Endlich Freitag: Heimatfragen, Ostdeutschland-Ikone und Polizeiruf aus Halle
Über die Frage, was Herkunft bedeutet, eine subversive Fledermaus und Peter Kurths Abschied als Kommissar. Der „Freitag“-Blick auf den Tag
Hallo,
ich musste in diesen Tagen wieder an meine Kindheit denken, und an meine Freundin, die aus einem Land in die DDR kam, in dem gerade Krieg ist. Sie war mit ihren Eltern Mitte der 80er-Jahre aus dem Iran nach Ostberlin geflüchtet, ihr Vater war Kommunist. Wir lebten dann in einem Plattenbau und ich dachte, das sei jetzt auch ihre Heimat geworden. Dass sie eine andere hatte, andere Lieder, andere Erinnerungen, das habe ich erst viel später verstanden.
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„Vielleicht ist Heimat ja nur ein Stück Haut, ein Streicheln, ein Lied, ein Baum. Und ein Garten, indem man Blumen klaut und die eigene Kindheit als Traum“, hatte Bettina Wegner gesungen.
Und im Radio hörte ich Cem Özdemir schwäbeln, der gerade im Wahlkampf im Ländle unterwegs ist. Der Grünen-Spitzenkandidat witzelte über bayerischen Hochmut und feierte die Kehrwoche. Im Ernst? Er hatte ewig in Berlin-Kreuzberg gelebt. Aber vielleicht stimmt es, dass es Menschen, wenn sie älter werden, zurück zu den Wurzeln zieht. Auch der PEN organisiert in diesem Jahr eine deutschlandweite Gesprächsreihe über Heimat, erst im Westen, dann im Osten – nach dem Motto: „Ist das noch|schon mein Land?“
Heimat ist also wieder Thema. In unsicheren Zeiten will man sich an etwas festhalten, das überschaubar ist.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Abriss des SEZ gestoppt: Diesen März sollten die Bagger kommen. Aber jemand hat die Rechnung ohne die Fledermäuse gemacht. Genauer gesagt: ohne die Zwergfledermäuse! Nun ist der Abriss des SEZ vorerst gestoppt. Die DDR-Ikone, das ehemalige Berliner Sport- und Erholungszentrum, soll trotz massiver Bürgerproteste einem Wohngebiet weichen. Mein Kollege Sebastian Bähr hatte die Debatten um das Architekturdenkmal in seiner Reportage beschrieben.
Warum jetzt also der Stopp? Der Abriss würde dazu führen, dass besonders geschützte Arten einem erhöhten Tötungsrisiko ausgesetzt sind – so haben die NaturFreunde Berlin argumentiert. Diese Arten würden in der ab März beginnenden Balz-, Brut- und Aufzuchtzeit gestört und ihre Lebensstätten zerstört. Wow. Ausgerechnet Batman, ein amerikanischer Superheld, schützt den ostdeutschen Freizeittempel – oder verzögert zumindest sein Verschwinden.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen: Wer guckt schon Tatort, wenn es Polizeiruf 110 gibt? Ich sage nur Rostock, aber Charly Hübner alias Bukow ist längst nicht mehr da. Dafür ist Peter Kurth gekommen, der als Kommissar Henry Koitzsch in Halle ermittelt. Der Kaputte, der Whisky-Trinker, ein Typ, so allein wie seine Mordopfer. Doch leider ist er schon wieder weg, nach nur drei Folgen. Gerade ist die letzte gelaufen: Der Wanderer zieht von dannen. Wieder spielt sie in verlassenen Wohnzimmern, Abbruchhäusern, geografischen und emotionalen Randgebieten. Kein Wunder, der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer hat für diese Polizeiruf-Reihe die Drehbücher verfasst, er schreibt gerne über Nachwendeverlierer, Gebrochene in ostdeutschen Landschaften. Diese Polizeirufe sind mehr als nur Kriminalfälle, sie sind eine Liebeserklärung an Menschen, die hängen bleiben. Alle drei Folgen können Sie in der ARD-Mediathek sehen.
4. Lese-Empfehlung
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➜ Sie war Hannah Arendts einzige Doktorandin: Was lernen wir von Elisabeth Young-Bruehl? Wie muss das wohl sein, immer nur als „Schülerin von“ wahrgenommen zu werden? Elisabeth Young-Bruehl, die einzige Doktorandin, die Hannah Arendt jemals hatte, ist damit pragmatisch umgegangen. Sie habe schnell gewusst, wer von beiden das Genie war und wer nicht. Philosophin und Freitag-Autorin Eva von Redecker kannte Young-Bruehl persönlich und porträtiert sie für uns aus Anlass ihres 80. Geburtstages.
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Hannah Arendt inspiriert inzwischen Generationen von Philosophen und prägt für viele das Bild dessen, was das überhaupt ist: eine Philosophin. Aber obwohl sie die letzten 15 Jahre ihres Lebens an verschiedenen Universitäten an der amerikanischen Ostküste lehrte – zuletzt und am längsten an der New School in New York –, hatte Arendt doch im engeren Sinne nur eine einzige Schülerin. Niemand außer Elisabeth Young-Bruehl hat je bei ihr promoviert.
Dieses Betreuungsverhältnis darf man sich weder nach den Maßstäben der anonymen Massenuni noch nach denen serviceorientierter Eliteinstitutionen vorstellen, sondern folgendermaßen: Nachdem Young-Bruehl ein Jahr als Doktorandin eingeschrieben war, trafen sich die beiden zur ersten Besprechung. Arendt lud zum Abendessen in ein gediegenes Restaurant. Erst beim Nachtisch fragte sie nach dem Stand der Dinge.
Feedback
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Das war’s von mir für heute, die Woche schwankt so langsam Richtung Ende. In welcher Heimat Sie auch gerade sind, gehen Sie in die Sonne!
Viele Grüße,
Ihre
Maxi Leinkauf
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