„Die taktischen Atomwaffen sind nichts weiter qua die Weiterentwicklung welcher Artillerie“
Sollte die Bundeswehr wieder über eigene Atomwaffen verfügen? Diese Frage erhält nach der Münchner Sicherheitskonferenz neue Relevanz. Die Debatte erinnert an jene, die schon in den 1950er-Jahren hochkochte. Ein Rückblick.
Der Kurswechsel fiel deutlich aus. Jahrelang hatte Konrad Adenauer die Ansicht vertreten, die Bundesrepublik benötige keine eigenen nuklearen Waffen; eine Umstellung der Nato von konventioneller auf vorwiegend atomare Systeme hielt er für falsch. Und dann das: „Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen“, sagte der Bundeskanzler auf der regulären Pressekonferenz am 5. April 1957. Und fügte eine Formulierung hinzu, die zum geflügelten Wort wurde: „Die taktischen Atomwaffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie.“
Selbstverständlich könne die Bundeswehr nicht auf aktuelle Technik verzichten. Nach den „großen“, also strategischen Nuklearbomben strebe die Bundesrepublik nicht. Aber alles sei im Fluss: „Wir Deutschen können die Entwicklung nicht stoppen. Wir können uns nur anpassen und sorgen, dass irgendwann und irgendwo eine Entspannung eintritt.“ Er sei überzeugt, dass „Nichtmitmachen“ nichts nutze, wenn ein Land allein das tue, und „sicher nichts, wenn es die Bundesrepublik allein tut“.
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) ergänzte: Strategische Wasserstoffbomben, sagte er, seien Waffen der „Schwert-Streitkräfte“, zu denen die Bundeswehr nicht gehöre. Bei der westdeutschen Armee handele es sich um „Schild-Streitkräfte“, denen kleine Nukleargranaten reichten, also taktische Atomwaffen. Außenminister Heinrich von Brentano (CDU) verglich den Übergang von herkömmlichen zu Kernwaffen mit der Einführung des „Hinterladers anstelle des Vorderladers“.
Dabei hatte die Bundesrepublik wiederholt auf Atomwaffen offiziell verzichtet. Der im Januar laut gewordene Vorstoß des CDU-Sicherheitspolitikers Roderich Kiesewetter für eine deutsche Beteiligung an einem europäischen Atomschirm wurde auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz diskutiert und zeigt, dass diese Debatte durch die Bedrohung durch Russland wieder aktuell geworden ist. An einem solchen Schirm könne Deutschland sich, so der langjährige Berufsoffizier (zuletzt als Oberst) „finanziell beteiligen, ohne die Führung zu übernehmen“.
In den 1950er-Jahren war die Frage der nuklearen Bewaffnung der Bundeswehr hochaktuell. Zwar hatte der Kanzler in einem offiziellen Schreiben, das sogar im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde, am 27. Mai 1952 auf die Produktion von ABC-Waffen verzichtet. Die Bundesregierung werde auf dem Wege der Gesetzgebung „die Entwicklung, die Herstellung und den Besitz von Atomwaffen“ verbieten, hieß es wörtlich. Allerdings, was meist übersehen wurde, galt schon dieser Verzicht nur unter der Bedingung, dass die deutschen Kontingente im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) solche Waffen erhalten sollten, soweit es für ihre Einsatzfähigkeit notwendig sei.
In den folgenden Jahren bekräftigte Adenauer immer wieder den Verzicht auf eigene Atomwaffen. Anfang März 1955 zum Beispiel sagte er: „Ich teile die Auffassung, dass eine Abrüstung notwendig ist und kann nur erklären, dass sich die Bundesregierung stets für eine solche Abrüstung einsetzte. Wir haben auf die ABC-Waffen verzichtet und damit den Anfang gemacht.“ Im September 1956 warnte er vor einer „weiteren Umrüstung auf Atomwaffen unter Zurückstellung der konventionellen Waffen“. Das gefährde die „strategische Lage Westeuropas“.
In diesem Zusammenhang deutete die Bundesregierung eine veränderte Haltung an. Zwar solle der Verzicht auf die Herstellung von Atomwaffen in der Bundesrepublik nicht aufgehoben, sickerte in Bonn durch: „Aber der Verzicht auf die Herstellung dieser Waffen bedeute nicht den Verzicht auf ihren Besitz“, zitierte das kanzlerkritische Magazin „Der Spiegel“ den Kanzler.
