Die neue digitale Kluft: KI-Nutzer sparen so gut wie zwei Stunden Arbeitszeit pro Woche

Bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) am Arbeitsplatz klafft eine Lücke zwischen den Kontinenten (KI). Während die USA sowohl in der Breite als auch in der Intensität der Anwendung eine Vorreiterrolle einnehmen, hinken europäische Kernmärkte wie Deutschland hinterher. Für die hiesige Produktivität sind das keine guten Nachrichten. Dennoch haben die Führungsebenen der Unternehmen den entscheidenden Hebel in der Hand, um dieser Tendenz entgegenzuwirken.
Die aktuelle Dynamik bei der Einführung von KI weckt Erinnerungen an ein bekanntes Szenario. Bereits in den 1990er-Jahren öffnete sich eine Schere beim Produktivitätswachstum zwischen Europa und den USA, die seither stetig gewachsen ist. In den letzten drei Jahrzehnten wuchs die Arbeitsproduktivität in den USA um 85 Prozent, in Europa nur um 30 Prozent. Die Forschung führt das maßgeblich auf die unterschiedliche Geschwindigkeit bei der digitalen Transformation zurück. Heute deutet sich bei der KI-Implementierung in Unternehmen ein ähnliches Muster an.
Um das Ausmaß dieser Entwicklung zu erfassen, haben wir die Verbreitung von KI in einer umfassenden vergleichenden Analyse untersucht, die in den Brookings Papers on Economic Activity erscheinen wird. Dafür haben wir repräsentative Befragungen von mehr als 55.000 Beschäftigten zur Nutzung von generativer KI am Arbeitsplatz im Jahr 2025 und Anfang 2026 vorgenommen.
Die USA sind Spitzenreiter
Die Befragungen konzentrierten sich auf die vier größten europäischen Volkswirtschaften – Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien –, die digitalen Vorreiter in Europa, Schweden und die Niederlande, sowie die USA. Neben den reinen Zahlen zur KI-Nutzung am Arbeitsplatz haben wir außerdem den Einfluss von Faktoren wie Branchenzusammensetzung und Managementpraktiken sowie die Effekte auf den Arbeitsmarkt und die Produktivität analysiert. Als zusätzliche Datenquellen haben wir Firmenbefragungen in 32 europäischen Ländern von Eurostat sowie Daten vom US Census Bureau verwendet.
Unsere Ergebnisse zeichnen ein deutliches Bild: Die USA sind Spitzenreiter bei der Nutzung von KI am Arbeitsplatz. Anfang 2026 verwenden dort bereits 43 Prozent der Beschäftigten KI. Dieser Anteil liegt signifikant über dem deutschen Niveau, das bei knapp 32 Prozent liegt. Unter den europäischen Ländern liegt Deutschland dabei im Mittelfeld.
Während im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden und Schweden der Anteil von KI-Nutzern um vier bis fünf Prozentpunkte höher liegt, weisen Frankreich und Italien mit 28 und 26 Prozent noch deutlich geringere Nutzungsquoten auf. Doch nicht allein die Anzahl der Anwender macht den Unterschied, sondern auch die Intensität der Nutzung. Während KI-Nutzer in den USA bereits 13 Prozent ihrer Arbeitszeit in die Arbeit mit dieser Technologie investieren, sind es in Deutschland lediglich sieben Prozent.
Deutschland: Gesamtanteil an KI-nutzenden Unternehmen bei 26 Prozent
Auch die Unternehmensbefragungen aus dem Jahr 2025 zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Ländern auf. In den USA verwenden gut sieben Prozent der Unternehmen KI in der Produktion, während es im EU-Durchschnitt lediglich vier Prozent sind. In Deutschland liegt der Anteil bei sechs Prozent. Insgesamt wird KI von Unternehmen jedoch auch für viele andere Zwecke wie Marketing oder Buchhaltung verwendet. In Deutschland liegt der Gesamtanteil an KI-nutzenden Unternehmen bei 26 Prozent, knapp über dem EU-Durchschnitt von 20 Prozent, aber deutlich hinter dem Spitzentrio aus Dänemark, Finnland und Schweden, wo mehr als 35 Prozent der Unternehmen KI verwenden.
Ein besonders kritisches Phänomen zeigt sich bei der Analyse der zeitlichen Entwicklung: Sowohl bei den Beschäftigten als auch auf Unternehmensebene steigt die Nutzung von KI stärker in Ländern, die bereits mehr KI verwenden. Aktuell bauen die USA ihren Vorsprung in der Verwendung von KI also aus.
