Dominik Krause: Das ist welcher Mann, welcher Dieter Reiter aus dem Amt jagte

Die beiden größten Erfolge der Grünen bei den bayerischen Kommunalwahlen – Einzug ins Münchner Rathaus und ins Landratsamt von Landsberg – haben eine Gemeinsamkeit: Abgewählt worden sind jeweils Amtsinhaber, die den Verdacht, der Selbstherrlichkeit erlegen zu sein, bis zur Stichwahl nicht entkräften konnten. In Landsberg stieß der Plan des bisherigen CSU-Landrats Thomas Eichinger, sich für 120 Millionen Euro ein neues Landratsamt zu genehmigen, auf massive Ablehnung der Bürger. In München schienen die Wähler der ostentativen Tiefenentspanntheit Dieter Reiters überdrüssig zu sein, mit der er fast jedes Anliegen zur Aufgeregtheit erklärte und mit Verweis auf seine langjährige Erfahrung abmoderierte.

Trotzdem glaubte in München kaum jemand, dass der Grüne Dominik Krause eine Chance haben würde. Schon wegen seines Alters: Er ist 35. Auch wegen seiner geringen Erfahrung außerhalb der Politik. Schon 2014 wurde Krause, der in den Stadtteilen Moosach und Untermenzing mit zwei Geschwistern aufgewachsen ist und an der TU München ein Physik-Studium abgeschlossen hat, in den Stadtrat gewählt, seit 2023 ist er Zweiter Bürgermeister.

Etwa zwei Wochen vor der ersten Wahlrunde am 8. März begann dann aber mit den ersten Krokussen eine Stimmung in der Stadt zu sprießen, dass das Rennen vielleicht doch noch nicht gelaufen sein könnte. Bei einer von der „Süddeutschen Zeitung“ organisierten Podiumsdiskussion im Residenztheater mit anschließendem Voting bekam Krause mit Abstand die meisten Stimmen. Da konnte man noch sagen: Ist nicht repräsentativ, das Publikum hat, wegen SZ und Theater, einen übermäßigen Hang zum Grünen.

Reiter hatte Krause immer wieder Termine überlassen

Dann kam vier Tage vor der Wahl das Singspiel auf dem Nockherberg, in München ein Weltereignis. Der Schauspieler, der Dieter Reiter darstellte, hatte dort einen Gesangspart, in dem er sich so richtig über die Stadt und sein Amt, pardon: auskotzt. Die Zuschauer fanden das ausweislich des Jubels offenbar stimmig, und Krause, der da noch kaum Beachtung fand, konnte das Schauspiel entspannt auf sich wirken lassen.

In der ersten Runde kam er dann schon sehr nahe an Reiter heran. Mit 29,5 Prozent lag er nur knapp sechs Prozentpunkte hinter dem Platzhirsch – und klar vor dem CSU-Kandidaten Clemens Baumgärtner (21,3). Schon das war bemerkenswert, weil eigentlich der Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Habenschaden vor sechs Jahren die größeren Chancen gegeben worden waren, Reiter gefährlich werden zu können.

Was Krause geholfen haben dürfte: dass er sich in den vergangenen Jahren schon dadurch bekannter machen konnte, dass Dieter Reiter ihm immer wieder Termine in der Öffentlichkeit überließ, auf die er selbst keine Lust hatte. Wichtig für Krause, der bei den Grünen eher links einzusortieren ist, war auch, dass er die Partei hinter sich hatte. Ludwig Hartmann, grüner Vizepräsident des Bayerischen Landtags aus München, sagt, so eine Geschlossenheit im Wahlkampf habe er lange nicht mehr erlebt.

Fokus auf Klimapolitik und bezahlbaren Wohnraum

Krause setzte sich dabei nicht allzu sehr von Dieter Reiter ab. Im Ton schon gar nicht: Angriffe blieben weitgehend aus. Nicht einmal zu den viel kritisierten und gut bezahlten FC-Bayern-Posten Reiters wollte sich Krause äußern. Nur zwei Abweichungen fielen auf: In der Klima- und Energiepolitik, beides ein Steckenpferd des Physikers Krause, war dieser ambitionierter als Reiter. Zudem will er den öffentlichen Raum neu verteilen, zugunsten von Radfahrern und Fußgängern – ein Hauptkritikpunkt der CSU.

Außerdem hielt Krause in der Debatte über bezahlbaren Wohnraum am Instrument der „Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ (SEM) fest, mit dem sich, so die Idee, größere Gebiete von der Stadt überplanen ließen, zur Not auch mit Enteignungen. Reiter hatte die SEM kurz vor der Wahl kassiert.

Ansonsten schlug Krause eine Agentur vor, die für die Umwandlung von leerstehendem Büro- in Wohnraum sorgen soll. Reiter hatte immer wieder darauf verwiesen, dass er nichts gegen solche Umwandlungen habe, die langjährige Erfahrung aber zeige, dass sie für Investoren uninteressant seien, weil diese die Büros ob der zu geringen Zahl an Nasszellen erst einmal aufwändig umbauen müssten.

Dominik Krause (rechts im Bild) küsst seinen Verlobten Sebastian Müller bei der Wahlparty der Grünen in München.
Dominik Krause (rechts im Bild) küsst seinen Verlobten Sebastian Müller bei der Wahlparty der Grünen in München.dpa

Krause gelang es demgegenüber, die Machbarkeit einer besseren Stadt zu bekräftigen. Sein Wahlkampfmotto: „Weil mehr geht“. Krause gilt in München sicher nicht als Wundermann. Am meisten Aufsehen erregt hatte er bisher 2023, als er das Oktoberfest die „weltweit größte offene Drogenszene“ nannte – womit er sich allerdings nicht gegen die Wiesn aussprechen, sondern die Teil-Legalisierung von Cannabis ins Verhältnis setzen wollte.

München ist, anders als der Großteil Restbayerns, eine Stadt mit linksliberaler Schlagseite, zumindest in der Innenstadt. Das dort vorherrschende Lebensgefühl trifft Krause gut. Er ist mit einem Hausarzt verlobt, kennengelernt haben sich die beiden 2007 als Jugendliche in einem Tanzkurs. Am Sonntagabend, als der Sieg Krauses sicher war, küssten sie sich auf der Bühne der Wahlparty.

Dass er in der Stichwahl 56,4 Prozent der Stimmen bekam, sein Konkurrent Reiter nur 43,6, dürfte mindestens so sehr eine Wahl gegen Reiter wie für Krause gewesen sein. Unter normalen Umständen hätte Krause mit seiner unkonfrontativen Art wohl keine Chance gehabt. Eben die dürfte nun, da Reiter über sich selbst gestolpert war, manchem SPD-Wähler geholfen haben, auf Krause umzuschwenken – oder manchen CSU-Wähler dazu bewogen haben, am sonnigen Sonntag lieber in die Berge zu gehen, statt Krause zu verhindern. Die Konservativen in der Stadt mögen mit ihm keine Hoffnung verbinden, als Schreckgespenst taugt er aber auch nicht.

Source: faz.net