Endlich Freitag: Eis in Berlin, Engel in Italien, Hip-Hop im Iran

Hallo,

hier in Berlin ist gerade das große Schliddern angesagt.

Überraschenderweise war es im Januar kalt, es fiel – mitten im Winter?!? – sogar Schnee, und – sehr ungewöhnlich und sehr unglücklich – es muss geregnet haben, als es fror, sodass weite Teile der Stadt mit einer spiegelglatten Eisglasur überdeckt waren. Ich sage „waren“, weil: Das Ganze ist Wochen her.

Doch seitdem scheint auch die Zeit eingefroren, denn das Eis kam, um zu bleiben. Was zu spannenden Fragen führt: In wessen Zuständigkeit und Befugnis fällt es, den Gehweg wieder freizuschaufeln, zu bestreuen oder mit dem Pickel aufzuhacken, wenn es gar nicht anders geht?

Dem Vermieter – von wegen „Eigentum verpflichtet“? Dem Bürgermeister – von wegen Daseinsvorsorge? Dem einzelnen Bürger – von wegen Eigeninitiative?

Der Staat jedenfalls macht sich einen schlanken Fuß: Er warnt davor, nach draußen zu gehen, auf Katastrophen-Apps und anderen Kanälen, statt die Gehwege zu räumen. Was nicht nur unseren Autor Thomas Gesterkamp erzürnt, wenn er schreibt: „Dieser ‚Safetyism‘ hat Methode: Man traut uns keine Selbstsorge mehr zu, zwingt unserer Lebensplanung aber immer mehr ‚Eigenverantwortung‘ auf, wenn es um die großen, systemischen Lebensrisiken geht – Altersversorgung, Gesundheit, Arbeitsplatzverlust“.

Ich selbst hab zwar gestern mit meiner Partnerin über den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung diskutiert. Aber vom Fahrradfahren auf dem Eis hält mich das nicht ab.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

Placeholder image-1

Faccia d’angelo: In Rom ist ein Engel mit dem Gesicht von Giorgia Meloni aufgetaucht. Ich fand das nicht deshalb so witzig, weil ich ein Fan der postfaschistischen Ministerpräsidentin meines Herkunftslandes wäre, im Gegenteil. Sondern weil es eine so richtig italienische Posse ist.

Wie italienische Zeitungen berichten, sei nach Restaurierungsarbeiten in der Basilika von San Lorenzo in Lucina ein Gemälde eines Engels aufgefallen, der der Ministerpräsidentin zum Verwechseln ähnlich sieht.

Der Pfarrer von San Lorenzo in Lucina sagte laut Zeitungsberichten dazu: Doch, er sähe eine Ähnlichkeit. Aber wo sei das Problem, wenn ein Engel das Gesicht von Giorgia Meloni trüge? Im Übrigen sollte man den Restaurator fragen. Der Restaurator wiederum wird mit den Worten zitiert, er habe das Engelsgesicht so restauriert, wie es vor 25 Jahren gewesen sei. Jede Ähnlichkeit liege gewissermaßen im Auge des Betrachters. Und dass er als Kandidat der Rechten aufgestellt worden sei? Das sei ohne sein Wissen passiert.

Die Sache geht weiter, wie solche Sachen in Italien immer weitergehen: Es werden „Untersuchungen“ eingeleitet, in diesem Fall gleich von zwei Stellen. Einmal von der städtischen Denkmalpflegebehörde. Und einmal vom Bistum von Rom, für das Kardinal Baldo Reina zu Protokoll gab, er werde sich die Sache anschauen. Jedenfalls aber dürfe sakrale Kunst nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden.

Wenn Sie selber überprüfen wollen, wie groß die Ähnlichkeit des „cherubino“ mit der postfaschistischen Ministerpräsidentin wirklich ist, dann wäre ➜ hier die Gelegenheit.

3. Kultur-Tipp

Placeholder image-2

➜ Gut zu hören: Ehrlich gesagt hatte ich von Hugo Bettauer noch nie was gehört, bevor ich diesem Podcast im Österreichischen Rundfunk begegnet bin.

