Ehemalige Konzernmanager: Das große Stühlerücken im Aufsichtsrat jener Bahn

Wenn Bahnchefin Evelyn Palla eines zu ihrem Amtsantritt im Oktober klargestellt hat, dann ist es dies: Sie will einen kompletten Neuanfang, alles anders machen, den Konzern auf links drehen, ei­nen drastischen Umbau anstoßen, massive Veränderungen einleiten. Sollte mancher all diese platten Begrifflichkeiten anfangs noch für Marketingsprech in ei­gener Sache gehalten haben, so wird immer deut­licher: Die Südtirolerin – die man, wenn es nach ihr geht, genauso gern als Italienerin bezeichnen darf – meint es richtig ernst. „Meine ersten 100 Tage sind gerade vorbei, und ich kann Ihnen ver­sichern, es war nicht langweilig“, sagte sie jüngst in Berlin.

Auch derzeit und in Zukunft wird es nicht langweilig. Und das nicht nur wegen des tagtäglichen Ärgers rund um den Zugbetrieb in Deutschland. Auch deshalb, weil die Organisation im Hintergrund gerade regelrecht durchgeschüttelt wird. 2026 sei das Jahr des Konzernumbaus, betont Palla immer wieder – und es bleibt nicht nur bei Worten. Zunächst war im vergangenen Winter der Vorstand dran. Die Hälfte der Mitglieder des auf sechs Personen verkleinerten Gremiums hat den Chefposten erst vor wenigen Wochen besetzt. Alles neu machte nicht der Mai, sondern der November und der Dezember.

„Namhafte Per­sönlichkeiten aus der Wirtschaft“

Nun wird nach dem obersten Managementgremium auch der zwanzigköpfige Aufsichtsrat der Deutschen Bahn in großem Stil umgebaut; vor allem auf der Seite der Eigentümers. Nach dem Mitbestimmungsgesetz sitzen jeweils zehn Vertreter der Arbeitnehmer und zehn Vertreter des Bundes als alleinigem Aktionär in dem Gremium. Bundesverkehrsminister Pa­trick Schnieder hat in dieser Hinsicht das Sagen für den Bund – und am Mittwoch gab sein Ministerium einige Änderungen bekannt. Das Kabinett billigte demnach eine umfangreiche Neubesetzung der Anteilseignerbank. Man habe „namhafte Per­sönlichkeiten aus der Wirtschaft“ für das Gremium gewonnen, und damit mehr externen Sachverstand, hieß es.

Christoph Franz
Christoph FranzRoche

Vom 1. März an sitzt demnach Christoph Franz neu im Aufsichtsrat der Bahn. Er ist Vizepräsident des Verwaltungsrates des Schweizer Versicherers Zurich In­surance und war früher für die Deutsche Bahn, die Deutsche Lufthansa und den Pharmakonzern Roche tätig. Hinzu kommt Birgit Bohle, Mitglied im Vorstand des Deutschen Telekom. Auch sie war früher für die Bahn tätig, unter an­derem als Geschäfts­führerin der DB Vertrieb GmbH und als Chefin der Fernverkehrssparte. Mit Elisabeth Lepique wird darüber hinaus eine Rechtsanwältin und Steuerbe­raterin in den Aufsichtsrat entsendet. Sie werde das Gremium mit ihrer Expertise im Gesellschafts- und Steuerrecht in öffentlichen Unternehmen be­reichern, erläuterte das Verkehrsministerium.

Grüne: „Weniger ehemalige DB-Manager wären gut“

Nicht überall stießen die neuen Köpfe auf Beifall. Der Bahnexperte der Grünen, Matthias Gastel, sagte dem „Handelsblatt“, der Aufsichtsrat sei dafür zuständig, die Deutsche Bahn wirksam und kritisch zu kontrollieren sowie die Umsetzung der verkehrlichen Ziele des Bundes durch den Konzern mitzugestalten. „Weniger ehemalige DB-Manager wären dabei gut.“ Verkehrsminister Schnieder ist anderer Ansicht. Mit den Neuen werde es gelingen, die unternehmerischen Kom­petenzen des Aufsichts­rats auf der Anteilseignerseite noch gezielter auszubau­en. „Ich bin überzeugt davon, dass mit dieser vielfältigen Expertise der Neustart der Bahn bestmöglich flankiert wird.“

Was Schnieder zumindest laut Pressemitteilung nicht sagte: Auch an der Spitze des Aufsichtsrates dürfte sich mittelfristig etwas tun. In der Info ist zwar zu lesen, dass Aufsichtsratschef Werner Gatzer „dem Gremium erhalten“ bleibe. Aber der Politiker, der lange Finanzstaatssekretär war, wird dennoch, wie die F.A.Z. auf Anfrage erfuhr, in absehbarer Zeit den Spitzenplatz verlassen. Gatzer will seinen Posten vorzeitig zur Verfügung stellen. Er habe angekündigt, nicht die gesamte Wahlperiode den Vorsitz im Kontrollgremium wahrnehmen zu wollen, sondern einen Wechsel 2027 anzustreben, sagte ein Schnieder-Sprecher.

