„Die Scheidung steht vor welcher Tür“ – Wie Deutschland seinen Osten verliert
In 35 Einheitsjahren sind die Ostdeutschen aus Protest von links nach rechts gewandert. Ein Phänomen, das auch passionierte „Zonenkinder“ überfordert. Deren Autorin, Jana Hensel, hat nun ein neues Buch über den Osten vorgelegt.
Vom Ich zum Wir. Befolgt wurde der Marschbefehl der DDR auch am 9. Oktober 1989. 70.000 sollen wir gewesen sein in Leipzig. Wir liefen gemeinsam durch die Straßen, weil keiner von uns weiter so leben wollte, wie der Staat es vorsah, sondern wie es jeder selbst für richtig hielt. Es ging um individuelle Meinungs- und um Reisefreiheit. Kollektiv erinnerten wir die Regierenden, die uns bewaffnet als Bereitschaftspolizei und Volksarmee entgegentraten, dass wir genau die waren, für die sie sprachen, wenn sie vorgaben, wie wir zu sein hatten: „Wir sind das Volk!“ Jeder von uns auf seine Weise.
Seit 2009 feiert sich Leipzig am 9. Oktober selbst mit einem „Lichtfest“. Die Fenster des „Weisheitszahns“, des Universitätsturms am Augustusplatz, erleuchten die ostdeutsche „Heldenstadt“ mit einer 89. Die jährliche Kerzenprozession endet in einem Volksfest mit der frohen Botschaft: Die Geschichte, die hier im Herbst 1989 anfing, ging nicht nur gut aus. Alles ist gut, bis heute. Besser jedenfalls als in den 40 Jahren vorher in der DDR. 2029 wird wieder ein Bundestag gewählt. Dann wird auch die Leipziger Montagsdemo, mit der wir damals das Land, die DDR, erledigt haben, 40 Jahre alt.
„Es war einmal ein Land“ ist schon auf dieses denkwürdige Jubiläum hingeschrieben. Jana Hensel fragt im Untertitel ihres aktuellen Buchs zum Osten, warum ihre Heimat sich wieder von der Demokratie verabschiede. Eigentlich ist es keine Frage. Als Autorin, die mit ihren „Zonenkindern“ eine eigene Generation begründet hatte, um die Spätgeborenen jenes verlorenen Landes zu empowern, wie man heute sagt, stellt sie nur noch das Ende ihres Traums fest und das Ende einer Ära, der Demokratie im deutschen Osten. Auch sie war dabei in Leipzig am 9. Oktober 1989. An der Seite ihrer Mutter, schreibt sie, teilte sich ihr Leben in die 13 Jahre vorher und die lange Zeit danach.
Was Jana Hensel sich seither erträumt hat, wird in ihrem Abgesang über rund 250 Seiten nie ganz klar. Ein freieres Leben als das ihrer Eltern, ein linkeres Deutschland durch den Osten. Aber so sind Träume. Trugbilder stellen sich ein und Nachtmahre, bis man erwacht und denkt: „Vielleicht ist es schon da.“ Das neue, alte Sehnen nach dem starken Staat, nach einem anderen System. Der Osten drifte wieder weiter weg vom Westen, in den Wahlkabinen, in den Wohnstuben und auf den Straßen, bis zum Bruch. Hensel vergleicht die Abkehr mit einer Beziehung, die nicht mehr zu retten ist. Die Ostdeutschen waren die Liebenden, bereit sich zu verändern. Aber auch die Westdeutschen hätten sich ändern sollen. Jetzt sei es zu spät. Der Osten werde sich vom Westen trennen.
