„Dieses zerknautschte Metall und die vielen reglosen Menschen …“

Eigentlich reißen die Tragseile von Seilbahnen nicht. Bis es im März 1976 eben doch geschieht: Beim Absturz einer Gondel der Cermisbahn in Südtirol sterben 43 Insassen, die Hälfte davon aus Deutschland.

Diese Premiere kostete 43 Menschen das Leben. Es war etwa 17.20 Uhr am Dienstag, dem 9. März 1976. Das Skivergnügen im Wintersportgebiet am Monte Cermis oberhalb des Fleimstals unweit von Bozen (Südtirol), war zu Ende. 43 Skifahrer und ein Angestellter der Seilbahn fuhren mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde den unteren Teil der Cermisbahn ins Tal. Mehr als tausend Wintersportler hatte die Bahn an diesem Tag bereits zur Bergstation hinauf und von der Mittelstation wieder zurück ins Tal gebracht, ohne dass irgendetwas Ungewöhnliches geschehen wäre. Es war eine der letzten vorgesehenen Fahrten an diesem Tag.

Dann geschah es: Als die Gondel noch knapp 200 Meter bis zur Talstation vor sich hatte, verwickelten sich das Zugseil, das die Kabine bewegte, und das stärkere Tragseil. Die Kabine geriet ins Schwanken, und im nächsten Moment knallte es ohrenbetäubend: Auf dem einzigen Stahlgittermast im unteren Abschnitt der Bahn war das Tragseil gerissen. Die Kabine stürzte ab, etwa 60 Meter tief, prallte auf einen Steilhang, überschlug sich und rollte weiter zu Tal. Dabei zermalmte das tonnenschwere Laufwerk das Blech der rot lackierten Gondel.

„Ich blickte auf und sah, wie sich die Kabine löste“, erzählte eine 21-jährige Kellnerin im Café der Talstation, „dann fiel sie mit ohrenbetäubendem Lärm herunter.“ Ein Bauer, der unweit von der Aufschlagstelle arbeitete, berichtete: „Nach dem Knall war es totenstill. Der Anblick war entsetzlich. Ich sah verstreute leblose Körper. In der Gondel war ein ganzer Haufen von verstümmelten Menschen und zerbrochenen Skiern.“

Auch der Patron des Cafés sah zu: „Ich hörte ein krachendes Bersten, wie vom Einschlag einer Bombe – dann ging ein vielstimmiger Schrei durch das vollbesetzte Lokal.“ Denn viele Gäste hatten den Absturz von der Terrasse aus mit angesehen. Die meisten warteten auf die Rückkehr von Skifahrern.

Wer konnte, eilte sofort über eine Brücke zum gegenüberliegenden Hang. „Den Anblick werde ich nie vergessen“, stammelte eine weißhaarige Frau aus Innsbruck, „dieses zerknautschte Metall und die vielen reglosen Menschen …“ Sie hatte Glück: Ihre Angehörigen hatten nicht in der verunglückten Kabine gestanden, sondern noch in der Mittelstation gewartet auf ihre Talfahrt.

Die Bergung der Opfer begann sofort, doch als ungewöhnlich schwierig erwies sich ihre Identifizierung. Denn wegen eines Streiks von Telefonisten und Fernschreib-Angestellten war die Nachrichtenübermittlung von und nach Italien eingeschränkt. So waren am folgenden Mittag erst die Namen von 22 der zunächst geborgenen 42 Toten bekannt – eine Herausforderung für alle Angehörigen, die sich Sorgen machten.

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Zunächst identifiziert werden konnten unter anderem zwölf Deutsche: eine 20-jährige Sprachstudentin aus München, ein Jurastudent (21) aus Hamburg, ein pensionierter Bundesbahnbeamter (65) aus München, ein Optiker (35) aus dem Raum Stuttgart, der Tankstellenbesitzer Willi F. (40) mit seinem Sohn Michael (22) aus Soltau in Niedersachsen sowie drei befreundete Ehepaare aus dem Rheinland. Immerhin: Die zunächst verbreitete Sorge, unter den Opfer könnte eine Reisegruppe aus Hamburg mit 38 Skifahrern sein, bestätigte sich nicht.