Auf den Vorstoß vom 5. April 1957 reagierten große Teile der westdeutschen Öffentlichkeit mit purem Entsetzen. Umgehend formulierten 18 Kernphysiker, darunter die Nobelpreisträger Max von Laue, Otto Hahn, Werner Heisenberg und Max Born, eine „Göttinger Erklärung“. Sie würden jede Mitarbeit an einem deutschen Atomwaffenprogramm verweigern, hieß es darin.
Das allerdings war unfreiwillig komisch. Denn mindestens sechs der Unterzeichner, darunter Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, hatten im Zweiten Weltkrieg mit vollem Einsatz beim „Uranverein“ mitgearbeitet, dem Atomprojekt der Wehrmacht. Was sie für Hitler zu tun bereit gewesen waren, verweigerten sie also nun der Bundesregierung.
Adenauer ärgerte sich über den Vorstoß der „Göttinger 18“, nahm ihn aber nicht sonderlich ernst. Die DDR und linksextreme Aktivisten in der Bundesrepublik griffen die „Göttinger Erklärung“ dagegen begeistert auf – was ihre politische Relevanz deutlich reduzierte. Erst rückblickend wurden die „Göttinger 18“ zum vermeintlichen Dokument bürgerschaftlicher Verantwortung von Wissenschaftlern stilisiert.
1957 gab es nur drei Atommächte: die USA, die Sowjetunion und – mit weitgehend amerikanischer Technik – Großbritannien. Frankreich baute ein eigenes Nuklearwaffen-Programm namens Force de frappe erst auf. Auf die Zusammenarbeit mit den beiden größten Nachbarländern setzte auch der Bundeskanzler: Frankreich, Italien und Deutschland könnten zusammenarbeiten. Ministerpräsidenten Guy Mollet gab als Frist fünf Jahren vor.
Mit der Staatskrise in Paris und der Rückkehr von Charles de Gaulle in die Politik 1958 hatte sich diese Hoffnung Adenauers auf eine gemeinsame westeuropäische Nuklearmacht erledigt. Der selbstbewusste Franzose machte ganz klar, dass sein Land allein den Schritt zur Atommacht bewältigen wolle und bewältigen werde; 1960 war es so weit.
So blieb der Bundesregierung nur, doch wieder auf den Grundgedanken von 1952 zurückzukommen: In Westdeutschland wurden taktische US-Kernwaffen stationiert, die im Einsatzfall von Bundeswehr-Jets und Kurzstreckenraketen aus amerikanischer Produktion eingesetzt werden sollten. Jedoch sollten diese Sprengköpfe allein durch den US-Präsidenten freigegeben werden; bis dahin bewachte allein amerikanisches Militär die Kernwaffen. Damit war die Bundeswehr zwar Teil der potenziell nuklear bestückten westlichen Streitkräfte, aber nicht zu eigenen Entscheidungen in der Lage. Als „nukleare Teilhabe“ wurde dieses Konzept bekannt; bis auf die starke Reduzierung der Sprengköpfe änderte sich daran bis 2017 wenig.
Die Unzuverlässigkeit, die seit der ersten Amtszeit Donald Trumps das europäisch-amerikanische Verhältnis prägt, hat die „nukleare Teilhabe“ faktisch entwertet. Deshalb dachten die beiden europäischen Nuklearmächte Frankreich und Großbritannien über eine Kooperation mit Deutschland und anderen EU-Staaten in der Kernwaffen-Frage nach. Die SPD-Politikerin Katharina Barley forderte ausdrücklich eine deutsche Beteiligung an der französischen Force de frappe, der ehemalige Außenminister Joschka Fischer und der Historiker Herfried Münkler eine eigene Abschreckungsstreitmacht der EU gegen Russland. Der Vorstoß von Roderich Kiesewetter hat also nicht nur historische Vorläufer, sondern auch Parallelen in der sicherheitspolitischen Diskussion.
Allerdings ist bereits absehbar, dass – wie 1957 die „Göttinger 18“ – die selbst ernannte deutsche „Friedensbewegung“ gegen konkrete Schritte in diese Richtung massiv mobil machen würde. Schon die jeweils teilweise von DDR-Staatssicherheit und KGB gesteuerten Initiativen Ende der 1950er- und Anfang der 1980er-Jahre hatten Millionen Demonstranten auf die Straßen gebracht. Eine substanzielle deutsche Mitwirkung an einem europäischen Atomschirm ist deshalb eher unwahrscheinlich.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Schon als Schüler in West-Berlin lehnte er in den 1980er-Jahren die Linie der westdeutschen „Friedensbewegung“ ab – ohne seinerzeit von der Einflussnahme aus dem Osten zu wissen.
Source: welt.de