Elektronikmesse CES: „KI wird die Trump-Periode definieren“
Herr Shapiro, Donald Trump umgibt sich in seiner zweiten Amtszeit viel mehr mit Vertretern der Technologiebranche als in seiner ersten. Daran gibt es viel Kritik. Wie stehen Sie dazu?
Ich halte das für eine gute Sache. Ich denke, die gegenwärtige Ära wird zu einem großen Teil von Künstlicher Intelligenz definiert. Diese Technologien werden gewaltige Auswirkungen auf den unterschiedlichsten Gebieten haben, zum Beispiel Mobilität, Gesundheit oder Bildung. Präsident Trump hat das erkannt. Er spricht viel über KI und hat gerade ein Dekret zur Regulierung von KI herausgegeben. KI wird maßgeblich über den Erfolg seiner Präsidentschaft und über die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft entscheiden.
Nach Trumps Wiederwahl haben Sie gesagt, Sie erwarten von seiner zweiten Amtszeit Momente der Freude und Moment der Frustration. Was waren Momente der Freude?
Zum Beispiel als Vorstandschefs und Gründer von fünf unserer Mitgliedsunternehmen Gäste bei seiner Vereidigung waren. Oder als er eine Rede zu KI gehalten hat mit der Botschaft, dies sei eine Priorität seiner Regierung. Grundsätzlich finde ich den Kurs der Trump-Regierung wirtschaftsfreundlich. Sie will, dass Unternehmen erfolgreich sind, und sie baut Regulierungen ab.
Und Momente der Frustration?
Die Zollpolitik war für viele Unternehmen sehr disruptiv, zumal sie sich ständig geändert hat. Anstatt sich auf Dinge wie Innovationen zu konzentrieren, mussten sich Vorstandschefs auf einmal mit Zöllen auseinandersetzen. Damit mussten sie sich früher nicht wirklich befassen, weil es im Handel mit den USA stabile Verhältnisse gab. Aber jetzt mussten sie eigens Leute einstellen, die Pläne für verschiedene Zollszenarien entwickelten, weil alles so volatil geworden ist. Und die Auswirkungen spüre ich nicht nur in meiner Branche. Bei einem Weihnachtseinkauf haben mir kürzlich mehrere Ladenbesitzer gesagt, wie ihnen die Zölle zu schaffen machen. Sogar auf Fox News, einem sehr konservativen Sender, werden Umfragen gezeigt, wonach steigende Preise die größte Sorge von Amerikanern ist. Trump tut ähnlich wie vor ihm auch Joe Biden so, als gäbe es keine Inflation. Aber die Durchschnittsamerikaner sehen das anders.
Gibt es neben Zöllen noch andere Themen, bei denen Sie anderer Meinung als Trump sind?
Zölle stehen bestimmt an erster Stelle. Ein anderes wichtiges Gebiet ist die Einwanderungspolitik. Wir glauben, die Zuwanderung hoch qualifizierter Fachkräfte ist wichtig und notwendig. Wir müssen uns ja nur die großen amerikanischen Techunternehmen anschauen: Die meisten ihrer Gründer sind Einwanderer oder Kinder von Einwanderern. Die Mentalität von Einwanderern hat etwas Besonderes an sich. Oft ist sie eher darauf ausgerichtet, Risiken einzugehen und Unternehmen zu gründen. Ein Blick auf Statistiken zeigt, dass die Zahl der erfolgreichen Unternehmen, die von Einwanderern gegründet worden ist, sehr hoch ist. Wir in der Techindustrie sind definitiv für die Einwanderung hoch qualifizierter Personen. Und ich denke, Trump ist selbst nicht einmal dagegen. Aber dazu ist es auch wichtig, dass Universitäten die besten Leute aus der ganzen Welt anziehen. Und im Moment sehen wir leider, dass an fast jeder Universität die Zahl von Bewerbern aus dem Ausland zurückgeht.

