Donizetti in Ulm: Ganz große Oper

Alles kaputt, Freundschaft, Liebe, Ehe, Regentschaft – eine einzige Bankrotterklärung des englischen Hochadels. Dazu muss auf der Opernbühne nichts aktualisiert werden, die Parallelen zwischen den Tudors und den Windsors liegen auf der Hand. Natürlich unter Berücksichtigung des zivilisatorischen Fortschritts: über den degradierten Andrew Mountbatten ist „nur“ das gesellschaftliche Todesurteil gesprochen. Roberto Devereux dagegen verliert in der gleichnamigen Tragödie seinen Kopf.
Nach „Anna Bolena“ und „Maria Stuarda“ ist „Roberto Devereux“ die dritte Tudor-Oper von Gaetano Donizetti, und eigentlich müsste sie wie ihre Vorgängerinnen nach einer weiteren weiblichen Gestalt benannt sein, nach „Elisabeth von England“. So der Titel des Schauspiels, das dem Librettisten Salvadore Cammarano als Vorlage gedient hatte. Elisabetta ist jedenfalls die Hauptperson der Oper. Um ihr Zögern, das Todesurteil gegen den wegen Hochverrats angeklagten Devereux zu unterschreiben, dreht sich der Plot. Die Geschichte hat einen realen Hintergrund, denn der Earl of Essex war der jugendliche Liebhaber von Königin Elisabeth I. – dreiunddreißig Jahre jünger als sie. Dass er heimlich eine altersgemäße Frau ehelichte – sei’s drum. Dass er sich in der Oper aber ausgerechnet in die Kammerfrau der Königin, Sara, verliebt, die zudem mit seinem besten Freund, dem Herzog von Nottingham zwangsverheiratet wurde, ist ein erotisches Himmelfahrtskommando. Nur Tenöre können so dumm sein, und bis zuletzt glaubt er an seine Rettung durch Elisabetta. Dazu hätte er ihr aber vorher den Namen ihrer Rivalin nennen müssen.
Die Gemälde haben Ohren
Wie aus dieser Orgie an Verrat, Rachsucht, Herrschaftswillen, Versagen, Illusion und bitterer Erkenntnis große Oper wird, lässt sich derzeit am Theater Ulm unter der sorgfältigen, lyrisch-dramatisch fein gezeichneten Leitung von Felix Bender erleben. „Roberto Devereux“ schließt den Ulmer Tudor-Zyklus ab. Für alle drei Inszenierungen hatte die Bühnenbildnerin Petra Mollérus eine Konstruktion aus beweglichen Wänden erdacht, die jetzt im ersten Akt eine Gemäldegalerie mit englischen Landschaften darstellen. Die Bilder scheinen Ohren zu haben, wenn sich eines auf Robertos Lüge, er liebe keine andere, plötzlich krachend in Schieflage begibt. Ein Sessel, ein Kronleuchter, ein seitlicher Laufsteg ergänzen das Interieur, das privates Gemach mit öffentlichem Raum verbindet.
Die Königin wird angekleidet (Kostüme: Eva-Maria Weber), während die Ratsherren mit dem Todesurteil kommen. In einer hochfahrenden Geste wirft Elisabetta die Blätter in die Luft. Sehr selbstbewusst tritt sie hier auf, energisch und ein bisschen kokett, im Vollbesitz ihrer weiblichen Attraktivität. Schutzlos lässt sie ihren Liebesgefühlen gegenüber Devereux freien Lauf, obwohl der Verdacht auf eine Rivalin schon in ihr nagt.
Eine Königin des Belcantos
Und dazu singt sie noch wie eine Königin des Belcantos: Klára Kolonits, Gast von der Ungarischen Staatsoper Budapest, ist das Stimmereignis in Ulm, eine Koloratur-Sopranistin von Donizettis Gnaden, die es mit ihren Rollen-Kolleginnen wie Edita Gruberová oder Montserrat Caballé locker aufnehmen kann und darüber hinaus eine atemraubende Bühnenpräsenz besitzt. Die Regisseurin Annette Wolf hat mit ihr eine Darstellerin, die sich mit der zerrissenen Gefühlswelt einer alternden Frau identifiziert, im dritten Akt sogar zum Verzicht bereit ist und, wie später die Marschallin im „Rosenkavalier“, die Uhren anhalten will – zu spät, das Urteil ist vollstreckt. Keine Sekunde macht sie sich vor dem Publikum lächerlich. Was sie findet, ist Mitleid – und für sich den rettenden Wahnsinn.
Für den überwältigenden Schluss mit den beiden aufeinanderfolgenden Monologen des Roberto und der Elisabetta teilt die Regisseurin die hochgefahrene Bühne horizontal: Oben liegt Elisabetta abgewandt am Rand, unten wartet Roberto im Tower auf seine Rettung. Saras Unschuld zu beweisen, ist sein letzter verzweifelter Wunsch: eine der „mörderischsten“ tenoralen Bravourszenen, Ausdruck blanker Existenznot, mit grenzsprengenden Höhenlagen die männliche Wahnsinns-Arie dieser Oper.
Für die Titelpartie hat Ulm den fabelhaften kernigen Tenor Joshua Spink im Ensemble, wie geboren für das italienische Fach. Nur darstellerisch stand er etwas im Schatten der Königin, wirkte eher wie ihr ungehorsamer Sohn. Und auch sein Verhältnis zu Sara (I-Chiao Shih mit leichten Intonationstrübungen) hätte etwas mehr Sensibilität verdient als das konventionelle Ausziehen von Stiefeln und Kleidern, wo doch das Orchester vor geheimer Aufregung zittert, wenn Sara Roberto ihre Liebe gesteht – ihm dann aber, ganz treue Ehefrau, entflieht. Die größte Desillusionierung erfährt ihr Mann, der Herzog von Nottingham, mit einem weiteren Zugpferd des Ulmer Theaters, dem Bariton Dae-Hee Shin: ein fleischgewordener Umschlag von Liebe in Hass, Freundschaft in Vernichtung, Fürsorge in Gewalt.
Source: faz.net