Einer dieser wichtigsten deutschen Künstler seiner Generation
Thomas Zipp war ein Totalkünstler. Ein Punk mit Herz, klarem innerem Kompass und dem Feingefühl eines Chirurgen, der die Seele des Menschen auseinandernahm und daraus einen dunklen Kosmos voller Utopien zauberte. Wo immer er in der Berliner Kunstszene auftauchte, war sie das, was ihren Mythos der Nullerjahre ausmachte. Den Galeristen Guido Baudach traf er, weil sein Fahrrad vor dessen damaligem Projektraum „Maschenmode“ in Berlin-Mitte kaputtging. Kurz darauf verkleidete er den Raum ganz in Weiß, schmiss eine Party – und das Ergebnis wurde zur Kunstinstallation. Sie setzte den Startschuss für eine fast zwanzigjährige Kollaboration, mit der Zipp zu einem der wichtigsten deutschen Künstler seiner Generation wurde.
Seine Kunst war ein Lebensgefühl im Schwebezustand, ein dunkles, absurdes und hochpräzises Universum auf der Schwelle zum Tode oder zu einer anderen Dimension. Seine unverwechselbare Bildsprache büßte niemals an Qualität ein. Dada, Psychopharmaka, Noise Music, religiöse Rituale, Hysterieforschung, die Atombombe, Reanimationsmaßnahmen, Nietzsche, Disneyland: In Zipps perfekt inszenierten Labyrinthen und Interieurs verlor man sich wie in einer Geisterbahn voller die Conditio Humana prägenden Eskapismen. Versehen mit collagierten Malereien mit Puppengesichtern und Fotografien mit Sprechblasen in chiffrierter Sprache, spürte man darin den gespenstischen Nachhall seiner Musikperformances mit maskierten Akteuren, deren Handlungen einen in eine magische Welt davontrugen.
2013 trieb er dies in Venedig auf die Spitze, als er – auf Einladung von Zdenek Felix, damals Kurator der Düsseldorfer Arthena Foundation – einen ganzen Palazzo in eine scheinbar hektisch verlassene Psychiatrie verwandelte. Es war das Highlight im Rahmenprogramm einer Biennale, die mit ihrem Fokus auf „Outsider-Künstlern“ perfekt zu Zipps Mindset passte.
Doch wo sich der Kunstbetrieb bald in Identitätsdiskursen verhedderte, hatte Zipps konsequent uneitle, maskulin wirkende Ästhetik wenig Platz. Ausstellungen in relevanten Institutionen blieben aus, was ein Skandal ist, zumal Zipps Werk mit dem Fokus auf Kollaboration, Transformation und Grenzüberschreitung für aktuelle Themen regelrecht prädestiniert war.
Das spiegelte sich auch in seiner Beliebtheit als Professor an der UdK Berlin: Durch sein extremes Künstlertum zeigte er, dass sich ein radikales Werk mit Großzügigkeit, Freundlichkeit und Akzeptanz verbinden lässt. Sein plötzlicher Tod mit knapp 60 Jahren ist ein Verlust, der in der Kunstwelt noch lange nachhallen wird.
Source: welt.de