Elektromobilität: Vom Dieseldunst zur Ladesäule

An der Harrison Street mitten in San Francisco sind die Ladestationen am frühen Nachmittag stark gefragt. In einer ehemaligen Lagerhalle, nur wenige Blocks vom Finanzdistrikt und von Chinatown entfernt, reihen sich zwanzig Schnellladesäulen aneinander, und kaum eine ist frei. An den Kabeln hängen ein Jaguar I-Pace, ein Volkswagen ID.4 und mehrere Mercedes- und BMW-Modelle; die Fahrer sitzen hinter dem Steuer und scrollen durch ihre Smartphones, während draußen das Großstadtgewühl tobt. Hier drinnen ist Zeit für eine kurze Pause, bis die Batterien voll sind. Elektromobilität wirkt ganz alltäglich – und nichts erinnert daran, dass der Betreiber dieses überdachten Ladeparks seinen Ursprung ausgerechnet im Skandal um manipulierte Abgaswerte hatte.

Electrify America heißt das Unternehmen, das hier eine „Flagship Station“ betreibt, einen Vorzeigestandort im urbanen Raum. Es gehört zum Volkswagen -Konzern und wurde vor knapp zehn Jahren als direkte Folge des Dieselskandals gegründet. Nachdem bekannt geworden war, dass VW amerikanische Käufer mit manipulierten Schadstoffwerten getäuscht hatte, einigten sich der Konzern und die US-Behörden auf milliardenhohe Strafen und umfangreiche Auflagen. Dazu zählte auch der Aufbau eines landesweiten Schnellladenetzes für Elektroautos, gedacht als Signal für saubere Mobilität.

Fokus liegt auf städtischen Ballungsräumen

Heute wächst Electrify America weiter, obwohl die Euphorie rund um den Elektroantrieb in den Vereinigten Staaten längst nachgelassen hat und Trumps Regierung alles auf den Verbrennerantrieb setzen will. Das Unternehmen vergrößere sein Netz und baue weiterhin „so große Standorte wie möglich“, um die hohe Nachfrage zu decken, sagt Rachel Moses, Vertriebs- und Marketingchefin von Electrify America, im Gespräch mit der F.A.Z. an der Harrison Street.

Electrify America betreibt heute mehr als 5000 Schnellladesäulen an rund 1000 Standorten in den Vereinigten Staaten und in mehreren Provinzen Kanadas. In den USA ist das Unternehmen der zweitgrößte Betreiber öffentlicher Schnelllader – hinter Tesla, das sein Netz an Superchargern ursprünglich nur für Fahrzeuge der eigenen Marke aufgebaut hatte und es erst später für andere Hersteller öffnete. Die erste Station von Electrify America ging 2018 vor einem Einkaufszentrum in Massachusetts ans Netz, einem Bundesstaat, der die Elektromobilität früh mit politischen Programmen unterstützt hatte. Dort gingen erstmals in den Vereinigten Staaten Schnellladegeräte mit zertifizierter Ladeleistung von 350 Kilowatt ans Netz, die es ermöglichten, in fünf Minuten rund 100 Kilometer Reichweite in die Batterie nachzuladen.

Nach dem Ausbau vieler Stationen entlang von Schnellstraßen liege der Fokus nun auf städtischen Ballungsräumen, sagt Moses. Wer mitten in der Großstadt lebe und ein E-Auto habe, brauche bequem erreichbare Säulen. Der Bedarf sei weiter viel größer als das Angebot, auch wenn der Absatz von Batterieautos in Amerika nun langsamer laufen sollte als gedacht.

Ein Sicherheitsmitarbeiter ist wichtiger als Snacks

Auf seinem Weg hat das Unternehmen viel über Kundenverhalten gelernt. Lange ging die Branche davon aus, dass Fahrer den im Vergleich zum Tanken längeren Ladevorgang als Störfaktor empfinden, den man mit Annehmlichkeiten überbrücken muss. In Deutschland experimentierte etwa Audi vor einigen Jahren mit Luxus-Ladestationen, die im Obergeschoss Lounges mit Snacks und Kaffee bieten. Auch der Standort an der Harrison Street hat einen Aufenthaltsraum mit Sesseln und Automaten für Cola und Schokoriegel. Die meisten Kunden, berichtet Moses, bleiben aber im Auto sitzen und nutzen die Zeit anderweitig.

Als viel wichtiger habe sich erwiesen, dass rund um die Uhr ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma vor Ort ist. Die Halle liegt mitten im Viertel South of Market, das für Kultur und Nachtleben bekannt ist, zugleich aber auch für eine große offene Drogenszene, ein Problem, mit dem viele Metropolen kämpfen.

Entscheidend ist natürlich der Preis. Electrify America arbeitet in den Vereinigten Staaten mit vielen regionalen Stromversorgern zusammen, deren Tarife sich teils deutlich unterscheiden. Damit für Kunden daraus kein Tarifdschungel wird, fasst das Unternehmen seine Preise bundesweit in wenige Stufen zusammen. Für Kunden ohne Vertrag liegen diese meist zwischen 46 und 64 US-Cent je Kilowattstunde, umgerechnet etwa 39 bis 54 Euro-Cent. Wer die App mit einem monatlichen Mitgliedsbeitrag nutzt, zahlt rund ein Viertel weniger. Damit bewegt sich Electrify America im typischen Preisbereich des amerikanischen Marktes, der im Durchschnitt unter dem deutschen Niveau liegt. Hierzulande zahlen Kunden laut ADAC unterwegs nur selten weniger als 50 Cent je Kilowattstunde; ohne Vertrag liegen die Preise oft bei 80 Cent oder mehr.

Kritische Größe überschritten

Laut der Einigung mit den US-Behörden nach dem Dieselskandal investiert Volkswagen bis zum Jahr 2027 in Summe zwei Milliarden Dollar in das Projekt. Was als Pflichtübung begann, zu der die Behörden den Konzern verdonnert hatten, hat sich zu einem Geschäft entwickelt, das sich selbst trägt und profitabel ist, wie Moses betont. Konkrete Ertragszahlen nennen sie allerdings nicht.

Seit einigen Jahren ist zudem ein weiterer Investor an Bord: der deutsche Technologiekonzern Siemens. Damit hat Electrify America womöglich auch eine Strategie vorweggenommen, an der andere Teile des Volkswagen-Konzerns noch arbeiten. Europas größter Autohersteller steckt in der Krise und muss sein Geld zusammenhalten, für mehrere Konzernteile werden neue Miteigner gesucht, etwa für die Batterieproduktion. Das amerikanische Ladegeschäft hat dagegen schon so eine Struktur etabliert und fühlt sich damit derzeit gut aufgestellt.

Auch das Angebot an Ladesäulen hat aus Sicht von Moses längst eine kritische Größe überschritten. Das Netz sei heute so dicht, dass die Sorge, mit leerem Akku liegen zu bleiben, für viele Fahrer kaum noch eine Rolle spielen müsse, betont die Managerin. Gerade erst hat sie das selbst getestet: auf einer knapp 1800 Meilen langen Küstenroute quer durch 14 Bundesstaaten – unterwegs im elektrischen VW-Bulli ID.Buzz.