Endlich Freitag: Italiens Linke, Zidanes Rückkehr, ostdeutsche Fotografie

Hallo,

„Si“ oder „No“? Das war die Frage, die die Italiener vor wenigen Tagen beantworten sollten. Sie standen nicht vor dem Altar oder wetteten, ob die Azzurri es schaffen würden, sich noch für die Fußball-WM im Sommer zu qualifizieren. Sondern es ging um ihre politische Kultur, genauer gesagt: um den Umbau des Staates im Sinne von Giorgia Meloni. Meine Schwiegerfamilie machte sich große Sorgen. Und manche Italiener, die längst in Deutschland leben, wunderten sich, warum sie diesmal keine Briefwahlunterlagen von der Botschaft geschickt bekamen.

Meloni wollte mit einem Referendum mehr Einfluss für die ausführende Regierung und mehr Kontrolle über Richter und Staatsanwälte – ein Angriff auf die Gewaltenteilung und der erste Schritt in Richtung eines autoritärer agierenden Staates.

Doch diesmal wählten die meisten Italiener nicht Giorgia, sondern: No! Eine Sensation. Das war vor allen Dingen der sozialdemokratischen PD und Elly Schlein sowie der Gen Z und deren massiven Aktionen auf Straßen und Plätzen zu verdanken. Womöglich auch dem Instinkt vieler Menschen, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Am Ende jubelten sie. Italienische Richter sangen „Bella Ciao“. Das andere Italien ist aufgewacht.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Zidane kehrt zurück:Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich schaue Fußballspiele meist wegen der Spieler, diesen tragischen Helden. Als Kind sah ich, wie Roberto Baggio bei der WM 1986 den entscheidenden Elfer verschossen hat und weinte. Maradona und die Hand Gottes. Und dann Zidanes Kopfstoß von 2006. Ich war Riesenfan, hatte Zidanes Familie in Marseille getroffen und bin später sogar ihm selbst begegnet. Meine Kolleginnen schenkten mir Douglas Gordons ikonischen Film über Zidane.

Danach verfolgte ich ihn als Trainer, wie er im maßgeschneiderten schwarzen Anzug an der Seitenlinie des Madrider Bernabeú-Stadions auftrat und dreimal die Champions League gewann. Die aktuelle Schlagzeile geht im lauten Weltgeschehen natürlich unter: Zidane wird französischer Nationaltrainer! 1998 hatte er zusammen mit Didier Deschamps den WM-Titel gewonnen (Blanc, Black, Beur). Nach dem Sommer soll Zidane sein Nachfolger werden. Ich kann es kaum erwarten. Dieses Dreieck – Fußball, Frankreich, Zizou – ist immer magisch. Werde ich nostalgisch?

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu sehen:Auch ich war dieses Jahr wieder bei der Leipziger Buchmesse, konnte dort moderieren und Autoren und Autorinnen des Freitag treffen. Außerdem sahen wir uns die Fotografien von Ulrich Wüst an, die in einem modernen Flachbau gerade gezeigt werden, drumherum Villen und viel Grün.

Sarah Alberti hatte im Freitag über die Schau geschrieben und meine Neugier geweckt. Es war wie ein Spaziergang durch meine eigene Kindheit. Auf schnörkellosen, dokumentarisch wirkenden Schwarz-Weiß-Fotos wandelte man auf den Spuren der DDR und der Nachwendezeit, ein leerer Konsum an einer Bushaltestelle, daneben das Schild: Sozialismus heißt Frieden.

Ostberliner Neubauten, verblichene Kosmetik-Werbung an einer bröckelnden Häuserwand, neue Reno-Filialen in der Provinz. Oder die Silhouette aus Fernsehturm, Rotem Rothaus und Palast der Republik. Seltsam vertraut, dieses „Wandern in Geschichte“. Planen Sie ein Wochenende in Leipzig, die Ausstellung läuft bis Juni.

Zur Ausstellung

4. Lese-Empfehlung

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➜ Was tun Männer gegen Einsamkeit?
Es ist noch immer ungewöhnlich, wenn Männer öffentlich über ihre Ängste, Depressionen, Süchte und das Alleinsein reden. Meine Kollegin Katharina Körting hat ein Gespräch mit Daniel Haas geführt, in dem es genau darum geht. Wie ist es, wenn man nicht mehr funktioniert, in schwarze Löcher fällt. Stress, Panik, Burnout.

Der Journalist hat ein Buch darüber geschrieben, wie er sich dann ins Netz und in Streamingdienste hineingegraben hat, wie „mental komplett verrottet“ er war. Und wie ambivalent Erfolg sein kann, die permanente Selbstbezogenheit.Er plädiert für einen anderen Umgang mit Social Media und für mehr Mitmenschlichkeit. Ist aber keine Predigt, eher eine Befreiungsgeschichte.

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der Freitag: Herr Haas, Sie haben ein sehr persönliches Buch über Einsamkeit geschrieben. Warum haben Sie das getan?

Daniel Haas: Die Zeit zwischen 2019 und 2022 war für mich eine Phase voller Zusammenbrüche und Katastrophen, zum Teil selbstverschuldet. Erst kam ein schlimmer Burnout, dann die Pandemie, dann suizidierte sich meine Mutter, meine Partnerin verließ mich, und der Ehemann meiner Mutter hat das Vermögen meiner Mutter verschleudert.

Ihr Text ist autobiografisch?

Ja, außer ein paar Verkürzungen und Zuspitzungen ist alles exakt so passiert. 2023 kam ich dann wieder auf die Beine, und aus einer Einsamkeitskolumne für den Spiegel entstand die Idee, ein Buch zu machen, als Erzählung.

Hatten Sie keine Sorge, Ihren Ruf als Journalist zu ruinieren? Einsamkeit ist nicht gerade ein Statussymbol …

Manchmal male ich mir mit Lustangst so eine Szene aus, wie ich in der Buchhandlung erkannt werde. Wie jemand ruft und mit dem Finger auf mich zeigt „Guck mal, das ist doch der, der so einsam ist“, und wie ich mich dann hinter einem Caroline-Wahl-Buch wegducke.

➜ zum ganzen Text

Das war’s von mir für heute, die Woche schwankt so langsam Richtung Ende. Gehen Sie doch mal wieder in eine Ausstellung. Oder schauen Sie morgen lieber die Playoffs für die restlichen WM-Qualis?

Viele Grüße,

Ihre

Maxi Leinkauf

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