Endlich Freitag: Glatteis wie Klassenfrage, Kultur im Osten, Kino-Tipp

Das Glatteis wird zur Klassenfrage, es gibt gute Nachrichten aus Sachsen-Anhalt – und wer eine lustige Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen sucht, sollte ins Kino gehen. Der „Freitag“-Blick auf den Tag

Bewegen Sie sich gerne auf unsicherem Terrain? Kann aufregend sein. Ich habe in diesen Tagen wieder Nina Chubas Song Glatteis!gehört.

„Mit zweihundert km∕h
Glatteis, Autobahn
Ist mir alles scheißegal
Nur dieses eine letzte Mal“

Dieser eine Mensch, den man unbedingt sehen muss, egal, was der Preis ist! Das klingt romantisch. Ganz anders sieht es aus, wenn ein „Uber Eats“-Fahrer ins Schlingern kommt und mit seinem Fahrrad mitten auf die Fahrbahn kippt. Das soll laut Medienberichten in Berlin geschehen sein. Er habe „Help me!“ gerufen, aber die meisten Leute sollen einfach weitergegangen sein.

Der Essenslieferer hatte keine Wahl, er musste zum Kunden, er musste liefern – fehlendes Streusalz hin oder her. Andere hingegen würden gerne raus auf die Straße, können aber nicht. Das hat verschiedene Gründe. Unterm Strich steht die Erkenntnis, die wir hier beim Freitag oft haben: Glatteis auf Gehwegen ist auch eine Klassenfrage. Mein Kollege Jörg Wimalasena hat aufgeschrieben, warum das so ist.

Eine Rentnerin traut sich nicht aus dem Haus, obwohl sie dringend zum Arzt muss. Wer wenig Geld hat, kann sich weder ein Taxi leisten noch Mittagessen bestellen. Wer allein ist, keine Freunde oder Verwandte hat: Pech gehabt. Privatsache. Zieht sich die Stadt aus der öffentlichen Daseinsfürsorge zurück? Zumindest das Streusalzverbot wurde in Berlin aufgehoben.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

Placeholder image-1

Die Finanzierung des nächsten OSTEN-Festivals ist gesichert!

Es ist eine wunderbare Nachricht in diesen eisigen Tagen.Das Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, wo die Mehrheit des Stadtparlaments von der AfD gestellt wird, soll zwischen dem 12. und 27. September 2026stattfinden

– alsokurz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Der Dramaturg und Mitbegründer Aljoscha Begrich beobachtet in Bitterfeld die Transformation ostdeutscher Landschaft und hat bei uns schon einmal erzählt,was Bitterfeld für ihn ausmacht. Dieses Jahr läuft das Festival unter dem Motto: KRAFTWERK ZUKUNFT. Wo, wenn nicht dort?

3. Kultur-Tipp

Placeholder image-2

➜ Gut zu sehen: Wie wär’s: Mit den Großeltern ein Glas Champagner vor dem Frühstück trinken? Oder im Schauspielseminar als Nilpferd klassische Texte rezitieren? Das sind Szenen aus Simon Verhoevens Romanverfilmung von Joachim Meyerhoffs Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Eine Besprechung meiner Kollegin Jenni Zylka finden Sie hier ➜.

Der Film ist eine Komödie, aber es geht um Existenzielles. Darum, seinen Träumen zu folgen, auch wenn man im Leben gerade gegen alle Wände knallt, nicht klarkommt mit sich und seinem Schmerz. Darum, herauszufinden, wer man ist. Darum, gegen abstrus abgehobene Vorgaben an der Schauspielschule zu rebellieren.

Bei den schrulligen Großeltern (gespielt von Senta Berger und Michael Wittenborn) wurde mit dem Enkel getrunken und sich unterhalten. „Sie stellten mir Fragen“, sagte Meyerhoff mal. Ich musste noch tagelang an den Film denken. Wann ging Ihnen das das letzte Mal so?

Zum Trailer

4. Lese-Empfehlung

Placeholder image-3

Die jüdische Schriftstellerin Maria Lazar wird wiederentdeckt. „Die musst Du unbedingt lesen“, hatte mir eine Wiener Freundin und Journalistin schon vor Jahren von Maria Lazar vorgeschwärmt. Lazar gehört zu den deutschsprachigen jüdischen Autorinnen, die mit dem aufkommenden Nationalsozialismus nicht mehr publizieren konnten. Für ihre Short Stories musste sie sich hinter dem Pseudonym Esther Grenen verstecken und vor den Nazis fliehen. Freitag-Autor Michael Hametner stellt sie und ihre eigenwilligen Geschichten vor.

In einer Geschichte geht es um einen Parfüm-Vertreter, der sich in das Geschäft der Madame Bosquet verirrt, einer Witwe, auf die er großen Eindruck macht. Sie möchte ihn auch beeindrucken und das endet in schwarzem Humor. Maria Lazar, die mit Helene Weigel auf eine Schule ging und mit Brecht häufig aneinanderkrachte, kann erzählen.

Placeholder image-6

„Für Liebhaber der kurzen Erzählung ist gerade im Wiener Verlag Das vergessene Buch der BandGedankenstrahlenmit 30 Short Stories und einer Novelle von Maria Lazar (1895 – 1948) erschienen. Sie bieten dramatische Geschichten mit kraftvollen Figuren, in Sprache gesetzt, die genau ist, niemals selbstverliebt, und schließen fast immer mit einer Pointe.

Zum BeispielHerr Prinz kommt ins Gerede. Herr Prinz lebt in einem Haus, auf dessen Hinterhof kürzlich ein Mord geschehen ist. Der Täter sitzt bereits hinter Schloss und Riegel. Trotzdem entwickelt eine Clique von Studenten den makabren Gedanken, dass es möglich ist, jeden verdächtig zu machen. Selbst die unsinnigste Verleumdung setzt sich durch. Das glaubt Herr Prinz nicht. Bis zum Ende der Geschichte muss er es erleben.“

➜ zum ganzen Text

Das war’s von mir für heute, die Woche schwankt Richtung Ende. Und vergessen Sie nicht: Froh zu sein bedarf es wenig.

Viele Grüße,

Ihre Maxi Leinkauf

Placeholder image-5

Sie lesen Endlich Freitag! – der Blick auf den Tag – direkt aus der Freitag-Redaktion. Sie können Endlich Freitag! auch als Newsletter abonnieren. Hier können Sie sich registrieren

Placeholder image-4

Und wo schlittern Sie gerade rein? Oder bleiben Sie lieber zu Hause und lesen was? Ich freue mich jedenfalls über Ihr Feedback – per Mail an m.leinkauf@freitag.de