Und dafür machen Sie Trumps harsche Einwanderungspolitik verantwortlich?
Ich habe nicht gesagt, dass die Einwanderungspolitik zu harsch ist. Ich sage, dass es in seiner Politik keine Priorität hat, hoch qualifizierte Einwanderer ins Land zu bringen. Es hat mehrere Gründe, dass weniger ausländische Studenten kommen. Manche fragen sich, ob sie noch willkommen sind. Bei manchen hat sich die grundsätzliche Einstellung gegenüber den USA geändert, ob jetzt wegen Trump oder aus anderen Gründen. Und natürlich ist die Regierung auch gegen disruptive Studenten an Universitäten vorgegangen. Joe Biden war sicherlich allgemein offener für Einwanderung. Trump hat einen härteren Kurs in der Einwanderungspolitik versprochen, und das dürfte auch zu seinem Wahlsieg beigetragen haben.
Welche Folgen wird es für die Techindustrie haben, wenn es weniger ausländische Studenten gibt?
Einwanderung ist ein Erfolgsrezept für Innovation in den USA. Und das beschränkt sich auch nicht nur auf hoch qualifizierte Kräfte, die ja nur für eine Minderheit der Einwanderer stehen. Zur Mentalität von Einwanderern gehört es, extrem hart zu arbeiten. Sie halten das Land am Laufen, sie reparieren Dinge. Ich finde im Übrigen, dass es in Deutschland eine viel größere Wertschätzung für technische Ausbildungsberufe gibt. In den USA hat das nicht den gleichen Stellenwert, Eltern wollen ihre Kinder auf Universitäten schicken.
Sie sprachen Trumps KI-Dekret an. Damit sollen amerikanische Bundesstaaten weitgehend daran gehindert werden, eigene KI-Regulierungen umzusetzen. Stattdessen soll es national einheitliche Standards geben. Begrüßen Sie das?
Ja. Ein Flickenteppich von Regelungen ist schlecht für die Industrie. Wir haben in einzelnen Bundesstaaten mehr als 1200 Gesetzentwürfe zur Regulierung von KI. Wir brauchen eine nationale KI-Politik. Wir brauchen Sicherheitsstandards für KI, aber das muss auf eine Art und Weise geschehen, die Fortschritt ermöglicht, und zwar sowohl in großen als auch in kleinen Unternehmen. Das geht auf nationaler Ebene am besten. Europa ist meines Erachtens in Regulierungsfragen auf einem Irrweg. Dort wird so streng reguliert, dass nur die großen Unternehmen damit umgehen können. Meines Erachtens ist das eine Erklärung dafür, warum die Start-up-Szene in Europa vergleichsweise schwach ist.
Allerdings kommt Gesetzgebung auf der Bundesebene in den USA allgemein schwer voran. Kritiker sagen daher, Trumps Dekret würde unter dem Strich bedeuten, dass KI weitgehend unreguliert bleibt.
Im Weißen Haus und in Regierungsbehörden wird viel an KI-Standards gearbeitet. Und Trump hat gesagt, er werde den Kongress auffordern, ein nationales KI-Gesetz zu verabschieden.
In der Branche wird im Moment viel über die Gefahr einer KI-Blase gesprochen. Wie sehen Sie das?
KI ist eine Technologie, die die Welt verändert. Ob es an den Finanzmärkten eine Überhitzung gibt, kann ich nicht sagen. Aber ich finde, die Lage ist diesmal anders als zu Zeiten der Internetblase in den späten Neunzigerjahren, als viele der Unternehmen kaum Umsätze machten. Das hat mir damals große Sorgen gemacht. Bei KI habe ich heute nicht das gleiche Gefühl. Worüber ich mir aber schon Gedanken mache, sind limitierende Faktoren. Dazu gehört Energie, weil die KI-Infrastruktur viel Strom verbraucht. Auch Handelsrestriktionen können ein limitierender Faktor sein, und ich mache mir Sorgen um das Verhältnis zwischen den USA und anderen Ländern. Die USA können nicht alles alleine machen. Wir müssen mit Verbündeten wie Deutschland zusammenarbeiten, um Zukunftstechnologien weiterzuentwickeln, von KI bis zu Quantencomputern.
