Diese letzte Show hätte man Thomas Gottschalk ersparen sollen – ein Großer freilich bleibt er
Bei RTL versuchte man Thomas Gottschalk einen würdigen Abschied von der Showbühne zu bereiten. Der Versuch, eine normale Spielshow zu simulieren, misslang gründlich. Am Ende aber rettete Günther Jauch den Abgang seines alten Freundes.
Um 22.13 Uhr war es vollbracht. Thomas Gottschalk, der ungekrönte König der Samstagabendunterhaltung in Deutschland, ging erhobenen Hauptes in TV-Rente. Unsicher, aber ohne stützende Hand. Mit halbwegs festen Schritten. Nach seinem eigenen Empfinden ging er sogar freiwillig: „Das gibt es selten im Fernsehen!“, bemerkte er. Es war ein letzter Scherz, dann stieg Gottschalk – „Danke! Danke sehr!“ – murmelnd die schmale Showtreppe hinauf. Ging vorbei an seinen Fans, die mit Pappschildern (“„Fernsehgott!“, „Legende“) ein letztes Mal Spalier standen. Oben erwartete ihn seine Frau Karina, sichtlich erleichtert. Sie hatte ihn an diesem schweren und auch, selbst wenn er diesen Abschied selbst wollte, lange Zeit tragischen Abend ins Studio in Köln begleitet und mitgefiebert.
Die 15 Minuten vor dem Abgang waren jene Minuten, für die sich das Zuschauen lohnte. Die Würde hatten. Günther Jauch interviewte – das Studio wurde abgedunkelt, Barbara Schöneberger kauerte in der Nähe – seinen alten Freund und Kollegen zu dem Thema, das alle interessierte: „Thomas, wie geht es Dir?“. Gottschalk: „Mir geht es gut. Mir geht es ausgezeichnet. Ich hatte die beste Zeit im Fernsehen erlebt. Ich freue mich nun auf die Rente!“ Sagte es und bedankte sich dann bei seinem Publikum für die vielen Jahre, in denen es ihn immer unterstützt habe.
Der 75-Jährige erzählte dann auch von seiner Krebserkrankung, wie seine Frau ihn zum Arztbesuch fast nötigen musste, von den Operationen an Harnleiter und Blase. Dabei musste auch ein Muskel im Oberschenkel durchtrennt werden, sagte er, der ihm bis heute Probleme bereite. Gottschalk berichtete aber auch, dass die letzten Werte gut waren und er Hoffnung habe, wieder gesund zu werden: „Ich bin ein positiver Mensch.“
In manchen Momenten des Gesprächs, das offen, direkt, ehrlich wirkte, blitzte sogar kurz der alte „Thommy“ auf, der Mann mit Witz und Charme und einem lockeren Spruch in allen Lebenslagen. Wenigstens ein bisschen.
Alles vor diesem Gespräch aber war an dieser „Show“ eher erschütternd. War das stille Zeugnis eines Verfalls, eines Fast-Erloschen-Seins zumindest des Unterhaltungsschlachtrosses Thomas Gottschalk, wie Millionen Menschen es liebten. Jenes Mannes, den man gefühlt nachts um drei wecken und auf jede Showbühne stellen konnte. Der Mann, der dort im Studio in Köln stand, wusste die meiste Zeit nicht, in welche Kamera er schauen sollte, war nahezu bewegungslos und sogar sprachlos. Thomas Gottschalk war zwar nicht desorientiert wie bei den Bambi- und Romy-Preisverleihungen, jenen Events, die ihn zwangen, seine Krebserkrankung und die damit einhergehenden Medikamente mit ihren Nebenwirkungen zu offenbaren.
Thomas Gottschalk war anwesend, aber bis zu dem Gespräch mit Jauch nicht da.
Für alle, die die Sendung nicht kennen: „Denn sie wissen nicht, was passiert“ ist eine RTL-Samstagabend-Spielshow, eigentlich live, dieses Mal, um Gottschalk vor Eventualitäten zu schützen, leicht zeitversetzt ausgestrahlt.
Gottschalk moderiert sie seit immerhin sieben Jahren weitgehend unauffällig zusammen mit Günther Jauch und Barbara Schöneberger. Die drei teilen sich die Moderation, man könnte es ein wenig böse als eine Art Altersteilzeit betrachten. Immer einer der drei moderiert ein Spiel, die anderen beiden treten gegen ein konkurrierendes Team bestehend aus zwei Prominenten an. Jede Show hatte bisher dabei ein übergreifendes Motto, zuletzt „Las Vegas“ oder „Märchen“. Die Spiele sind harmlos, oft albern, manchmal absurd, so wie man das auch von „Schlag den Raab“ und ähnlichen Formaten kennt.
