Eberswalder Wurst: Tönnies macht ostdeutschen Traditionsbetrieb luftdicht

„Das war die beste Stadionwurst überhaupt“, erinnert sich ein Nutzer in sozialen Netzwerken. Er meint die „Eberswalder Würste“, die nicht nur bei Fußballfans des 1. FC Union Berlin sehr beliebt sind, sondern auch an zahlreichen Abendbrottischen zum Standardgedeck gehören.

In Zukunft werden die Würstchen jedoch nicht mehr wie bisher aus den Eberswalder Wurstwerken im brandenburgischen Britz kommen. Das zu Tönnies gehörende Traditionsunternehmen steht vor dem Aus. Die Produktion soll nach aktueller Planung bis Ende Februar eingestellt werden. Mehr als 500 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze.

Vor Ort sind die Betroffenen geschockt – und wütend. Denn hinter dem Vorgang steckt mehr als eine tragische, aber unabwendbare Management-Entscheidung. Es ist viel mehr der neueste Fall einer brutalen „Marktbereinigung“, bei der Konzerne Wettbewerber aufkaufen, ausbluten lassen und sie dann schließen.

Diese Marktbereinigung hat Konsequenzen, die über das Ende einer mittelständischen Firma weit hinausreichen. Es geht um das Verschwinden regionaler Industrie, um die Enteignung sozialer Infrastruktur – und um eine Konzernlogik, die selbst jahrzehntelang gewachsene Alltagskultur dem Renditeziel unterordnet.

Eberswalder Wurstwerke wurden über den Tisch gezogen

Die Eberswalder Wurstwerke wurden 1977 gegründet – zu DDR-Zeiten waren sie eines der größten Fleischwerke Europas mit mehr als 3.000 Beschäftigten. Die Arbeitsbedingungen galten als vergleichsweise gut. Wie überall in Ostdeutschland war an den Arbeitsplatz ein ganzer sozialer Kosmos angeschlossen –mit Wohnungen, Infrastruktur und einer gewissen Planungssicherheit für ganze Familien. Genau diese soziale Einbettung von Arbeit wurde nach 1990 systematisch zerstört und bis heute nicht ersetzt.

Nach der Wende kam es zur Privatisierung und zu mehreren Eigentümerwechseln, inklusive einer Insolvenz. Zuletzt hatte 2023 die Zur Mühlen Gruppe – Teil des Fleisch-Giganten Tönnies – die Eberswalder Wurstwerke übernommen. Sie versprach Investitionen und eine Zukunft – passiert war jedoch nicht viel. Tarifverhandlungen scheiterten im Sommer 2025, es gab Warnstreiks. Der DGB sprach von einem „respektlosen Verhalten“ des Arbeitgebers. Beschäftigte sollten in schlechter bezahlte Lohngruppen rutschen. Laut der Gewerkschaft NGG sei der Betrieb auf „Verschleiß gefahren“ worden.

Nun hat Tönnies die Katze aus dem Sack gelassen: Alles soll dichtgemacht, die Marke „Eberswalder“ an anderen Standorten produziert werden. Vieles spricht dafür, dass es von Anfang an darum ging, einen Konkurrenten vom Markt zu nehmen – so erklärt sich, warum die versprochenen Investitionen ausblieben. Das Versagen liegt explizit nicht bei den Beschäftigten. Sie haben einen funktionierenden Betrieb am Laufen gehalten. Die Verantwortung tragen die Tönnies-Milliardäre, denen der Konzern gehört – und die ihre Rendite maximal vergrößern wollen – eben auf Kosten der Belegschaft und der Region.

Doch damit nicht genug: Der Konzern nutzt laut NGG auch noch ein rechtliches Schlupfloch, um Geld bei Abfindungen zu sparen. So behaupte die Konzernleitung, dass die Werksübernahme 2023 eine „Neugründung“ gewesen sei – und damit zeitweise Sozialpläne ausgeschlossen seien. Dies habe man als Argumentation benutzt, um den Betriebsrat in Verhandlungen unter Druck zu setzen. Für Arbeiter*innen, die sich jahrzehntelang abgerackert haben, ist die daraus resultierende mickrige Abfindung eine Ohrfeige.

