Dürer-Rarissimum: Die Auslassungen sind entscheidend

Als Albrecht Dürer gegen Ende des 15. Jahrhunderts daranging, Vorlagen für Holzschnitte zu zeichnen, die er als großformatige Einzelblattdrucke vertreiben ließ, nahm die Kunstgeschichte eine neue Wendung. Denn obwohl Dürer sich so manches von Martin Schongauer abgeschaut hatte, brachte er doch die bislang vor allem im gerade etablierten Buchdruck benutzte Technik des Holzschnitts auf eine neue Qualitätsstufe. Sein erklärtes Ziel war, in Detailgenauigkeit und Raffinement der Linienführung dem als überlegen geltenden Kupferstich Paroli zu bieten. In dieser Kunst galt Dürer schon als Meister.

Sofort als Sensation wahrgenommen

Was er dann von 1495 an, als seine „Heilige Familie mit den drei Hasen“ angeboten wurde, an Holzschnitten produzierte, wurde sofort als Sensation wahrgenommen. Auch jene sieben Blätter eines Passionszyklus, den Dürer erst mehr als ein Jahrzehnt später, 1511, durch Hinzufügung von fünf weiteren Motiven abschloss und dann um auf den Rückseiten der Blätter abgedruckte Texte ergänzte, damit das Ganze als Buch vermarktet werden konnte. Die früheren Drucke der sieben ursprüng­lichen Blätter waren textlos – und sind immens rar. Von der „Ecce Homo“-Darstellung etwa waren bislang nur zwei gesicherte Exemplare bekannt.

Von Heribert Tenschert markiert: Stellen mit charakteristischen Auslassungen
Von Heribert Tenschert markiert: Stellen mit charakteristischen AuslassungenHeribert Tenschert

Nun steht ein drittes, das neu als Ursprungsdruck des ersten Zustands von 1498 identifiziert wurde, zum Verkauf. Allerdings nicht einzeln, sondern als Teil der kompletten „Großen Passion“, wie die Serie formatbedingt heißt. Da Heribert Tenschert sie anbietet, ein leidenschaftlicher Antiquar, der nichts mehr verabscheut als die Zerstückelung zusammengehöriger Druckkonvolute, löst er das „Ecce Homo“-Blatt nicht aus seinem Überlieferungskontext, der bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist, als diese konkrete „Große Passion“ in einer Schweizer Sammlung erstmals dokumentiert wurde. Tenschert selbst erwarb sie 1989, erkannte aber erst jüngst die Bedeutung des darin enthaltenen „Ecce Homo“.

Besonderheiten der Erstauflage

Neun der anderen zwölf Blätter sind 1511 gedruckt worden – bedeutend genug, denn der Erfolg von Dürers Zyklus war so gewaltig, dass postum mehrfach nachgedruckt wurde, allerdings fortan wieder ohne rückseitigen Text. Deshalb galten die drei textlosen Blätter des Konvoluts als spätere Drucke, doch Tenschert fand auf der „Ecce Homo“-Darstellung zwei aus der Literatur bekannte Besonderheiten des Blattes, die nur bei der Erstauflage zu finden sind: eine Fehlstelle an einer Säulenkante oben rechts und eine Auslassung beim Gürtel einer Knabenfigur unten links.

Seine gesamte „Große Passion“ bietet Tenschert jetzt für 225.000 Schweizer Franken an, als Bestandteil des Katalogs „Wunderkammer 1 – Herz der Bibliophilie: Glanzlichter aus dem Spiegelkabinett des 16. Jahrhunderts“. Der „Ecce Homo“ darf nun als noch etwas älter gelten. Und wie es sich für einen Perfektionisten gehört, ist Tenschert nebenbei auf der Suche nach besseren als den beiden postumen Exemplaren, um die ganze Serie noch qualitätvoller zu ­machen. Aber die mag ein potentieller Käufer ja vielleicht schon haben.

Source: faz.net