Diskussion um Lagarde-Nachfolge: Abschied von Frank Elderson?

Klaas Knot, den 58 Jahre alten früheren niederländischen Notenbankchef, sollte man offenbar nicht vorschnell als möglichen Nachfolger für Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), abschreiben. Lagarde selbst deutete einmal an, dass sie das Amt Knot zutraue, aber anderen auch. „Ich kenne ihn seit mindestens sechs Jahren. Er verfügt über Intellekt, Ausdauer und die Fähigkeit, andere zu begeistern“, sagte die EZB-Präsidentin in einem Podcast.
Die Aufgabe eines EZB-Präsidenten bestehe oft darin, die Mitglieder des EZB-Rats, der sich aus den Chefs der nationalen Zentralbanken der Eurozone und den Direktoriumsmitgliedern zusammensetzt, auf eine Linie zu bringen, sagte Lagarde: „Sie sind oft alle Primadonnen, und man muss sie alle unter einen Hut bringen“, sagte sie. „Er hat diese Fähigkeit. Aber er ist nicht der Einzige.“
Große Länder, kleine Länder
Zuletzt gab es ein Argument, warum Knot es eigentlich nicht werden könnte. Und zwar aus einer Proporzüberlegung heraus. Während die Lagarde-Nachfolge erst im Oktober 2027 ansteht, muss schon jetzt im Mai der ausscheidende EZB-Vizepräsident Luis de Guindos aus Spanien ersetzt werden. Die Bewerberliste ist abgeschlossen. Es handelt sich um sechs Kandidaten, ausschließlich aus kleinen Ländern.
Es sind, wie berichtet, Mário Centeno aus Portugal, Olli Rehn aus Finnland, Mārtiņš Kazāks aus Lettland, Madis Müller aus Estland, Boris Vujčić aus Kroatien und der frühere litauische Finanzminister Rimantas Šadžiu. Schon am kommenden Montag wollen die Eurofinanzminister wohl einen Kandidaten nominieren, der dann also aller Voraussicht nach aus einem kleinen Land kommen dürfte.
Weil es nun in der EZB eine Tradition gibt, bei der Besetzung von Posten einen gewissen Ausgleich zwischen großen und kleinen Euroländern zu finden und alle großen Länder im Direktorium vertreten sein sollen, könnte man daraus schließen: Knot, von manchen anfangs als Favorit für die Lagarde-Nachfolge gehandelt, sei nun aus dem Rennen – weil ein großes Euroland das Präsidentenamt bekommen müsse.
Dagegen kursiert in EZB-Kreisen nun ein anderes Narrativ. Wenn Knot als Präsident ins EZB-Direktorium einrücken sollte, dann müsste ohnehin Frank Elderson sein Amt aufgeben, so heißt es. Schließlich ist der 55 Jahre alte Jurist, der in der Notenbank unter anderem für die Bankenaufsicht zuständig ist, ebenfalls Niederländer – und zwei Niederländer in dem Gremium wären dann vielleicht doch ein bisschen viel. Regulär läuft Eldersons Vertrag noch bis Dezember 2028. Wenn er ausscheiden sollte, könnte man mit diesem Posten Ansprüche der großen Länder auf eine angemessene Repräsentanz im Direktorium befriedigen, so heißt es.
Umfrage der FT unter Ökonomen
Ob das so kommt, weiß aber natürlich niemand. Die Zeitung „Financial Times“ hat unlängst immerhin mal eine Umfrage unter 70 Ökonomen aus Banken, Thinktanks und Universitäten gemacht, wer nach deren Ansicht Lagarde-Nachfolger werden sollte.
Die beiden ersten Plätze belegten der frühere spanische Notenbankchef Pablo Hernández de Cos, der seit Juli bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich tätig ist, und der Niederländer Knot. 26 Prozent sprachen sich für den Spanier aus, 24 Prozent für den Niederländer.
Isabel Schnabel aus Deutschland kam auf 14 Prozent. Sie hatte im Dezember in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg Interesse an der Lagarde-Nachfolge bekundet. Sieben Prozent der Ökonomen favorisierten Bundesbankpräsident Joachim Nagel.
Source: faz.net