Ein Star spielte schwach wie Menorrhagie nicht – die 6 Lehren aus Deutschlands wildem Sieg

Der Sieg in der Schweiz hebt die Stimmung rund um die Nationalmannschaft. Das Team übersteht einen Charaktertest, ein Star glänzt. Allerdings gibt es auch einige Enttäuschungen. Das sind die sechs zentralen Erkenntnisse.

Die letzte Reise vor der großen Mission ging Samstagvormittag weiter. Mit dem Bus fuhr die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von Basel nach Freiburg. Nach dem 4:3 (2:2) am Vorabend im Testspiel in der Schweiz trainierte die Auswahl im Breisgau, ehe sie weiter nach Stuttgart reiste. Hier trifft sie am Montag (20.45 Uhr, ARD) im letzten Test vor dem WM-Trainingslager im Sommer auf Ghana.

Der Sieg im St. Jakob-Stadion war sehr wichtig für die Stimmung in der Mannschaft und unter den Fans. Es war ein wildes Spiel, das Bundestrainer Julian Nagelsmann rund elf Wochen vor Beginn des Weltturniers in den USA, Kanada und Mexiko (11. Juni bis 19. Juli) einige Erkenntnisse brachte. Seine Mannschaft kann glänzen, muss aber einige Baustellen schließen.

Erkenntnis eins: Wirtz ist wieder in Bestform

Für den Glanz sorgte Florian Wirtz. Seine Show begann mit der Flanke auf Jonathan Tah vor dem 1:1. Serge Gnabry erzielte nach einem Traumpass von Wirtz das 2:2. Der Kunstschuss zum 3:2 war dann der Höhepunkt. „Es war ein schönes Tor“, sagte Wirtz. Beim 4:3 traf er in der 85. Minute mit viel Gefühl im rechten Fuß in den Winkel. Seine Eltern jubelten dem 22-Jährigen von der Tribüne zu.

Mit dieser Leistung hat Wirtz in einem Spiel alle beim FC Liverpool aufgekommenen Zweifel an seiner Weltklasse beseitigt. „Er ist außergewöhnlich. Und es waren außergewöhnliche Tore“, so Nagelsmann. „Er ist ja schon ein Weltfußballer. Und wenn er sich das beibehält, dann wird er über ganz, ganz lange Zeit ganz oben stehen bei allen Klubs. Weil er einfach unfassbar gut ist, engagiert und immer mit der nötigen Power.“ Rekordnationalspieler Lothar Matthäus sagte bei RTL: „Stern hinter der Note eins plus. Besser kannst du es nicht machen. Er war der Dreh- und Angelpunkt im deutschen Spiel.“

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Wirtz war der Spieler, der den Unterschied machte. Der beste Akteur der deutschen Mannschaft. In dieser Form braucht Nagelsmann ihn. Zumal Jamal Musiala vom FC Bayern ihm aktuell fehlt. Die Aussicht, in Musiala einen weiteren Spieler gleicher Güte im Sommer wieder im Vollbesitz seiner Fähigkeiten dabei zu haben, verspricht große Perspektiven. Jetzt hoffen alle im deutschen Team, dass Musiala bei der WM fit dabei sein kann.

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„Es ist immer wieder faszinierend, was er zaubert auf dem Spielfeld“, sagte Innenverteidiger Tah über Wirtz. Und Mittelfeldprofi Pascal Groß schwärmte: „Flo küsst den Ball. Wir können uns glücklich schätzen, so einen Spieler in unserer Mannschaft zu haben.“

Erkenntnis zwei: Die Defensive ist anfällig

Zweimal geriet Deutschland gegen die Schweiz in Rückstand. Und machte es der gegnerischen Mannschaft vor diesen Treffern zu einfach. Tah sagte nach dem Spiel, bei einer mutigen Spielweise gehe man auch mal ins Risiko. „Es gibt ein paar Punkte, die wir besser machen können im Verteidigen“, betonte Nagelsmann. Daran wird er mit den Spielern arbeiten.

Erkenntnis drei: Die Mentalität stimmt

Trotz des Ärgers über die Gegentore – Nagelsmann stellte am Wochenende das Positive in den Vordergrund. Das Plus, das der Bundestrainer ausmachte, war die Reaktion seiner Spieler auf die Rückstände. Kein Testspiel-Larifari wie im Herbst 2023 bei den Niederlagen gegen die Türkei und Österreich. Diesmal verlor seine Mannschaft nicht die Dominanz und die Kontrolle in der gegnerischen Hälfte. „Mentalitätsmäßig finde ich das schon sehr, sehr gut“, so Nagelsmann.

