Ein Parfüm aus Harz, Staub und Zersetzung

Von altägyptischen Mumien geht lauter einer neuen Studie ein besonderer Duft aus. Dieser ist mal eher holzig, würzig oder süßlich. Oder blumig. Es sei die erste Untersuchung zu den typischen Gerüchen einbalsamierter mumifizierter Körper, schreibt eine Gruppe von internationalen Forschern um die Erstautorin Emma Paolin vom University College London (UCL) und der Universität Ljubljana im „Journal of the American Chemical Society“.
Im Rahmen der ungewöhnlichen Studie wurden neun menschliche Mumien mit verschiedenen Methoden analysiert. Sie liegen im Archiv des Ägyptischen Museums in Kairo oder werden dort in Vitrinen ausgestellt und stammen überwiegend aus dem 1. und 2. Jahrtausend vor Christus. Die Toten sind namenlos, mehr oder weniger in Harz getränktes Leinen gewickelt, und keinesfalls so berühmt wie etwa Tutanchamun. In einem Fall handelte es sich um ein Kind, für dessen Mumie ein Sarkophag getöpfert wurde.
„Der Duft mumifizierter Körper erregt seit Jahren beträchtliches Interesse bei Fachleuten und Öffentlichkeit“, wird der slovenische Studienleiter Matija Strlič in einer Mitteilung zitiert. „Aber bisher gab es keine wissenschaftliche Studie, die Chemie und Wahrnehmung miteinander kombiniert hat.“ Das gelang nun einem Team an Forschungseinrichtungen in Ägypten, Großbritannien, Polen und Slowenien.
So beschrieben acht eigens trainierte menschliche „Spürnasen“ die Gerüche etwa mit Fokus darauf, wie intensiv und angenehm sie die Düfte jeweils empfanden. Am häufigsten nannten die Probanden von dreizehn Geruchsnoten die Nuancen „holzig“, gefolgt von „würzig“ und „süßlich“. Teilweise wurden die Ausdünstungen der Mumien als „weihrauchartig“, „ranzig“, „staubig“ oder auch „harzig“ und „rauchig“ eingestuft.
In zwei Fällen wurde das Aroma dann als auffallend süß und kräuterig beschrieben. Drei Mumien rochen blumig, süß und zugleich muffig, ranzig, mit einem Hauch Weihrauch. Von anderen ging vor allem ein Kräuterduft aus oder erinnerten an ein blumiges Parfüm.
Außerdem wurden die flüchtigen Moleküle und Verbindungen per Gaschromatografie und Massenspektrometrie identifiziert, um ein olfaktorisches Profil für jede der neun untersuchten Mumien zu erstellen. So versuchte das Team zu ermitteln, ob die Komponenten im Bouquet von den einst verwendeten Harzen und ätherischen Ölen, Konservierungsstoffen oder Mikroorganismen stammen. Bakterien oder Pilzen, die etwa das Holz, Leinengewebe oder die menschlichen Überreste zersetzen.
Seit ein paar Jahren greifen die Konservatoren in Kairo auch lieber auf Pflanzenöle statt auf Chemie zurück – ein Mix aus Gewürznelke, Zimt, Minze, Orange, Zitrone, Basilikum, Campher oder Wacholder –, um die Museumsobjekte von Schädlingen zu schützen. Alles starke Aromen, die natürlich sowohl zu riechen als auch zu messen waren, aber den Gesamteindruck überraschend wenig beeinflussten. Auch Spuren synthetischer Pestizide fanden sich in den Proben der Umgebungsluft, wie Naphthalin, die aber den Geruch ebenfalls nicht beeinflussten.
Mithilfe der Messgeräte ließ sich insgesamt ein breites Spektrum an verschiedensten Aromen nachweisen – von Buttersäure über Eugenol, Octanal und α-Pinen bis Vanillin. Duftstoffe, die Menschen als geradezu ekelhaft, würzig, zitronig, frisch oder cremig süß wahrnehmen.
Religiöse Rituale
Untersuchungen von Mumien bieten Wissenschaftlern generell Einblicke in die altägyptische Zivilisation – und die Möglichkeit, mehr über alltägliche Aspekte wie Medizin, Umwelt und religiöse Praktiken zu erfahren. Die Mumifizierung war nicht nur eine soziale Praxis und eine praktische Methode, um einen – toten – Körper vor Fäulnis zu bewahren, sondern auch ein Ritual mit spiritueller Bedeutung, das eng mit religiösen Überzeugungen verwoben war.
Im Alten Ägypten war es üblich, Leichname unter Verwendung von Natron, Ölen, Kräutern, Tierfetten, Wachs und Harzen – etwa von Kiefern, Zedern und Wacholder – so zu präparieren, dass Körper und Seele im Jenseits erhalten bleiben. Und angenehm duften. Dazu wurden verschiedene Methoden verwendet.
Die Praktiken wandelten sich im Laufe der Zeit, heißt es in der Studie. Die Mumifizierung war zunächst den Pharaonen vorbehalten, wurden dann allmählich auf die unteren sozioökonomischen Schichten ausgedehnt und schließlich der Mehrheit der Bevölkerung zugänglich gemacht.
Die soziale Hierarchie spiegelte sich jedoch in der Qualität der Bestattungspraktiken wider, auch veränderten sich die Techniken je nach Epoche und Bestattern. Sie verwendeten verschiedene Rezepturen und Balsame, teils abhängig von Alter, Geschlecht und Körperteil.
Die nun gewonnenen Erkenntnisse sollen es Museen ermöglichen, Mumien nicht nur zu zeigen, sondern den Geruchssinn der Besucher für ein umfassenderes Museumserlebnis einzubeziehen. Das Forschungsteam bezeichnet den Mumienduft als „olfaktorische Erbe“, das bewahrt werden sollte. Und dazu scheint eine Ausstellungsvitrine besser geeignet zu sein als etwa ein luftiges Regal im Lager.
Source: welt.de