Ehemals Vorsitz Ethikrat: Weber erhebt Plagiatsvorwürfe gegen Alena Buyx

Wenn Plagiatsvorwürfe gegen den Fachbereich Medizin der Universität Münster vorgebracht werden, denkt man an das Plagiatscluster, das sich dort zwischen 2005 und 2012 gebildet hatte. Die Wissenschaftsplattform „VroniPlag Wiki“ (VPW) stach bei ihren Recherchen in ein akademisches Wespennest. Mindestens 23 Doktorarbeiten waren in irgendeiner Weise miteinander verbunden. In acht Fällen wurde der Titel aberkannt, in 14 eine Rüge erteilt.
Droht in Münster nun ein weiteres Plagiatscluster aufzufliegen? Die Medizinerin Alena Buyx, von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, wurde dort 2005 promoviert mit der Arbeit „Lateralisierung von Aufmerksamkeit bei gesunden Linkshändern und Rechtshändern: eine Studie mit funktioneller transkranieller Dopplersonografie (fTCD)“.
Der Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber will darin 73 Textplagiate und Quellenplagiatsfragmente gefunden haben. Weber hat der F.A.Z. die Dissertation von Buyx zur Verfügung gestellt. „Ich trete den Vorwürfen entgegen, da sie haltlos sind und habe die Angelegenheit meinen Anwälten übergeben. Im Falle einer Überprüfung der zuständigen Universität Münster würde ich selbstverständlich voll umfänglich für alle erforderlichen Auskünfte zur Verfügung stehen“, teilt Buyx dieser Zeitung auf Nachfrage mit.
Webers Vorwürfe lassen sich in zwei Kategorien fassen. Beide Male liegen Textübereinstimmungen vor. Einige davon sind sehr wahrscheinlich angemaßte Autorenschaft und damit Regelverstöße. Ob das ausreicht, den Doktorgrad zu entziehen, wird die von der Universität Münster bereits angekündigte Prüfung ergeben. Andere Übereinstimmungen betreffen Aufbau und Methodik einer Untersuchungsanordnung, die in ähnlicher Weise immer wieder vorkommen. Ähnliche Formulierungen sind in diesen Fällen immanent und womöglich notwendig zur Vergleichbarkeit.
Übernommene Fehler
Buyx wird vorgeworfen, aus Doktorarbeiten abgeschrieben zu haben, die kurz zuvor ebenfalls in Münster veröffentlicht wurden, teilweise überschneiden sich die Betreuer. Vor Alena Buyx (2005) waren das Elisabeth M. (2004), Andreas J. (2004), Kerstin A. (2003), Bianca D. (2001), Marcus B. (2001). Da gegen diese Personen keine Vorwürfe vorliegen, und weil es keine Personen des öffentlichen Lebens sind, werden sie hier nicht mit Vollnamen genannt. Buyx dankt Andreas J. und Kerstin A. für „Gespräche, Ratschläge und Hilfestellungen“. Auffällig ist, dass die Inhaltsverzeichnisse der Dissertationen von Buyx und A. im Layout sehr ähnlich sind. Hier wurde sehr wahrscheinlich dieselbe Vorlage benutzt.
Die Inhaltsverzeichnisse zeigen einen ähnlichen Aufbau und eine fast gleiche Länge der Arbeiten, hinzu kommen die entscheidenden inhaltlichen Übereinstimmungen. Diese sind in vielen von Weber dokumentierten Fällen frappierend, wenngleich Buyx gelegentlich neue Forschungsarbeiten hinzufügt und gelegentlich angibt, aus Forschungen an der Universität Münster zu zitieren.
Weber wirft ihr vor, angegebene Literatur blind übernommen zu haben. Hier liegt die Beweislast bei ihm. Zu oft übernimmt Buyx Fehler in den Quellenangaben und zeigt damit ungewollt, dass sie kopiert hat. Sie schreibt „Bryden MD“, korrekt wäre „Bryden M.P.“; sie schreibt „Jessel“, korrekt wäre „Jessell“; das „Lehrbuch der Klinischen Neuropsychologie“ ist im Jahr 2000 erschienen, nicht 1999, wie Buyx es aufgrund der Falschangabe in einer anderen Dissertation falsch kopiert.
Solche Beispiele gibt es sehr viele. Auf Seite 44 veröffentlicht Buyx eine komplexe Abbildung mit Erklärung, die fast komplett identisch in der Dissertation von Andreas J. zu finden ist, die ein Jahr zuvor veröffentlicht wurde. Dass Buyx gelegentlich falsche Literaturquellen vor der Übernahme noch korrigiert, kann vernachlässigt werden, zumal Weber gar nicht alles gefunden hat. So vergisst Buyx bei der Angabe des Buches „ Sur le siège de la faculté du langage articulé “, wie auch ihre Quelle, einen Accent.
Buyx’ Arbeitsweise war womöglich nicht ungewöhnlich zu Jahrhundertbeginn an der Universität Münster. Dies entbindet sie jedoch nicht von der Einhaltung der Zitierregeln. Münster hat in der Vergangenheit nicht häufig den Doktorgrad wegen Plagiaten entzogen. Vielleicht kommt Buyx mit einer Rüge davon.
Source: faz.net