Warum weicht die KI-Nutzung zwischen den Ländern voneinander ab? Ein Teil der Unterschiede zwischen Europa und USA lässt sich auf strukturelle und demographische Faktoren zurückführen. So ist zum Beispiel in allen Ländern die Nutzung von KI weiter verbreitet unter Erwerbstätigen mit einem Universitätsabschluss, in großen Firmen sowie in bestimmten Sektoren wie im Informations- und Kommunikationssektor oder in der Energieversorgung. Die Anteile dieser Gruppen sind in den Ländern jedoch unterschiedlich groß.
KI führt im Durchschnitt zu signifikanten Zeitersparnissen
Allerdings können diese Faktoren nur etwa die Hälfte der Unterschiede in der Nutzung von KI erklären. Der eigentliche Schlüssel liegt in den Managementpraktiken. Unsere Daten zeigen: Die Unterschiede zwischen Ländern bei der KI-Anwendung hängen eng damit zusammen, ob Arbeitgeber die Nutzung durch ihre Belegschaft aktiv fördern und unterstützen, etwa durch die Bereitstellung entsprechender Produkte oder Trainings.
Tatsächlich erklärt die gezieltere Ermutigung der Mitarbeiter in US-Unternehmen den Großteil der transatlantischen Kluft. Dass KI-Nutzung in Deutschland oder anderen europäischen Ländern von Arbeitgeberseite verboten wird oder dass eine höhere Skepsis gegenüber KI herrscht, scheint hingegen kaum eine Rolle zu spielen.
Es gibt inzwischen einige experimentelle volkswirtschaftliche Studien, die erhebliche Produktivitätsgewinne durch die Nutzung von KI nachweisen. Allerdings kommen diese alle aus Bereichen, in denen mit Produktivitätsgewinnen zu rechnen war, zum Beispiel beim Einsatz der KI zur Analyse von Röntgenbildern oder zur Programmierung. Daraus ließen sich noch keine Schlüsse für die gesamte Volkswirtschaft ziehen.
Hier kann unsere repräsentative Studie klar zeigen: KI führt im Durchschnitt zu signifikanten Zeitersparnissen bei den Beschäftigten. Im Durchschnitt verbringen KI-Nutzer 3,2 Arbeitsstunden mit der Nutzung von KI und berichten, dass ihnen dadurch Zeitersparnisse von 1,9 Stunden, oder 5,8 Prozent der Arbeitszeit, entstehen. Bezieht man auch diejenigen Beschäftigten mit ein, die KI (noch) nicht nutzen, so werden im Durchschnitt über alle europäischen Länder hinweg bereits 1,4 Prozent der Arbeitszeit durch KI eingespart, in den USA sogar 2,3 Prozent. KI hat also das Potential, auch breiter in die Volkswirtschaft hinein zu Produktivitätsgewinnen zu führen.
Unsere Analyse auf makroökonomischer Ebene unterstreicht dieses Muster: Eine geringe KI-Durchdringung geht Hand in Hand mit einer schwächeren Produktivitätsentwicklung. Basierend auf den aggregierten Eurostat-Firmendaten zur Nutzung von KI in zehn Sektoren und 29 europäischen Ländern finden wir, dass im untersuchten Zeitraum zwischen 2019 und 2024 eine Steigerung der KI-Nutzungsquote von Unternehmen um zehn Prozentpunkte mit einem zusätzlichen sektoralen Produktivitätswachstum von zwei bis fünf Prozentpunkten verbunden ist.
Tatsächlich lässt sich das deutlich geringere Produktivitätswachstum in Europa im Vergleich zu den USA in den vergangenen Jahren zum erheblichen Teil durch die zögerlichere Nutzung von KI-Technologien erklären. Wenn diese bei Beschäftigten und Unternehmen in Europa nicht gesteigert wird, droht sich die transatlantische Produktivitätslücke zu vergrößern. Im betrachteten Zeitraum haben wir hingegen keine Evidenz dafür gefunden, dass in Sektoren mit höherer KI-Nutzung die Beschäftigung zurückgeht.
Angesichts der demographischen Entwicklung – und dem damit einhergehenden Rückgang der Erwerbsbevölkerung – wird die Steigerung der Produktivität entscheidend für den Standort Deutschland sein. Ohne Gegensteuern ist zu erwarten, dass die bereits bestehende Produktivitätslücke zu den USA anwächst. Die gute Nachricht ist: Die Unternehmen haben es in der Hand, hier selbst die notwendige Dynamik zu entfalten.
Alexander Bick ist Ökonom an der Federal Reserve Bank of St. Louis.
Nicola Fuchs-Schündeln ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.
Jonas Jessen ist Ökonom am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.