Alte Wunden werden wieder aufgerissen

In der Lokal- und Landespolitik ist man über dieses Vorgehen erbost – zurecht. Es ist nicht das erste Mal, dass internationale Konzerne in Ostdeutschland mittelständische Traditionsbetriebe aufkaufen, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Die sie ausplündern, Gewinne abziehen, Investitionen verweigern, Mindestlöhne zahlen und Mitbestimmung systematisch unterlaufen.

Das Haribo-Werk im sächsischen Wilkau-Haßlau, der Wagonbau in Niesky, die „Spreewaldkonserve“ in Golßen, Öttinger in Gotha – die Liste ist lang. All diese Namen stehen für das strukturelle Muster von Abhängigkeit. Für bittere Kämpfe, massive Enttäuschungen und eine verantwortungslose Konzernpolitik. Und auch das ist nicht neu. Barnims SPD-Landrat Daniel Kurth sagte gegenüber Medien, dass ihn das aktuelle Vorgehen an die Zeit nach der Wende erinnert. Aufkaufen, dichtmachen, weiterziehen. Und verbrannte Erde hinterlassen. Die ostdeutschen Traumata der 1990er sind nicht gelöst und keine Vergangenheit – sie halten an.

Von daher ist es richtig, wenn Politiker*innen nun ein Eingreifen von Landes- und Bundesregierung fordern, die Schließung rechtlicher Lücken und die Ausweitung von Mitbestimmungsmöglichkeiten. Eine aktive Industriepolitik, die sich für regionale Wertschöpfung und Besteuerung einsetzt, für gute Tarif-Arbeitsplätze, für die Unterstützung der Betroffenen.

Inmitten der Tragödie eine Chance?

Aber ob all das reicht? Eigentlich bräuchte es doch Überlegungen, wie die strukturelle Abhängigkeit von Großkonzernen, die weder Steuern zahlen noch Interesse an Standort und Belegschaft haben, gemindert werden kann. Wie Ohnmachtsgefühle und Demütigungen, die mit einem unsicheren Arbeitsplatz ohne Mitbestimmung verbunden sind, überwunden werden können.

Wenn sich wie jetzt ein Großkonzern auf brutale Weise aus dem Staub macht – könnten sich nicht Gewerkschaften, Beschäftigte, linke Parteien, Förderfonds und Initiativen zusammenschließen, um genügend Kapital für eine kommunale Neugründung zu sammeln? Ein gemeinnütziges, kollektives Unternehmen, das für Region und Mitarbeiter*innen arbeitet und langfristig Perspektive bietet? Ein Ort, der ganz praktisch Demokratie erfahrbar macht im Alltag?

Natürlich wäre ein solcher Weg kein Selbstläufer: Er würde erhebliches Startkapital, politischen Rückhalt und rechtliche Spielräume erfordern – gerade in einer Fleischindustrie, die von Preisdruck und Konzernmacht geprägt ist. Doch genau deshalb wäre ein genossenschaftlicher Neustart mehr als Symbolpolitik: ein Bruch mit der Logik der Fremdbestimmung, ein praktischer Gegenentwurf zur Konzernherrschaft. Eine „Eberswalder“ aus Belegschaftshand – das wäre zumindest eine Chance inmitten dieser großen Schweinerei.

Klar ist: Gebrochene Versprechen, permanente Ohnmacht und Zukunftsangst nähren den Boden, auf dem die AfD ihre Erfolge feiert. In Ostdeutschland, wie überall sonst. Alte Wunden, die wieder aufreißen, werden schlimmer. Wer darüber nicht reden will, verweigert sich der Realität ostdeutscher Arbeits- und Lebenserfahrungen.