In der Diskussion um die Gefahr einer KI-Blase wird als mögliches Alarmsignal oft auf eine Reihe von Finanzmanövern verwiesen, die den Effekt haben können, dass Geld zwischen KI-Unternehmen hin und her verschoben wird. Finden Sie das beunruhigend?
Diese Transaktionen will ich nicht beurteilen. Aber mir raubt das keinen Schlaf. Wir sehen echte Geschäftsmodelle, und Unternehmen transformieren sich. KI ist keine Illusion.
Zur Person
Für die Technologiebranche beginnt das Jahr traditionell mit der CES, einer der wichtigsten Elektronikmessen der Welt. Es ist eine Mammutveranstaltung, die einen großen Teil von Las Vegas in Beschlag nimmt. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 142.000 Messebesucher in die amerikanische Spielerstadt, und dort wurden sie von 4500 Ausstellern erwartet.
Nach Angaben von Gary Shapiro, dem Vorstandschef des Messeveranstalters Consumer Technology Association (CTA), liegt die Zahl der Registrierungen für dieses Jahr leicht über dem Wert von 2025. Damit würde die Messe aber noch immer nicht an das Niveau vor der Corona-Pandemie anknüpfen. Damals kamen 170.000 Besucher.
Die CES fand 1967 zum ersten Mal statt, und sie hat in der jüngeren Vergangenheit ihr Gesicht erheblich verändert. Das „C“ in ihrem Namen steht eigentlich für „Consumer“, also Endverbraucher, und traditionell stand klassische Unterhaltungselektronik wie Fernseher im Vordergrund. Einst hatten hier Produkte wie der Videorekorder oder die Microsoft -Spielekonsole Xbox ihre Premiere. Heute ist die CES eine breit aufgestellte Messe. Die Autoindustrie hat hier eine große Präsenz, und die Veranstaltung geht weit über Endverbraucherprodukte hinaus.
Schon zum zweiten Mal wird dieses Jahr Roland Busch, der Vorstandschef des deutschen Siemens -Konzerns, eine der großen Keynote-Reden halten. Sie soll sich um industrielle Anwendungen von Künstlicher Intelligenz drehen.
Offiziell wird die CES am 6. Januar beginnen. Aber schon in den Tagen vorher stellen Unternehmen Neuheiten vor. Der wohl prominenteste Redner im Programm dürfte Jensen Huang sein, der Vorstandschef des Halbleiterkonzerns Nvidia und ein Stammgast in Las Vegas. Nvidia ist dank seiner dominierenden Marktposition im Geschäft mit KI-Chips das wertvollste Unternehmen der Welt. Der Aktienkurs stieg im abgelaufenen Jahr um knapp 40 Prozent, die Marktkapitalisierung liegt um 4,5 Billionen Dollar. Chips spielen allgemein in diesem Jahr eine große Rolle, die Keynote zum Messestart wird Lisa Su halten, die Vorstandschefin des Nvidia-Wettbewerbers Advanced Micro Devices.
Auch Vertreter der amerikanischen Regierung werden in Las Vegas erwartet. Beispielsweise wird es eine Podiumsdiskussion mit den Chefs von zwei der wichtigsten Regulierungsbehörden für die Technologiebranche geben: Andrew Ferguson von der Federal Trade Commission und Brendan Carr von der Federal Communications Commission. Auch Michael Kratsios, einer der ranghöchsten Berater des Präsidenten Donald Trump in Technologiefragen, wird zur CES kommen. Shapiro sagt: „Es wird ein großes Kontingent der Trump-Regierung geben, weil sie eine Chance sieht, mithilfe von Technologie radikalen Wandel anzustoßen.