Eltern-Kolumne: Japanische Kinder lernen besser – immerhin werden sie ebenso glücklicher?
An einem Samstagvormittag auf einen Tokioter Spielplatz zu gehen, wirkt manchmal, als wäre man in einem Werbespot gelandet. Niedliche Kinder mit pastellfarbenen Pullis, Rüschchensöckchen und Mini-Sneakern, lächelnde Eltern, die freudig am Ende der Rutsche bereitstehen, den Nachwuchs aufzufangen, Familien beim Fangenspielen.
Seit wir vor drei Jahren nach Japan gezogen sind, frage ich mich, wie es sein kann, dass sich japanische Kinder nicht eins mit der Schaufel überziehen, einander nicht an der Rutsche wegdrängeln, woraufhin auf deutschen Spielplätzen mindestens eines einen Wutanfall und das andere eine Standpauke bekäme (übrigens häufiger nicht von den eigenen Eltern, als eher von denen des weggedrängten Kindes, wenn ich mich noch richtig erinnere).
Bild: F.A.Z.
Chiara Schmucker
ist 2023 mit Mann und zwei kleinen Söhnen (Jahrgang 2022 und 2019) nach Tokio gezogen. Seither schreibt sie – unter Pseudonym – über Gewöhnliches und Ungewöhnliches im Leben in zwei Welten.
Sie helfen sogar noch folgsam, die Sandförmchen abzuspülen, bevor sie dann ganz ohne Breakdown, ohne die Drohung, ansonsten eben zurückgelassen zu werden, oder immer nachdrücklicher rufende Eltern den Spielplatz verlassen.
Die Deutschen stechen heraus
Nur schon mal vorneweg: Meine Kinder sind nicht (ganz) so. Auch sie drängeln zwar längst nicht mehr an der Rutsche – für den Preis, dass mein großer Sohn es dafür im letzten Sommer in einem Freibad in Schwaben auch gar nicht mehr rauf schaffte, weil zu viele Kinder ständig von der Seite wieder vor ihm standen.
Meist brauchen meine Kinder nur zwei bis drei Aufforderungen zum Aufbruch. Aber dennoch bin ich manchmal schweißgebadet, wenn ich sie durch die U-Bahn navigieren muss (Füße vom Sitz!, Sprich leiser! Nein, lass die Schuhe an!), mit ihnen beim Einkaufen bin (Nein, kletter nicht unten in den Wagen! Fass die Kiwi nicht an! Vorsicht, die alte Dame!).
Tokio ist einfach eine sehr leise Stadt, laute Stimmen oder umherrennende Kinder stören hier sehr. Kein Wunder, schleusen sich doch jeden Tag allein durch den U-Bahnhof Shinjuku etwa so viele Menschen wie Berlin Einwohner hat.
Die lauten Kinder sind nicht zu erleben
„Kinder, die nicht leise sind, dürfen einfach erst gar nicht mit auf den Spielplatz“, erklärte mir meine Freundin Sayo neulich, halb als Witz – halb im Ernst. Und dann verriet sie mir noch, dass sie ihrem vierjährigen Sohn in den Öffis fast mantraartig ins Ohr spreche „Shizukani, shizukani“ (Sei schön leise!).
Helfe das nichts, sage sie etwas lauter „Urusai!“ zu ihm („zu laut!“) – manchmal auch nur, damit die Umstehenden mitbekommen, dass sie aktiv versucht, ihn zu beruhigen. Denn Ruhe, so erklärte sie mir, sei nun mal das größte Ziel in einer Stadt wie Tokio. Ruhe und Respekt vor den anderen. Meistens nimmt sie aber lieber das Fahrrad, auch für sie ist der Stress zu groß.
„Es liegt in der DNA der Japaner“, sagte unsere japanische Babysitterin, nachdem sie jahrzehntelang auf japanische, vor allem aber internationale Kinder aufgepasst hat. Sie seien einfach ruhiger, das habe nichts mit Erziehung zu tun, auch wenn die japanischen Kindergärten dazu beitrügen: sie erziehen eher zum Kollektivismus statt zum Individualismus.
Schon das Kind von Steckdosen fernzuhalten war schwierig
Schon am Anfang unserer Zeit hier hat mir eine Freundin erklärt, dass Kinder bis zum siebten Geburtstag in Japan quasi Narrenfreiheit hätten, erst danach beginne die Erziehung. In einem Blog habe ich gelesen, dass es daran liege, dass japanische Eltern nichts verbieten, sondern die Kinder „einfach“ mit etwas anderem ablenkten.
Ich erinnere mich gut an meine wenig überzeugenden Versuche, meinen damals wenige Monate alten Sohn Max von den Steckdosen in unserer Frankfurter City-Wohnung abzulenken. Am Ende war ich sehr froh, dass wir Sicherungen in die Öffnungen geklebt hatten.
Auch meine Versuche, den inzwischen Zweijährigen vom Treppen-Hochklettern abzulenken, interessierten ihn Null Komma Null. Ebenso wenig, wenn ich ihn von der Erde der Topfpflanze, dem Hundekörbchen oder dem CD-Regal ablenken wollte. Bis heute erinnern mich die tiefen Kratzer in meinen CDs entweder an meine Unfähigkeit oder die unjapanischen Gene meines Kindes.
Wie lange können Kinder eigentlich funktionieren?
