Don’t panic: Wieso macht uns ein vermeintlicher Schneesturm so mutlos?

Extremwetterwarnung, keine Schulpflicht, SOS im Elternchat: Fast keiner wollte sein Kind heute zur Schule schicken. Nur kein Risiko! War ich etwa die Rabenmutter? Nö


Schlitten raus statt zu Hause einigeln!

Foto: Imago


Als ich heute früh aus dem Fenster sah, da fiel mir ein Stein vom Herzen. Die Bäume standen ruhig, kein Windstoß, geschweige denn Schneestürme. Ich war erleichtert, aber nicht, weil „Sturmtief Elli“ ausgeblieben war, zumindest in Berlin. Sondern weil ich meine Kinder, wie geplant, in die Schule schicken konnte. Weil ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen konnte. Die Straßenbahnen fuhren, die Straßen waren ein bisschen glatter als sonst, aber das sind sie seit Tagen. Die Kids rutschen. Macht Spaß.

Die Katastrophen-Spirale von Meteorologen, Stadt- und Elternvertretern ließ mich jedenfalls ziemlich kalt. Die, die gestern Abend im Klassenchat losging, weckte hingegen unschöne Erinnerungen. Schon die Tagesschau schlug einen alarmistischen Ton an, das Trigger-Wort Distanzunterricht fiel. Menschen horteten Lebensmittel. „Große Teile Deutschlands bereiteten sich auf Sturmtief Elli vor.“

Schulpflicht ausgesetzt, alles hing wieder an uns, den Eltern

Berlin und Brandenburg verkündeten vorauseilend, die Schulpflicht werde für Freitag ausgesetzt. „Eltern ist es freigestellt, ob sie ihre Kinder am Freitag in die Schule schicken, oder nicht.“ Es hing also mal wieder an uns. Auch im Signal-Klassenchat riefen die Eltern SOS. „Hallo, eine Frage, plant ihr eure Kinder morgen in die Schule zu schicken?“, fragte eine besorgte Mutter. Da war es wieder. Das Corona-Gefühl. RISIKO! „Nur weil es schneit?“, antwortete ich und musste an meine eigene Kindheit denken, wir hatten uns rutschfeste Stiefel angezogen und trabten los. Meine Eltern konnten sich gar nichts anderes vorstellen.

Jetzt aber folgten im Sekundentakt Eltern-Posts à la: „Die Bilder aus Hamburg lassen mich gerade das Angebot des Zuhausebleibens ernst nehmen.“ „Same here.“ Oder: „Ist ja auch versicherungstechnisch interessant.“ No risk, no fun? Wie oldschool! Alles muss abgesichert sein. Gleichzeitig machten sich die Eltern Sorgen, das Kind könnte die geplante Mathearbeit verpassen.

Nur kein Risiko? Wie bei Corona

Bei Corona galt als besonders vernünftig, wer sich womöglich freiwillig isoliert, auch wenn es gar nicht nötig ist. Diesmal war Sturmtief Elli noch gar nicht da, aber es gingen viele schon in die freiwillige Isolation, sogar jene, deren Kinder nur ein paar hundert Meter von der Schule (in Prenzlauer Berg) entfernt wohnen. Diese Übervorsicht, das Vorauseilende. Der Versuch, jedes Risiko zu vermeiden, nicht die Kontrolle zu verlieren. Will man so leben?

Oder sollen Kinder lieber lernen, Ängste zu überwinden, wenn es überhaupt Grund zur Angst gibt.

Der Philosophie-Professor und ehemalige Staatsminister für Kultur Julian Nida-Rümelin schrieb in seinem Buch Die Realität des Risikos – Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren (2021), dass wirRisikoabschätzen eigentlich aus unserem Alltag kennen sollten, zum Beispiel vom Straßenverkehr. Bei neuen, unbekannten Gefahren aber würden wir hysterisch werden. Es gibt kein Leben ohne Risiko, das ist so wie mit der Liebe.

Wenn ihre beste Freundin nicht geht, dann will sie auch nicht zur Schule, insistierte meine Tochter gestern vor dem Schlafengehen. „Klar gehst Du“, sagte ich. Und fühlte mich trotzdem wie eine Rabenmutter. Wie bei Corona lauerten leise Schuldgefühle, nur weil ich spontan bleiben wollte, morgens aus dem Fenster sehen, dann vielleicht neu entscheiden.

Wie soll ein Kind lernen, mit Widerständen umzugehen, wenn es nicht mal ein bisschen Wind ins Gesicht bekommen darf? Die russische und die ukrainische Mutter posteten in unserem Chat übrigens sofort, dass ihre Kinder in die Schule kommen werden.

Kita-Notgruppe, als wäre es der Eissturm

Gerade erzählte mir ein Kollege, wie unwohl ihm war, als er sein Kind heute früh in die Kita brachte, wo nur drei andere Kinder in der Gruppe waren, eine Notbetreuung, weil auch viele Erzieher:innen daheim geblieben waren. Als würde er es einem Eissturm aussetzen wie im Hollywoodfilm von Ang Lee, der in einer amerikanischen Vorstadt spielt. Wir sind in Berlin. Ein anderer Kollege sagte, auch er habe seine Tochter zur Schule geschickt, aber der Unterricht fiel nach der vierten Stunde aus, weil zu wenig Kinder da waren.

Als ich heute früh aus dem Fenster schaute und zusah, wie meine Kinder seelenruhig zur Tram-Haltestelle stiefelten, da war ich froh, dass ich cool geblieben bin. Wie Coldplay schon im Jahr 2000 sangen: Don’t panic!