Das Attentat auf Hugo Bettauer heißt er, und erzählt vom österreichischen Journalisten, Autor, Aufklärer und Deserteur Hugo Bettauer, dessen Geschichte tief ins Wien der Zwischenkriegszeit führt. Bettauer, ein Mitschüler von Karl Kraus, wurde zum Feindbild der Konservativen und frühen Nationalsozialisten, weil er die Massen mit seiner sozialdemokratischen Prosa und beißenden Zeitkritik erreichte, unter anderem in Büchern wie Die freudlose Gasse und Die Stadt ohne Juden. Und weil er eine Zeitschrift herausgab, die zum Skandal wurde: Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik, die ab 1924 erschien und sehr erfolgreich war. Und ihm Schwierigkeiten einbrachte: Vor Gericht wurde Bettauer zwar vom Vorwurf des Verderbens der Sitten freigesprochen, aber 1925 nahm ein junger Nationalsozialist die Sache selbst in die Hand.

Zur Podcast-Serie

4. Lese-Empfehlung

Placeholder image-3

➜ Beat der Freiheit: Der Iran ist dieser Tage – nach der brutalen Niederschlagung der Proteste dort – wieder in den Fokus Trumpscher Drohgebärden gerückt. Wir aber blicken auf die Kultur des Widerstands im Land. Rap-Musik ist ein wichtiger Teil davon, Hip-Hop ist der zentrale Soundtrack für die Proteste im Iran. Seit Jahren werden Rapper:innen verfolgt und bestraft. Ihnen drohen Folter, Haft und Todesstrafe. Das hält sie nicht davon ab, den Widerstand weiter mit Beats zu versorgen.

Placeholder image-6

der Freitag: Frau Kurt, Sie haben verschiedene Kontakte nach Syrien und beschäftigen sich viel mit der Region. Wie haben Sie die vergangenen Tage persönlich erlebt?

Seit fast drei Wochen dringen immer wieder Bilder aus dem Iran nach außen, von Protesten, von Straßenkämpfen und zuletzt immer häufiger: von toten Körpern und Angehörigen, die verzweifelt zwischen Leichensäcken nach ihren Familienmitgliedern suchen, von Begräbnissen und Trauerfeiern. Und immer wieder sind diese Social-Media-Inhalte unterlegt mit Rap und Hip-Hop, unter anderem von iranischen Musikern wie Hichkas und Toomaj.

Dass Rap mehr als Musik ist, sagte schon Ende der 1980er Chuck D von der legendären New Yorker Rap-Gruppe Public Enemy. Für ihn war Rap der „Fernsehsender“ des Schwarzen Amerika („Black America’s CNN“) – der kommunikative Raum, in dem die Lebensrealitäten und Bedürfnisse der marginalisierten Bevölkerungsgruppe verhandelt wurden.

Und bei aller Kommerzialisierung des Genres, das mittlerweile die globale Popkultur dominiert, wird dieses Versprechen immer noch eingelöst. Aber eben nicht mehr nur in den USA, wo diese Musik heutzutage alles andere als marginalisiert ist, sondern fest zum popkulturellen und politischen Theater gehört – inklusive Support und Live-Performances von Künstler:innen für Kandidat:innen bei Wahlkämpfen aller Parteien.

➜ Zum ganzen Text

Damit sind wir auch schon am Ende unseres Newsletters. Endlich Freitag! – „Captain, it’s monday!“ Sie kennen das … Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag – halten Sie durch, denn, wie Rio Reiser sang: Wenn der Winter am tiefsten ist, ist der Frühling am nächsten!

Viele Grüße,

Ihr Pepe Egger

Placeholder image-5

Sie lesen Endlich Freitag! – der Blick auf den Tag – direkt aus der Freitag-Redaktion. Sie können Endlich Freitag! auch als Newsletter abonnieren. Hier können Sie sich registrieren

Placeholder image-4

Wie schlimm schliddern Sie selber und sehen Sie die Ähnlichkeit mit Giorgia Meloni? Wir freuen wir uns über Ihr Feedback – per Mail an p.egger@freitag.de