Eine Hommage an Alexander Kluge: Ben Lerners Roman „Transkription“

In Ben Lerners neuem Buch „Transkription“ wird aus einem missglückten Interview eine Huldigung an den verstorbenen Alexander Kluge und an die unsichere Kunst des Erinnerns


Er gilt nicht zu Unrecht als der Liebling des amerikanischen und europäischen Feuilletons: der Schriftsteller Ben Lerner

Foto: Imago/opale.photo


Viel Weißraum umgab die Worte „The end of a world“ in der Todesanzeige, die die FAZ am Osterwochenende druckte. Das karge Zitat stammt vom amerikanischen Romancier und Lyriker Ben Lerner und galt dem reichen Leben seines Freundes Alexander Kluge, jenem Schriftsteller, Großintellektuellen, Mitbegründer des Autorenkinos, Fernsehproduzenten, Filmkünstler und Wortjongleurs, der am 25. März im Alter von 94 Jahren verstorben war.

Lerner war von mehreren großen deutschsprachigen Medien in den Tagen zuvor um eine Würdigung Kluges gebeten worden: „Ein Stern sollte nach Alexander Kluge benannt werden. Oder nein, ein Sternbild“, sagte er etwa in der SZ, „in diesem Menschen trafen Theorie und Poesie zusammen“, schrieb er auf Zeit online, in der FAS erinnerte er an „die hypnotisierende Poesie seines Englisch“.

Die schönste Hommage – sie war eine prämortale – ist jedoch sein Roman Transkription, der Anfang dieses Jahres in den USA und bei uns erschien – als literarische Verneigung vor einer Freundschaft, die 2018 in dem gemeinsamen Band Schnee über Venedig (Spektor) gemündet war.

In dem dichten, kaum 160 Seiten langen Buch Transkription will der namenlose, 45-jährige Ich-Erzähler in Providence ein vielleicht letztes Interview mit seinem väterlichen Freund Thomas führen. Sein Mentor, der sofort schon allein wegen seines Habitus an Alexander Kluge erinnert, ist neunzig Jahre alt. Doch dann fällt ihm das Smartphone, sein einziges Aufnahmegerät, ins Waschbecken des Hotels. Dumm gelaufen.

Alexander Kluge lebt in diesem „Ziegelhaus im Kolonialstil“

Der Apple-Store öffnet erst am nächsten Tag, also geht der Erzähler trotz des Missgeschicks zu Thomas, verschweigt ihm die Panne, blickt auf die Bücherregale und auf einen Stapel noch eingeschweißter Bücher von Alexander Kluge in diesem „Ziegelhaus im Kolonialstil“ und beginnt zu improvisieren, als funktioniere sein Handy noch. Warum er nicht die Wahrheit sagt, bleibt bewusst offen. Gerade darin liegt die Spannung des Romans: Er kreist um Erinnerung, Erfindung und die fragilen Verfahren, mit denen Literatur Wirklichkeit festhält, ohne sie je ganz zu fixieren.

Dass Lerner dafür ausgerechnet an Truman Capote denken lässt, ist ein reizvoller Zug. Auch Capote behauptete bekanntlich gern, für seine Reportagen und Interviews auf ein Tonbandgerät verzichtet und stattdessen alles mit einem extrem trainierten Gedächtnis erfasst zu haben. Ob das stimmt, ist fast zweitrangig; wichtig ist die literarische Geste dahinter. Lerner interessiert sich genau für diese Unsicherheit zwischen Protokoll und Erfindung, zwischen gesicherter Beobachtung und nachträglicher Konstruktion.

In „Transkription“ gibt es viele Fährten und gedankliche Exkurse

Auch bei Lerner ist die Grenze zwischen Fakt und Fiktion so schmal wie die im Hotel Arbez, das dem letzten Kapitel den Titel gibt. In La Cure verläuft die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz mitten durch das Haus – durch Küche, Speisesaal, Treppenhaus und einzelne Zimmer. Das ist mehr als ein hübsches Bild: Es passt zu Kluges Denken in Sprüngen, Analogien und Montagen, in Geschichten, die nie bloße Anekdoten bleiben, sondern Weltdeutung werden.

In „Hotel Arbez“ geht es vordergründig um die Familiengeschichte von Thomas’ Sohn Max, um Essstörungen, Covid, Klinik und Sterblichkeit; im Kapitel „Hotel Villa Real“ zuvor um ein posthumes Symposium zu Ehren Kluges in Madrid, bei dem der Erzähler in seinem Vortrag beichtet, das Interview aus der Erinnerung rekonstruiert zu haben – was nicht gut ankommt. „Du, na ja, du hast mehr oder weniger gebeichtet, dass du einen Großteil dessen gefälscht hast, was viele von uns für sein, keine Ahnung, Vermächtnis gehalten haben. Ein Deepfake“, sagt seine Freundin.

Transkription entfaltet nicht nur hieraus viele Fährten und gedankliche Exkurse. Genau darin dürfte Lerners Faszination an Kluge gelegen haben: in der Lust an der Bewegung des Denkens. Und diese Lust überträgt sich auf jeder der wenigen Seiten.

Transkription Ben Lerner Nikolaus Stingl (Übers.) Suhrkamp 2026, 160 S., 24 €