Wie es dazu kommen konnte, dass sich beide Seiten durch die deutsche Einheit fremder wurden statt sich anzunähern und einander ähnlicher zu werden, war in Zeiten, als der Osten linker wählte als der Westen, noch kein großes Thema. Seit die ewig neuen Länder rechter sind, widmen sich Leitmedien und Leitartikel aus Frankfurt am Main, Hamburg und München den anderen Deutschen umso aufmerksamer. Ohne auf der Suche nach den Gründen mehr zu finden als ein Volk von diktaturgeschädigten, demokratieunfähigen Deutschen. Jana Hensel macht sich mehr Gedanken über ihre Landsleute. Was in den Neunzigerjahren über sie hereinbrach, wird bei Hensel als soziales Erdbeben beschrieben, dem ein psychologischer Tsunami folgte, der politisch seine Opfer forderte.
„Wären die Ostdeutschen ein Schwarm, sie würden mal hier-, mal dorthin fliegen. Unpolitisch, gar orientierungslos agieren sie dabei nicht. Auch nicht irrational. Sie, denen man immer mal vorwerfen wird, die Demokratie nicht richtig zu verstehen oder nicht ankommen zu wollen, folgen vielmehr ihren eigenen Interessen, die sich aus ihren eigenen Konflikten ergeben. Sie handeln mit einer eigenen Logik aus ihrer Mitte heraus.“
Hensel staunt, wie lange die Kohorte ihrer Eltern überhaupt an die Verheißungen des Westens glauben konnte und daran, dass alles immer besser werden würde. „Der Weg zu den blühenden Landschaften jedenfalls führte für sie erst einmal durch ein tiefes Tal der Tränen.“ So hoch wie die Arbeitslosenzahlen waren, war allerdings auch die Wahlbeteiligung. Hielten die einen Helmut Kohl für ihren starken Mann und an der Macht, stimmten die anderen für die PDS als renovierte SED. Für beides sprach der Westen ihnen die nötige Reife dafür ab, in seiner Bundesrepublik zu leben.
Jana Hensel zitiert aus den alten Prophezeiungen. Der Soziologe Wolfgang Engler warnt beizeiten vor einer gedemütigten Volksbewegung vom Herbst 1989. Wolfgang Thierse sieht bereits 2001 im Osten aus Enttäuschung und aus Frust die Basis einer offenen Gesellschaft wegbrechen. Die Ostdeutschen hoffen auf einen neuen starken Mann, auf Gerhard Schröder, und bekommen die Agenda 2010. Die Montagsdemos feiern ihre Renaissance. Als Journalistin nimmt auch Hensel, die Stimme der „Zonenkinder“, daran teil. Ein Mann beklagt sich bei ihr: „Der Staat gibt uns auf.“ Nach 22 Jahren findet er sich mit dem Satz in einem Buch wieder, das nicht nur fragt, wie aus den linken Montagsdemos gegen einen Staat, von dem ein Wir sich nicht vertreten fühlt, zu rechten Montagsmärschen werden konnten. Es bemüht sich auch um Antworten.
In Wahrheit sind die von der AfD so eine Art radikale West-Liberale
Um zu ergründen, warum die Stimmung 2015 kippte, sich erhitzte und zu einer Lage führte, in der sich bald alle sogenannten neuen Länder von einer Partei regieren lassen könnten, die Demokratie anders versteht als alle anderen großen Parteien, besucht Jana Hensel prominente Ostler in ihrer natürlichen, politischen Umgebung. Für die AfD den fast schon tapferen Tino Chrupalla in der Lausitz, den seine Parteigenossen aus dem Westen Pinsel nennen, nicht nur, weil er Malermeister ist. Aber sie brauchen ihn im Osten. Maximilian Krah, auch er trifft sich mit Hensel, wollte immer lieber Westler sein und redet heute wie die Wahlostler seiner Partei: „Die Ostdeutschen sind keine linken Wokis.“ Daher sei er endlich auch im Geist einer von ihnen, stolz darauf, ein Mann der neuen Mitte und des Ost-Mainstreams zu sein.
