Endlich Freitag: Buchläden, Zeitungskioske, Kaiserslautern
Unabhängige Buchhandlungen haben es schwer, Zeitungskioske auch, und Kaiserslautern bleibt AfD-Hochburg
Hallo,
herzlich willkommen zu Endlich Freitag! Ich bin Michael Angele und leite das Ressort Debatte.
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Dank des törichten Vorgehens von Wolfram Weimer sind die unabhängigen deutschen Buchhandlungen in aller Munde. Viele kämpfen ums Überleben. 25 Prozent, so schätzt der Kanon-Verleger Gunnar Cynybulk, mussten in den vergangenen Jahren schließen.
Dabei war und ist der deutsche Buchhandel einmalig. Tom Jonas Müller, der viele Jahre Verlagsleiter war, beschreibt es in einem Artikel für den Freitag so:
„Die Besonderheit des deutschen Buchhandels war immer das Gleichgewicht. Onlinehändler wie Amazon, Filialisten wie Thalia und der unabhängige Buchhandel machten je ein Drittel des Handels aus. Das Nebeneinander von hoher Beratungsdichte in kleinen Buchläden, den umsatzstarken Handelsflächen der Filialisten und schnellen Zielkäufen im Onlinehandel hat es europaweit einzigartig gemacht.“
In diesem brüchigen Dreieck bilden die kleinen Buchläden einen liebevollen Anachronismus. Hier gibt es keine Sales-Architektur wie bei Thalia mit Bestsellerwänden und strategischen Büchertischen, hier stehen die Buchhändlerin, der Buchhändler im Zentrum. Einem Reiseleiter gleich führt er die Kunden durch sein Reich der Bücher.
Leider ist für viele Verlage ein Filialist wie Thalia die sichere Bank. Hier können sie hohe Stückzahlen in den Verkauf bringen. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Programm der gedruckten Bücher.
Wer die Zusammenhänge auf dem Buchmarkt erfassen will, lese diesen Artikel. Belohnt wird er auch mit einer schönen Definition des Buchhändlers von Hartmut Rosa.
1. Heute wichtig
- Ein Antrag des Linken-Landesverbands von Heidi Reichinnek in Niedersachsen zu Israel hat den Parteiaustritt des Antisemitismus-Beauftragten Brandenburgs zur Folge – und zieht Kreise über Die Linke hinaus: Der Landesverfassungsschutz prüft
- Der EU-Gipfel zeigt das wachsende Unbehagen Europas gegenüber Trumps militaristischen Ambitionen in der Straße von Hormus. Während die USA Druck ausüben, formt sich innerhalb der EU ein neuer Konsens zur Wahrung der eigenen Souveränität
- Wolfram Weimer beruft sich bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse ausgerechnet auf Jürgen Habermas – einst wollte er den Philosophen canceln. Das Publikum im Gewandhaus antwortet dem Kulturstaatsminister mit Buh‑Rufen
2. Made My Day
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➜ Echt jetzt?Nicht nur die unabhängige Buchhandlung ist eine bedrohte Spezies. Der Zeitungskiosk an der Ecke ist es auch. Klar, es gibt auch hier die Ketten. Ludwig im Bahnhof Friedrichstraße ist ein Hybrid aus Buchladen und Kiosk. Wollte kurz schauen, ob der neue Freitag auch gut liegt. Dabei fiel mir die Zeit ins Auge. Sie titelt diese Woche mit Jürgen Habermas. Das hatten ein Freund und ich am Mittwoch angenommen, als es kurz darum ging, „was wohl die Zeit machen wird“. Darf ich etwas böse sein? Mein Freund sagte, die Titelzeile wird gefühlig, groß und nichtssagend sein. So etwas wie „Habermas, der Weltenwanderer“. Geworden ist es: „Die Kraft seiner Gedanken“ …
3. Kultur-Tipp
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➜ Apropos bedrohte Dinge: Ein Spezialist fürs Verschwinden war Joseph Roth. Roth wurde 1894 im galizischen Brody (heute Ukraine) geboren und starb 1939 im Pariser Exil. In zahlreichen Romanen und Zeitungstexten hat er die Welt verabschiedet, die mit dem Ersten Weltkrieg unterging; das Ende der Habsburgermonarchie war für ihn gewissermaßen die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.
Roth hatte auch ein Gespür für die destruktiven Kräfte, die aus dem Zerfall hervorgehen. 1923 erschien sein Roman Das Spinnennetz. Er erzählt die Geschichte des ehemaligen Soldaten und Jurastudenten Theodor Lose, der im Nachkriegsberlin keinen Fuß fasst und sich immer tiefer in die rechtsextreme Konspiration verstrickt. Ich hoffe, dass der Roman Teil der vierbändigen Werkausgabe ist, die dieser Tage im Wallenstein Verlag erscheint.
4. Lese-Empfehlung
Rechte: Kaiserslautern ist eine AfD-Hochburg. Die Blauen werden auch bei den Wahlen zum rheinland-pfälzischen Landtag an diesem Wochenende viele Stimmen bekommen. Einer, der Kaiserslautern wie aus seiner Westentasche kennt, ist der Bestsellerautor und ehemalige Freitag-Redakteur Christian Baron. Christian nimmt uns auf einen Spaziergang durch eine Stadt mit, in der viele Menschen das Gefühl haben, ihr Leben sei früher mal besser gewesen (und sich in diesem Gefühl bei der AfD aufgehoben fühlen).
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Als der Frühling den Februar vertreibt, kehrt menschliches Leben zurück in den Pfälzerwald. Beim Streifen durch die Natur begegnen einander endlich wieder Leute jeden Alters. In Kaiserslautern, der größten Stadt der Westpfalz tief im Südwesten, von allen Seiten waldumschlossen, kommt eine soziale Komponente dazu. Bei Spaziergängern erfreut sich vor allem der Humbergturm großer Beliebtheit. Ein Sandsteinquaderbau vom Beginn des 20. Jahrhunderts, der auf mehr als 400 Metern Höhe einen Blick auf die Umgebung erlaubt.
Der Aufstieg dorthin hat etwas Symbolisches in einer Region, die als „strukturschwach“ gilt, in der Kinderarmut und Arbeitslosigkeit weit über dem Bundesdurchschnitt liegen, in der dem größten örtlichen Fußballverein zum wiederholten Mal der Wiederaufstieg in die erste Liga misslingen wird – und in der sich gar nicht so wenige Menschen auf dem absteigenden Ast wähnen.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Ihr Michael Angele
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