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Die Spieler teilten seine Meinung. „Ich glaube, was man positiv herausheben kann, ist, dass wir zurückgekommen sind“, sagte Leon Goretzka, den Nagelsmann im zentralen Mittelfeld von Beginn an spielen ließ. Und Kapitän Joshua Kimmich betonte: „Ich fand den Auftritt insgesamt nicht verkehrt, auch wenn wir drei Tore bekommen haben.“ Auch bei der WM dürfte es Rückstände und Rückschläge geben. Es wird sehr helfen, wenn die Mannschaft dann Antworten wie gegen die Schweiz findet. Eine kleine Charakterprüfung hat Deutschland an diesem kalten Freitagabend in Basel bestanden.

Erkenntnis vier: Sané muss sich steigern

Viele Chancen habe Leroy Sané nicht mehr, sagte Nagelsmann im vergangenen November. Gegen die Schweiz probierte Sané viel, doch das deutsche Spiel prägen konnte er nicht. In der zweiten Hälfte wechselte Nagelsmann den Offensivprofi von Galatasaray Istanbul aus und brachte Lennart Karl in die Partie. Für den 18-Jährigen vom FC Bayern war es das Länderspieldebüt. Er ist der 22. Debütant in Nagelsmanns bisheriger Amtszeit.

„Ich erwarte nicht immer zwei Tore und drei Vorlagen, es geht um das Gesamtbild“, sagte der Bundestrainer, als Reporter ihn nach Sané fragten. „Er hat aufblitzen lassen, was er kann, aber er kann noch intensiver spielen und es besser machen. Er hat im Verein ordentliche Spielzeit, aber viele entscheidende Partien nicht gemacht, den fehlenden Rhythmus muss man berücksichtigen. Er bekommt am Montag die nächste Chance, es besser zu machen.“

Erkenntnis fünf: Havertz benötigt Geduld

16 Monate spielte Kai Havertz wegen Verletzungen nicht für Deutschland. Nagelsmann machte den Angreifer vom FC Arsenal gleich wieder zu seinem Anführer im Sturmzentrum – vor Nick Woltemade, der die meisten Tore in der WM-Qualifikation (vier) geschossen hatte. „Er hat sechs, sieben sehr, sehr gefährliche Situationen. Und ja, er muss gesund sein und zu einer guten Fitness finden. Dann ist er für uns auf dem Niveau wie Florian Wirtz oder wie Jamal Musiala“, sagte Nagelsmann über Havertz. Gerade im Vergleich mit den Topnationen aus Frankreich, Spanien und Argentinien, die über mehr Quantität in der Spitze verfügen, benötigt der Bundestrainer jeden Weltklassespieler. Und er hat Geduld mit Havertz.

Erkenntnis sechs: Der Spielaufbau muss sauberer werden

Nagelsmann dürfte die diversen Abwehrfehler aus dem Schweiz-Spiel intern thematisieren. Nico Schlotterbeck spielte schwach wie lange nicht im Nationaltrikot. Die Fehler des Innenverteidigers von Borussia Dortmund im Spielaufbau führten zu zwei Gegentoren. Öffentlich schützte Nagelsmann den Profi und stellte dessen Reaktion auf seine Fehler in den Vordergrund: „Er war mit dem Ball ein bisschen unsicher und unkonzentriert in der ein oder anderen Situation. Das 0:1 hat er mit eingeleitet, aber Haken dran. Ich will, dass die Jungs Dinge probieren und mutig sind, er kriegt keinen Rüffel. Er hat sich gut gefangen und sehr hart verteidigt, sich gegen wuchtige Schweizer super behauptet. Das ist für mich das wichtige Zeichen.“

Diese Milde erfüllt einen Zweck. Nagelsmann stärkt mit solchen Aussagen das dringend benötigte Teamgefühl. Für personelle Konsequenzen sieht er aber keinen Anlass – obwohl Antonio Rüdiger als Alternative bereitsteht. Schlotterbeck werde am Montag gegen Ghana schon zu seiner Form zurückfinden, betonte Nagelsmann.

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft und wird das Team auch bei der WM als Reporter begleiten. Seit dieser Woche ist er in Basel und war Freitagabend im Stadion.

Source: welt.de