Benedikt Kaiser hat sich so glaubhaft in einen Ostdeutschen verwandelt, dass ihn Jana Hensel für einen sächsischen Hooligan und Neonazi hält, der er in seiner Jugend war – bis er sich so belesen hat, dass er rechtsintellektuelle Bücher schrieb wie „Querfront“ oder „Solidarischer Patriotismus“. Beim Spaziergang im Regierungsviertel, wo er für die AfD im Bundestag arbeitet, outet er sich als gebürtiger Franke.
Hensel wundert sich über seine gediegene Garderobe, die geschliffene Sprache und die Offenheit, in der er über die strategisch-ideologische Okkupation des Ostens redet. Ökonomisches Gefälle und politische Bevormundung als Bürger zweiter Klasse „können von einer sozial- und rechtspopulistischen Kraft genutzt werden, die sich als Interessenvertretung jener Millionen nicht repräsentierter Ostdeutschen begreift“, zitiert Hensel aus seiner Kampfschrift „Die Besiegten von 1990“. Kaiser sagt aber auch, dass die AfDler im Osten noch nicht ostdeutsch genug seien: „In Wahrheit sind sie so eine Art radikale West-Liberale.“
Einige der zugezogenen Rechtsextremen kommen solchen Übernahmefantasien aber schon recht nah. Björn Höcke, der auf Ost-Mopeds, „Simson statt Lastenrad!“, durch seinen Wahlkampf knattert und schreibt, unzählige AfD-Wähler wären „zur Wendezeit in der Bürgeropposition und auf der Straße gewesen“ und hätten „Erfahrung mit einem volksfeindlichen Regime“. Die AfD wirbt mit Parolen wie „Vollende die Wende“ für die „Wende 2.0“ und mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ Götz Kubitschek träumt in Schnellroda vom „Geistigen Bürgerkrieg“. Und Jürgen Elsässer stellt sich in Gera an einem 3. Oktober hin und spricht: „Die Hoffnung für mich liegt eindeutig im Osten, wo die Menschen noch Deutsche bleiben und Deutschland verteidigen wollen. Und deshalb stelle ich hier die Frage, ob wir nicht im Osten die DDR neu gründen sollten. Aber nicht auf sozialistischer Grundlage, sondern als Deutsches Demokratisches Reich.“
Warum die in sich widersinnigen und wirren Angebote westdeutscher Ideologieverkäufer im Osten verfangen, versucht Jana Hensel zu verstehen. Auch sie arbeitet sich an Angela Merkel ab und wirft ihr vor, sich erst zu ihrer Ostidentität bekannt zu haben, als sie schon im Osten so verhasst war, dass die Demonstranten für sie Galgen durch die Gegend trugen. Hensels Bücher – „Zonenkinder“, „Wer wir sind“, „Wie alles anders bleibt“ – waren Identitätserklärungen in eigener Sache. Ostdeutschsein als Gnade der Geburt am richtigen Ort zur richtigen Zeit.
„Es war einmal ein Land“ drückt nun ihre Verzweiflung und Enttäuschung aus über ein Volk, das seine emanzipatorischen und progressiven Traditionen an eine Partei verrät, die ihm eine illiberale Herrschaft im Namen des Volkes wieder als Demokratie andreht. Der Osten ist nicht mehr der Andere und Fremde, der er für den Westen immer war, sondern die neue Norm. „Ja, die Scheidung steht vor der Tür“, sagt Antje Hermenau, Leipziger Bürgerrechtlerin und ehemalige Grüne, über Ost- und Westdeutschland zu Jana Hensel.
Was Hensel beschreibt, hat immer weniger mit Politik zu tun und immer mehr mit Pop. Was die Protestpartei, die sich im Osten gerade anbietet, bespielt, sind 36 Jahre lang geschürte Distinktionsbedürfnisse: Der Westen ist alt, satt und langweilig – im Osten lebt die Avantgarde, vom 89er über die Zonenkinder bis zur rechten TikTok-Jugend. Es ist wieder da, das Wir. Wenn auch ein anderes.
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau, 263 Seiten, 22 Euro. Ab 11.2.
Source: welt.de