Die gestrige Sendung nun, die auch für Jauch und Schöneberger die letzte dieser Show war, hatte kein Motto. Es ging um Gottschalk selbst, zumindest bis zu seinem Abgang. Bis dahin ging es um Rückschau, Altern, Abschied.
Das „gegnerische“ Team bildeten mit Jörg Pilawa und Giovanni Zarrella gestandene Samstagabendshow-Moderatoren. Sie mussten im ersten Spiel etwa erraten, ob Gottschalk oder Queen Camilla jünger ist, Gottschalk oder das Ost-Sandmännchen oder Gottschalk die Curry Wurst (Antwort: meist Gottschalk). Dazu nahm die für einen Gottschalk-Abschied offenbar unvermeidliche „Supernase“ Mike Krüger teil (der hatte ihn ja schon bei „Wetten dass..?“ aus dem Studio gefahren). Krüger sang für „Thommy“ direkt vor dessen Abgang an einem Kunst-Lagerfeuer noch seinen Klassiker, aber umgetextet in: „Mein Gott, Thomas!“
Das soll jetzt kein Nachruf werden, dazu ist es – hoffentlich, trotz des aggressiven Krebs – noch viel zu früh. Aber man sollte bitte diesen besonders anfangs tragisch anmutenden RTL-Abend nicht als das letzte in Erinnerung behalten, wenn man sich an den Entertainer Thomas Gottschalk erinnert. Denn der war zu einer echten Teilhabe kaum mehr in der Lage. Sagte zu Beginn fast nichts, machte kaum bei den Spielen mit, weil er offensichtlich nicht mehr konnte, machte nicht einmal mehr seine typischen, dazwischen geworfenen Sprüche.
Als der übergeordnete „Spielleiter“ Thorsten, der die Spiele ansagt und nebenbei immer noch wie ein moderner Heizdeckenverkäufer die Zuschauer dazu animieren muss, für ein RTL-Gewinnspiel anzurufen („100.000 €! SMS mit dem Stichwort: Geld“), irgendwann als Cliffhanger vor der nächsten Werbepause noch damit lockte, später würde Günther Jauch mit Gottschalk darüber reden, wie es ihm ginge …
Ja, da drohte die Abschiedsshow endgültig ins Würdelose zu kippen. Doch da war zum Glück Günther Jauch – und der überraschend frühe Abgang von Gottschalk.
Der Gigant mit dem lockeren Mundwerk
Nur noch in Spurenelemente aber war etwas von der Magie spürbar, mit der Gottschalk so viele Jahre das Publikum verzaubern konnte.
„Ich habe immer alles aus dem Ärmel geschüttelt“, sagte er im Gespräch mit Jauch einmal. Was aus diesem Ärmel kam, anders kann man es nicht sagen, prägte die deutsche Show-Landschaft über Jahrzehnte. Machte Thomas Gottschalk als Showmaster zum Maß aller Dinge.
Gottschalk hat, das geriet zuletzt fast in Vergessenheit (woran er nicht unschuldig war), die Fernsehunterhaltung im deutschsprachigen Raum deutlich bunter gemacht (nicht nur modisch), deutlich lockerer (nicht nur durch seine Sprüche) und auch deutlich besser. Er hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran, die etwas muffige Gemütlichkeit, die zuvor im Fernsehen herrschte, zu vertreiben. Er war, daran erinnerte Jauch, in gewisser Weise vergleichbar mit dem, was Franz Beckenbauer für den Fußball war.
Der „große Blonde“ aus Kulmbach in Oberfranken hatte sich dabei schon früh, erst beim Radio in München, dann beim Fernsehen und oft zusammen mit Günther Jauch den Namen gemacht, auf unkonventionelle Art einen verknöcherten Laden ordentlich durchlüften zu können. Ein Revoluzzer war Gottschalk dabei nie, eher ein Modernisierer ohne konkreten Plan. Er machte Sendungen besser. Ließ sie frischer aussehen, einfach weil er sie so machte, wie es (zu) ihm passte.
Als er am 26. September 1987 mit einer Sendung aus Hof in Bayern „Wetten dass..?“ von Erfinder Frank Elstner übernahm, enterte er eine erfolgreiche Show, die er noch viel erfolgreicher machte. Nicht, weil er sie groß änderte, sondern in dem der „Neue“ der Sendung seine Persönlichkeit und damit ein anarchisches Element hinzugab.