„Ich biete meinem Sohn immer eine coole Option, was wir als nächstes machen“, sagte mir eine Freundin neulich. „Komm, wir wollen doch Schnitzelchen zu Mittag essen oder dicke Nudeln, Obstsalatschnibbeln, auf dem Fahrrad ganz schnell fahren.“ Das reiche.
Meinem Sohn war das selbst dann noch egal, wenn er nach Stunden auf dem winterkalten Spielplatz seine Hände kaum mehr bewegen konnte, oder wir uns am Nachmittag mit einem Freund verabredet hatten und er also eigentlich eine wirklich coole Option für eine Alternative gehabt hätte.
So sehr ich also oft entweder die japanischen Eltern oder ihre Kinder bewundere, so sehr tun mir die Kinder auch manchmal leid, wenn ich sehe, dass sie nach einem siebenstündigen Schultag brav hinten auf das Fahrrad ihrer Mama steigen, eine kleine Tüte Cracker in der Hand, und sich auf den Weg in die Nachhilfeschulen machen – ich spreche von Erstklässlern.
Für zwei Stunden zwischendrin zum Kindergeburtstag
Zweimal in der Woche zur Nachhilfe, zweimal zum Sport, einmal zum Klavier- oder Geigenunterricht. Ganz normal. Oft sieht man selbst abends gegen 21 Uhr noch Mittelstufenschüler in der U-Bahn in ihren Schuluniformen, die Gesichter ausdruckslos, die Schulranzen schwer. Sie kommen aus den sogenannten Cram-Schools, den Nachhilfeschulen, die in Japan nicht für schwächere Kinder angeboten werden, sondern gerade für die, deren Eltern sich einen möglichst guten Abschluss ihrer Sprösslinge erhoffen. Eigentlich geht fast jeder hin.
Selbst im Kindergarten meines kleinen Sohnes geht das schon los. Den ganzen Samstag, von 9 bis 17 Uhr, verbringt Lennys bester Freund in einer Nachhilfeschule, die ihn für die Aufnahmetests einer japanischen Privatschule vorbereiten soll. Er ist im Dezember fünf Jahre alt geworden. Dort lernt er nicht nur lesen und schreiben, sondern auch, in weniger als 30 Sekunden eine Schleife zu binden, eine Geschichte nachzuerzählen, und Grundlagen im Rechnen.
Neulich holte sein Vater ihn für einen Kindergeburtstag für zwei Stunden ab und brachte ihn danach wieder hin. Alle meine japanischen, taiwanesischen und chinesischen Freundinnen spielen Klavier – alle sagen, dass sie ihre Mütter dafür hassen.
Der „Waldkindergarten“ bereitet nicht genug aufs Leben vor
Ich bin dankbar, dass meine Kinder in einem System aufwachsen, in dem Bildung und Erziehung das höchste Gut sind. Die Höflichkeit der anderen Kinder macht es meinen Kindern leicht, auch höflich zu sein. Die Begeisterung beim Lernen bringen meine Kinder mit – in einem System, in dem für die beste Klassenarbeit applaudiert wird, werden sie damit nicht als Streber abgestempelt, sondern können richtig durchstarten.
Doch leider nimmt das auch krasse Auswüchse an. Es macht mich traurig, wenn jetzt von 18 Kindergartenkindern aus Lennys Gruppe 15 die Einrichtung wechseln, weil unser „Waldkindergarten“ die Kinder aus Sicht der Eltern akademisch nicht ausreichend auf die Aufnahmetests an den internationalen Grundschulen vorbereite.
Sie gehen jetzt in Kindergärten, in denen es Hausaufgaben für Vierjährige gibt oder Nachhilfestunden am Nachmittag. Einer von Lennys Freunden klappert jetzt mit der Leiterin seines neuen Kindergartens alle Auswahlgespräche aller internationalen Schulen ab, weil er an der Wunschschule nicht angenommen wurde. „Praxisübung“, sagen seine Eltern dankbar.
Das Wilde und Ungezähmte fehlt hier manchmal
„Die Kinder bringen schulisch Bestleistungen, aber es macht sie nicht glücklich“, sagte mir ein amerikanischer Kita-Erzieher, der zuvor in Korea an einer Schule unterrichtet hatte, bevor er es nicht mehr aushielt. Korea, Japan und Singapur liegen bei Pisa auf den vordersten Plätzen, das Niveau gerade in Naturwissenschaften ist extrem anspruchsvoll.
Doch ich vermisse manchmal das Wilde, das Ungezähmte, die Neugier und den Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. „Die Kinder dürfen sich bis sieben frei entfalten, dann gehen sie zwölf Jahre in die Schule, bis ihnen alles abtrainiert ist“, sagte mir ein Kollege. Heraus kämen ruhige, angepasste Teenager, aus denen ebenso ruhige und angepasste Angestellte werden. Innovationsgeist und Eigeninitiative zahlen sich im Arbeitsleben meist nicht aus.
Viele Eltern unserer Kindergarten- und Schulfreunde schielen daher längst nach Ausbildung in Übersee, in den USA oder in Großbritannien. Der große Bruder eines Kindergartenfreunds von Lenny soll nun bald auf ein britisches Internat gehen – mit 13 Jahren allein ans andere Ende der Welt ziehen. „Er wird sonst zu japanisch“, sagen seine Eltern. „Das wird ihm guttun.“
Source: faz.net