„Diebstahl“ von Abdulrazak Gurnah: Das Leben ertragen lernen
Der neue Roman von Abdulrazak Gurnah spielt in der Heimat seines Autors, auf Sansibar, das heute zu Tansania gehört, sich aber als Insel mit eigener Geschichte eine gewisse Autonomie bewahrt hat. Gurnah erzählt darin die Geschichten einer Handvoll junger Menschen, moderner muslimischer Afrikaner, von ihren Herkünften, ihren Karrieren, von ihrem Glück und Unglück. Mal rücken sie in den Fokus seines ruhigen, unaufgeregten Erzählens, dann wieder hinaus an den Rand, wo sie als Nebenfiguren sichtbar bleiben. Das ist souverän gemacht, auf den ersten Blick eine Art erweiterter Familienroman, in Wirklichkeit aber ein Gesellschaftsporträt, das sich von den Achtzigern bis etwa in die Zweitausenderjahre erstreckt.
Gurnahs Charaktere, Raya, Karim, Fauzia oder Badar, sind afrikanische Zeitgenossen, die Besseres zu tun haben als zornig oder melancholisch über die Kolonialvergangenheit ihres Landes nachzusinnen. Sie leben ihr Leben, genau wie Europäer oder Asiaten. Genau das ist bereits ein postkoloniales Statement ihres Autors, der sich in allen diesen Debatten bestens auskennt und darin auch seine Positionen bezieht, beispielsweise in der Forderung, die israelische Kultur zu boykottieren. Nur ein Mal macht sich die ehemalige britische Kolonialmacht unmittelbar geltend, als erotische Versuchung.
Afrika, bedeutet Gurnah, ist mit sich und seinem Aufstieg beschäftigt, es ist autonom und modern. Er schildert Figuren aus der neuen Mittelklasse, und sie erleben allesamt Emanzipationsgeschichten, samt den Folgen, die Selbstbefreiungen so begleiten. Raya, der Tradition entsprechend viel zu früh verheiratet, verlässt ihren Mann und sucht neues Eheglück, wobei sie ihren Sohn Karim zurücklässt. Der jedoch ist klug und ehrgeizig und wird einen beeindruckenden Bildungsaufstieg nehmen. Er heiratet Fauzia, die ihrer depressiven Mutter entkommt und dann genauso wird wie die. Alle leben in ihrer eigenen Gegenwart, sie sind Lehrerinnen, arbeiten für den Tourismus oder für internationale NGOs. Ideologische Vorzeigeafrikaner sind sie nicht, dafür ist Gurnah zu sehr Realist, aber er sorgt dafür, dass wir eines begreifen: Das relative Unglück seiner Figuren, Scheidung, Vereinsamung, Unzufriedenheit, beruht nicht auf historischer Zwangsläufigkeit, sondern ist das Resultat eigener Entscheidungen und eines freien Handelns.
Eine Figur ist allerdings ein bisschen anders, und wahrscheinlich ist es der heimliche Held dieses Buchs. Der kleine Badar ist auf unklare Weise mit Karims Sippe verwandt, hat keine Eltern mehr und daher Anspruch auf Versorgung. Sie beschäftigen ihn als „Boi“ in ihrem Haus – und jagen ihn einfach wieder davon, als er eines Diebstahls bezichtigt wird. Und da ist sie dann schon, die neue Ungleichheit, die auch eine ganz alte ist, weil sie die Erinnerung an die eigene muslimische Sklaverei zurückruft. Bloß reagiert Badar ganz anders, als die weiße Leserin und der europäische Leser erwartet. Es wird kein zorniger junger Mann aus ihm, Ressentiments bleiben ihm fremd. Er lässt mancherlei Demütigungen über sich ergehen, macht eine ganz kleine Karriere und wird am Schluss sogar belohnt. Das ist sympathisch. Badar ist in diesem Roman ein angestrengter Glückssucher, der vollkommen passive Charakter, eigentlich das Gegenteil eines Helden. Er lernt „das Leben zu ertragen“. Und wieder bedeutet Gurnah, dass dieses schicksalsergebene Kismet-Lebensgefühl am Ende den neuen Werten womöglich vorzuziehen sei, die ja im Kern westliche Werte sind.
Der Autor hat dieses Buch vor vielen Jahren zu schreiben begonnen und musste die Arbeit an ihm nach Verleihung des Literaturnobelpreises länger unterbrechen. Er schildert dieses Leben zwischen der Insel und der Metropole Daressalam in einfachen, klaren Sätzen, plain style im besten Sinn. Gurnah erzählt personal, er konzentriert sich ganz auf den Charakter, der gerade im Mittelpunkt steht, doch ergibt sich beim Lesen, dass sich dahinter eine stark lenkende Hand, eine große deutende und modellierende Autorschaft verbirgt. Man könnte das als ein „paternales Erzählen“ bezeichnen.
Diebstahl kennt daher keine Psychologie gemäß der europäischen Romantradition; die Motive seiner Figuren liegen auf der Hand und sind deshalb weitgehend berechenbar. Nicht die inneren Erwägungen seiner Gestalten interessieren den Autor, sondern ihr Handeln, das, was sie aus ihrer Lage machen. Wenn der koloniale Determinismus weiterwirkt, dann an dieser Stelle: im Willen der Befreiten, frei zu sein im Sinne der westlichen Moderne.
Gurnah kritisiert das auf behutsame, höchst indirekte Weise, ohne Dramen zu inszenieren, aber er kritisiert auch die Bereitschaft seines Personals, den neuen Werten blind zu folgen. Sodass es schwerfällt, Diebstahl einen postkolonialen Roman zu nennen – und wenn, dann ist er ein zeitgemäßer, einer der gedoppelten Skepsis, einer historischen Schuld, die von den Opfern angenommen und fortgeführt wird. Die Lage Sansibars, genommen als Teil für das Ganze des subsaharischen Afrikas, bedarf nach Abdulrazak Gurnah eines weisen und wohlwollenden Paternalismus. Es ist unter gegenwärtigen Umständen derjenige der Literatur.
Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Roman; a. d. Engl. v. Eva Bonné; Penguin, München 2025; 336 S., 26 €, als E-Book 19,99 €