Man muss sich das noch einmal vergegenwärtigen: 1987 war auch das Jahr, in dem die Konkurrenz von der ARD ihre große Samstagabendshow mit Hans-Joachim Kulenkampff namens „EWG – Einer wird gewinnen“ in Rente schickte. Eine Show, in der „Kuli“, ein Vertreter der alten Unterhalterschule, nach Verklingen der Eurovisionshymne stets in Mantel und Zylinder auf die Showbühne geschlendert kam, um beides als festes Ritual erst einmal seinem „Butler“, einem Mann namens Martin Jente, zu übergeben. Ein Jahr später bekam RTL seine Sendelizenz in Nordrhein-Westfalen, es folgten Shows wie „Alles Nichts Oder?“, in denen Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder sich mit Torten bewarfen – und Balder spätabends in „Tutti Frutti“ Obst entblätterte.
Anstatt sich auf YouTube noch einmal den völlig verpatzten Bambi-Auftritt aus dem November anzuschauen („Cher, Cher, nichts ist so schwer wie Cher“), sollte man sich lieber ein „Best of Wetten dass..? anschauen, dass es dort auch zu sehen gibt. Unbezahlbar etwa der entgeisterte Blick von Rod Steward auf der Show-Couch, als „sein Wettkandidat“ allein am rhythmischen Zucken der Brustmuskeln seiner zwei Kumpels Songs wie „Born to Be Wild“ von Steppenwolf oder „Another one bites the dust“ von Queen erkennt – von Gottschalk moderiert als sei es die normalste Sache der Welt.
Oder wie der Showmaster einen Weltstar wie Jamie Foxx als Einsatz für dessen verlorene Wette in Basel dazu brachte, zur Gitarre von Melissa Etheridge zu jodeln (und gar nicht schlecht!).
Das ist übrigens nicht in grauer Vorzeit passiert, wie man denken könnte, sondern im Oktober 2007 bei der Sendung zu Gottschalks 20. Jubiläum. 11,2 Millionen Zuschauer. Keiner hatte in seiner Primetime mehr. Und niemand schaffte es, ganz normalen Leute (Wettkandidaten) für kurze Zeit das Gefühl zu geben, auf einer Höhe mit echten Weltstars zu sprechen. Und zugleich die Stars zwar zu hofieren, aber sie eben auch nicht wichtiger zu nehmen als den nächsten Gag, der sich Gottschalk im Gespräch anbot.
Was Gottschalk in Bestform hatte und auch später noch in guten Momenten aufblitzen ließ, war sein untrügliches Gespür für Timing, waren seine Schlagfertigkeit und sein Witz. Ein besonderes Gefühl für den richtigen Spruch im richtigen Moment. Man könnte sagen: für den Zeitgeist. Weil er sich lange auf diese Gabe verlassen konnte, hatte Gottschalk auch live vor größtmöglichem Publikum nie Angst davor, etwas Falsches rauszuhauen.
Lernen kann man das nicht. Nur anerkennen. Und oft auch einfach: Bewundern.
Für immer zuverlässig bleibt diese Gabe selbst dem Talentiertesten nicht. Das zeigten einige seiner späten Auftritte. Dass der Entertainer zunehmend dünnhäutiger wirkte, manchmal gar verbittert, vor allem in Interviews und auch im zweiten Teil seiner Memoiren, die „Herstblond“ (2015) und „Herbstbunt“ (2020) hießen. Letzteres Buch hatte den vielsagenden Untertitel „Wer nur alt wird, aber nicht klüger, ist schön blöd“.
Immer häufiger zeigte Gottschalk, wie sehr ihn die Umgangsformen in den „Sozialen Medien“ irritierten und wie wenig Lust er darauf noch hat, sich mit Influencern zu beschäftigen, die auch in Fernsehshows zunehmend den Platz von Stars einnehmen.
Niemand wird diese Entwicklung zurückdrehen. Man kann für ihn nur hoffen, dass sein Rückzug aus der Öffentlichkeit, der nicht so freiwillig ist, wie er ihn in seiner letzten Show darzustellen versuchte, Thomas Gottschalk wirklich Gesundheit und inneren Frieden gibt.
Es stimmt, was auf einem der Pappschilder stand, das eine Frau im Studio in Köln in die Höhe reckte: „Wetten dass wir Thommy vermissen!“
Source: welt.de