Endlich Freitag: Wieder Weimer, Gelbe Briefe, Guter Kohl
Ist Wolfram Weimer nur instinktlos oder verfolgt er eine rechte Agenda? Berlinalegewinner „Gelbe Briefe“, der jetzt im Kino startet, spielt fiktiv durch, was passiert, wenn Kunstfreiheit eingeschränkt wird. Der „Freitag“-Blick auf den Tag
Newsletter-Logo „Endlich Freitag“
Hallo,
nun ist es schon wieder passiert. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat drei Buchhandlungen, die sich als links verstehen, von der Liste für den Deutschen Buchhandlungspreis gestrichen. Die Begründung – „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ – erscheint fadenscheinig, der Vorgang an sich ähnelt dem im Anschluss an die Berlinale: Weimer kommt es offenbar darauf an, eine Bereitschaft zum „Durchgreifen“ zu signalisieren, wobei die Geste an sich wichtiger ist als die Sinnhaftigkeit des Eingriffs.
Newsletter Endlich Freitag
Placeholder image-5
Sie lesen Endlich Freitag! – der Blick auf den Tag – direkt aus der Freitag-Redaktion. Sie können Endlich Freitag! auch als Newsletter abonnieren. Hier können Sie sich registrieren
Die betroffenen Buchhandlungen dürfen sich geehrt fühlen; als Kulturpolitiker hat Weimer erneut eine Instinktlosigkeit bewiesen, über die man gern abfällig den Kopf schütteln würde, wenn sich dahinter nicht die Neigung zum Rechtsdrall und der in den USA vorgelebte Backlash abzeichnen würden gegen alles, was Diversität, Gleichberechtigung und Integration heißt.
Der Berlinale-Gewinnerfilm Gelbe Briefe von İlker Çatak, der heute im Kino startet, passt deshalb so gut in die Zeit, weil er danach fragt, wie man sich als engagierter Künstler in einer Situation verhält, in der sich die politischen Verhältnisse zuspitzen. Welchen Job nimmt man an, auch wenn einem der Auftraggeber politisch nicht passt? Patrick Heidmann hat darüber mit Çatak selbst gesprochen. Und Georg Seeßlen schaltet sich in die Debatte um Politik und Kultur mit einem Plädoyer ein, das Moral und Empathie gegen Freund/Feind-Konstruktionen setzen will.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
Placeholder image-1
➜ Der Kohl: Er ist das It-Gemüse der Saison! Ich finde schon allein der Anblick macht froh, besonders wenn es um Rotkohl und seine expressiven weiß-roten Verknotungen geht. Und Laura Ewerts scharfzüngige Erläuterungen zu „Cabbagecore“, einem Phänomen, das von Rezepten über Mode bis hin zu Zohran Mamdanis Wahlerfolg reicht, bringen Humor und Frische in den zu oft von schlechter Laune bestimmten Kulturkritikeralltag.
3. Kultur-Tipp
Placeholder image-2
➜ Gut zu schauen:
Das „IP-Melken“, die Ausschlachtung von „intellektuellem Eigentum“ bis zum letzten kreativen Funken, hat einen schlechten Ruf. Schon wieder Sherlock Holmes, fragt man sich skeptisch angesichts der neuen Prime-Video-Serie Young Sherlock. Aber dann beweist die von Guy Ritchie mitentwickelte britische Produktion, wie schön eine gelungene Mischung aus Alt und Neu sein kann. Der junge Sherlock ist wie all seine erwachsenen Verkörperungen ein scharfer Beobachter seiner Umgebung mit wenig Respekt für Autoritäten; Hero Fiennes Tiffin verleiht ihm einen an Holden Caulfield aus Salingers Fänger im Roggen erinnernden Aufschneider-Charme.
Die geniale Idee der Serie besteht darin, aus Holmes’ ewiger Nemesis James Moriarty den ersten engen Studienfreund am College in Oxford zu machen. Als Außenseiter verbünden sich Sherlock und James in einer sich überschlagenden Handlung, die in Guy-Ritchie-Manier markante Action mit ebensolchen Dialogen verbindet. Als Zuschauer genießt man die zusätzliche Spannung, die über dieser Freundschaft liegt, von der man weiß, dass sie in Feindschaft umschlagen wird.
Placeholder image-3
4. Lese-Empfehlung
➜ Wenn die Realität in die Fiktion einbricht: Unsere Autorin Eva Marburg hat Ole Lagerpusch interviewt, den Schauspieler in Bochum, der aus dem Publikum heraus angegriffen wurde, weil er einen Faschisten spielte
Placeholder image-6
Am Schauspielhaus Bochum wurde am Ende der Premiere von Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten der Schauspieler Ole Lagerpusch während seines Schlussmonologs in der Rolle eines Rechtsnationalen vom Publikum tätlich angegriffen und beschimpft. Wie kommt es dazu, dass Menschen auf die Bühne springen und die Rede eines Schauspielers verhindern wollen? Über das Theater als Ersatzhandlung und warum er glaubt, dass man gewisse Situationen im Theaterraum aushalten muss.
der Freitag: Herr Lagerpusch, jetzt sind wenige Wochen vergangen, seit zwei Männer Sie während Ihres Schlussmonologs von der Bühne zerren wollten. Wie haben Sie sich auf die zweite Vorstellung eingestellt?
Ole Lagerpusch: Die zweite Vorstellung fand am nächsten Tag statt und es wurden Vorkehrungen getroffen. Es gab eine Ansage, dass von Ton- und Videoaufnahmen abgesehen werden solle. Die Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin Angela Obst bat vor Beginn darum, den geschützten Raum des Theaters zu respektieren. Deswegen waren die Reaktionen von Publikumsseite sehr verhalten. Das war mit nichts zu vergleichen, was sich am Vortag abgespielt hatte.
Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen nun in die nächsten Vorstellungen und was hat das Premierenereignis für Ihre Arbeit verändert?
Ich war ziemlich durch den Wind und auch ein Stück weit verstört. Bei der zweiten Vorstellung habe ich darum gebeten, am Nachmittag meinen kompletten Text auf Video aufzunehmen. Zu Beginn meiner Szene ist es sowieso so, dass die ersten Sätze per Video kommen und ich dann live übernehme. So eine Situation wie bei der Premiere habe ich als Schauspieler noch nicht erlebt, und es hätte ja sein können, dass ich zwei Minuten vor meinem Auftritt plötzlich hyperventiliere oder sage, ich kann nicht.
Das wär’s für heute – am Ende einer Woche, von der man nur hoffen kann, dass nicht noch mehr schlechte Nachrichten hereinbrechen.
Viele Grüße,
Ihre
Barbara Schweizerhof
Placeholder image-5
Sie lesen Endlich Freitag! – der Blick auf den Tag – direkt aus der Freitag-Redaktion. Sie können Endlich Freitag! auch als Newsletter abonnieren. Hier können Sie sich registrieren
Placeholder image-4
Hat Ihnen die Ausgabe gefallen oder habe ich etwas vergessen? Dann freue ich mich über Ihr Feedback – per Mail an film@freitag.de