Am Ende starben 21 Westdeutsche, elf Italiener, eine Gruppe von sieben Österreichern, Jugendfeuerwehrleuten auf Betriebsausflug, und vier weitere Gäste. Nur ein 14-jähriges Mädchen aus Mailand konnte mit lebensgefährlichen Verletzungen geborgen werden. Den Ärzten gelang ein Wunder: „Alessandra wird überleben.“ Die Körper von zwei ihrer Freundinnen hatten den Absturz gedämpft.

Zwar befanden sich 43 Menschen an Bord der Gondel, die formal für 40 Personen oder 3175 Kilogramm Last ausgelegt war. Trotzdem war die Kabine nicht überladen, denn die Hälfte der Passagiere waren Jugendliche oder Kinder, keine Erwachsenen.

„An den weißgetünchten Häuserwänden von Cavalese prangten Trauer-Plakate“, berichtete WELT in der Ausgabe am 11. März 1976 vom Unglücksort: „,Beileid‘ stand darauf in italienischer und deutscher Sprache. Die Hotels und Pensionen des kleinen Dolomitenortes haben die Flaggen ihrer toten Gäste auf halbmast gesetzt.“

Wenn es aber nicht Überladung war – wie konnte es dennoch zur Katastrophe kommen? Schnell ausgeschlossen werden konnte ein Anschlag. Irgendwelche Spaßvögel mit ganz schlechtem Geschmack hatten nach der Katastrophe bei der Polizei angerufen und von einem „politischen Fanal“ für die Unabhängigkeit Südtirols gesprochen. Auch weil es tatsächlich jahrzehntelang solche Attentate gegeben hatte, war das nicht lustig.

Allerdings zeigte sich an der Rissstelle des Tragseils schnell, dass hier nicht manipuliert worden war. Das machte das Unglück allerdings um so rätselhafter. Denn der Absturz war eine Premiere: Noch niemals zuvor war in Europa das Tragseil einer Anlage gerissen; hingegen hatte es wiederholt Unglücke gegeben, weil Zugtrossen gebrochen waren. In solchen Fällen verhindern automatisch Bremsbacken, die das Tragseil packen, eine Fahrt ins Verderben.

Das Verheddern von Trag- und Zugseil löste offenbar auch am 9. März 1976 die automatische Notbremsung aus. Die Bremsbacken legten sich dabei so ruckartig um das Tragseil, dass die Kabine blockiert wurde. Dieser Druck überlastete wohl das aus rund 250 Stahldrähten verdrillte, armdicke Tragseil. Hinzu kam allerdings, so ergaben weitere Untersuchungen, dass Trag- und Zugseil aneinander rieben und so das Reißen auslösten.

Die gerissene Stahltrosse war neun Jahre alt, also nicht einmal ein Drittel der garantierten und zertifizierten Lebensdauer. Es war auch gepflegt und überwacht – zuletzt war es 14 Tagen zuvor mit einem speziellen Röntgengerät auf einwandfreie Beschaffenheit untersucht worden. Freilich könnte bei der Überprüfung ein Schwachpunkt übergangen worden sein: Ausgerechnet die Stelle, an der dieses Seil auf dem Mast auflag, sei „nur schwer“ zu durchleuchten.

Andere Experten schlossen Materialermüdung oder Korrosionsschäden nicht aus; ein gewisser Verschleiß sei möglich. Dennoch seien Seilbahnen ein „sehr sicheres Verkehrsmittel“. Schweizer Fachleute untermauerten diese Ansicht mit Fakten: 1973/1974 beförderten Gondelbahnen in der Schweiz mehr als 160 Millionen Passagiere – dabei hatte es nur zwei Tote gegeben.

Fassungslos war der Leiter des Seilbahnbetriebs in Cavalese, der Ingenieur Arturo Tenesini: „Sicherheitsvorkehrungen gibt es für den Fall, dass ein Zugseil reißt“, sagte er vor Journalisten: „Aber das Tragseil dürfte eigentlich nicht reißen. Diese Seile reißen nicht.“

Source: welt.de