Werner Gatzer
Werner GatzerAndreas Pein

Für diese Entscheidung scheint es ei­nigen Vorlauf gegeben zu haben. Denn ein Nachfolger ist schon auserkoren: „Für diesen Fall sind die Beteiligten übereingekommen, Herrn Dr. Christoph Franz als neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates vorzuschlagen“, erläuterte der Sprecher. Eine konkrete Begründung für die vorzeitigen Abgangspläne nannte er nicht. Er betonte jedoch, Gatzer habe sich dazu bereit erklärt, dem Aufsichtsrat auch nach 2027 weiter anzugehören. Als derzeitiger Gremiumschef sei er „sehr aktiv und erfolgreich“. Der Sprecher fügte hinzu, die angestrebte Wahl von Franz erfolge „natürlich aus der Mitte des Aufsichtsrates selbst“.

Streit um Preissystem für Fahrkarten

Franz ist in jeder Hinsicht eine sehr interessante Personalie – ein Mann mit zuletzt langjähriger Pharmaerfahrung, aber auch mit Flug- und mit Bahnexpertise. Der gebürtige Frankfurter war von 2011 bis 2014 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa. Ähnlich lange wie mit Flugzeugen hatte er in seiner Laufbahn mit Zügen zu tun. Nach der Promotion in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hatte der heute 65-Jährige zunächst in der Luftfahrt begonnen, er gehörte dem Stab des damaligen Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Weber an. Nach vier Jahren verließ er den Konzern, ging 1994 zur Deutschen Bahn, bei der er bis in den Konzernvorstand aufstieg.

Seine Karriere dort endete im Unfrieden. Zum Streitfall wurde ein von ihm verantwortetes neues Preissystem für Fahrkarten, deren Preise sich fortan, ähnlich wie für Flugtickets, nicht mehr nur an der Streckenlänge, sondern auch an der Nachfrage und der Zeitspanne, wie lange Tickets im Voraus gebucht werden, orientieren sollten. Diese Pläne stießen auf erhebliche Kritik. Der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn wollte zunächst an dem neuen System nichts ändern. Ein halbes Jahr später musste Franz 2003 die Bahn verlassen.

Franz fühlte sich dadurch getroffen und fallen gelassen. Zu seiner Rückkehr zur Bahn gesellt sich nun die Tatsache, dass sich die Zeiten hier geändert haben und er sich bestätigt sehen muss: Denn auch im DB-Universum ist ein System aus Flex- und Sparpreisen, deren Höhe unter anderem von der Nachfrage und von Buchungszeitpunkten abhängig ist, mittlerweile längst Alltag.

Sanierer für die Lufthansa

Bei der Lufthansa hatte Franz, ähnlich wie jetzt Bahnchefin Palla, einige unangenehme Entscheidungen zu treffen. Galt es doch, Sparpläne umzusetzen. Zunächst sanierte er die Schweizer Tochtergesellschaft. Als Vorstandschef des Gesamtkonzerns legte er das Kostensenkungsprogramm „Score“ auf. Der unter seinem Vorgänger gestartete defizitäre Ableger Lufthansa Italia wurde wieder geschlossen, die gerade erst übernommene britische Gesellschaft BMI wieder verkauft. Überraschend erklärte Franz dann, für ei­ne Vertragsverlängerung nicht zur Ver­fügung zu stehen, 2014 wurde er Roche-Verwaltungsratspräsident. Der Deutsche, der in der Schweiz lebt, behielt diesen Posten fast ein Jahrzehnt lang.

Eine Rückkehr zur Lufthansa als Aufsichtsrat und Vorsitzender des Gremiums erschien nicht ausgeschlossen. Im Zuge der Nachfolgesuche für Karl-Ludwig Kley, der zur nächsten Hauptversammlung den Posten abgibt, wurde auch der Name von Franz ins Gespräch gebracht. Er soll dem Vernehmen nach auf Anfrage aber kein Interesse bekundet haben. Offenbar schätzt er statt großer Überflüge neuerdings wieder den bodenständigen Verkehr.