich genutzt werden kann. Und es ist auch richtig, sich damit zu befassen, wie es mit der Förderung der erneuerbaren Energien weitergehen soll.

Reiche sagt, sie setze auf mehr Marktwirtschaft. Tut sie das?

Das ist sicher der Leitgedanke hinter den verschiedenen Initiativen. Wie gut das gelingt, wird sich in der Umsetzung zeigen. Beispiel Versorgungssicherheit: Deutschland braucht eine Absicherung für Flautezeiten, wenn zu wenig Wind- und Sonnenstrom erzeugt wird. Dafür will die Bundesregierung insbesondere neue Gaskraftwerke bauen. Das ist kurzfristig sinnvoll. Aber in einem zweiten Schritt braucht es dann einen Technologiewettbewerb zwischen den steuerbaren Kapazitäten, Nachfrageflexibilitäten und Speichern mit unterschiedlichen Einsatzdauern. Hier spielen Details eine große Rolle, und die sind noch nicht klar.

Und wie steht es um die Marktwirtschaft in den Stromnetzen?

Bei den Netzen gibt es ein Bündel von Initiativen, etwa zu den Netzanschlüssen oder zur regionalen Steuerung des Erneuerbarenausbaus. Oft wird dabei stärker auf administrative Instrumente gesetzt. Netzanschlüsse sollen zum Beispiel in Abhängigkeit vom Reifegrad vergeben werden. Das liegt nahe, aber Auktionen oder ein Markt für Anschlusskapazitäten wären wohl marktwirtschaftlicher. Ein anderes Beispiel ist der sogenannte Re­dispatch-Vorbehalt.

Das bedeutet: Betreiber von Wind- und Solarparks sollen keine Entschädigung mehr bekommen, wenn ihre Anlagen wegen Netzengpässen vorübergehend abgeregelt werden.

Genau. Im Kern geht es um die regionale Steuerung von Investitionen, um das Stromsystem effizienter zu machen. Die marktwirtschaftliche Lösung, mit dem Problem umzugehen, wäre es, räumlich differenzierte Preise in Deutschland zuzulassen, auch wenn das politisch heikel ist.

Das will die Regierung aber nicht.

Bisher gibt es eine einheitliche Strompreiszone für ganz Deutschland. Mit einer geographischen Aufteilung des Strommarkts wären die Strompreise in unterschiedlichen Regionen verschieden und würden aufzeigen, ob in der Region gerade viel oder wenig Strom zur Ver­fügung steht. Das setzt die richtigen Anreize für Investitionen und Betrieb. Strompreise in Regionen mit viel er­neuerbarer Energieerzeugung werden tendenziell niedriger sein, was Anreize schafft, dass große Stromverbraucher wie etwa Rechenzentren sich dort an­siedeln. Und wenn Erzeugung und Verbrauch enger zusammenrücken, entlastet das die Netze, weil weniger Strom quer durch die Republik transportiert werden muss.

Ist die geplante Abschaffung der garantierten Einspeisevergütung für Sonnenstrom von privaten Haus­dächern richtig?

Die Investitionskosten bei PV-Dachanlagen liegen in der Regel um den Faktor 3 höher als bei großen Freiflächenanlagen. Deshalb ergibt es rein ökonomisch Sinn, die staatliche Unterstützung stärker auf große Anlagen auszurichten.

Wenn der CO2-Preis im europäischen Emissionshandel steigt, werden dann nicht fossile Kraftwerke automatisch durch Ökostrom verdrängt?

Das wird zunehmend passieren. Aber nur wenn wir konsequent am CO₂-Preis festhalten. In der öffentlichen Diskussion sehe ich eher Gegenbewegungen, und das ist problematisch.

Bundeskanzler Friedrich Merz äu­­ßerte sich kürzlich skeptisch zum Emissionshandel.

Daraufhin fiel der CO2-Preis am Markt, und der Kanzler hat seine Unterstützung für marktwirtschaftlichen Klimaschutz am nächsten Tag klargestellt. Aber die öffentlichen Diskussionen untergraben das Vertrauen in dieses zentrale Instrument.

Eine Studie ergab vergangenes Jahr, dass große Stromverteilnetzbetreiber wie Eon, die ja in ihren Regionen Monopolisten sind, hohe zweistellige Renditen erzielten. Gibt es hier Handlungsbedarf für die Regierung?

Lokale Marktmacht gibt es nicht nur im Stromverteilnetz. Die Monopolkommission hat kürzlich auf bestehende Wett­bewerbsprobleme in verschiedenen Bereichen hingewiesen, etwa in der Fernwärme und bei der Ladeinfrastruktur für E-Autos. Die Schlussfolgerung: Ohne Wettbewerb keine Energiewende.

Die Politik muss also für mehr Wettbewerb sorgen?

Ja, bei der Integration der Erneuerbaren, bei den Reservekapazitäten, bei der Digitalisierung. Die rasche Installation von Millionen von digitalen Stromzählern in den Haushalten, sogenannten Smart Metern, ist für die Energiewende von größter Bedeutung. Auch das sollte im Wettbewerb stattfinden, was bisher aber offenbar nicht vorgesehen ist.

Fassen wir zusammen: Wenn Sie sich drei Dinge für die deutsche Energiepolitik wünschen dürften, was wäre das?

Als Erstes wünsche ich mir, dass wir die lokalen Strompreise einmal vorbehaltlos durchdenken, das wäre ein großer Wurf. Zweitens sollten wir alle uns stärker als bisher hinter dem CO2-Preis als Leit-instrument beim Klimaschutz versammeln. Und drittens würde ich mir einen neuen Anlauf beim Thema Wasserstoff wünschen. Hier gibt es großen Handlungsbedarf, und Wasserstoff ist in vielen Bereichen ohne wirkliche Alternativen.