Die moderne Bildhauerei wurde im Skandal geboren

Im Schatten von Rodin schuf Constantin Brancusi ein besonders delikates Werk. In der Berliner Nationalgalerie sind jetzt aber nicht nur seine schönsten Skulpturen zu sehen. Die Ausstellung zeigt sogar, wo und wie der Bildhauer arbeitete.

Die Enthüllung der Prinzessin war zu viel für das Publikum im Pariser Salon des Indépendants des Jahres 1920. Die Skulptur dürfte den noch mehrheitlich Zylinder oder Korsett tragenden Besuchern die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben – sofern sie nicht gleich den Blick abwandten. Und dann mussten auch noch Picasso und Matisse unisono herausposaunen: „Da ist der Phallus!“ Der Polizeipräfekt zensierte die Schau, die Prinzessin wurde ausgeschlossen, könnte sie doch „zu Zwischenfällen führen“.

Nun ja, es kommt auf den Blickwinkel an. Wie so oft. Und auch bei Constantin Brancusi. Seine „Prinzessin X“ lässt sich als abstrahierte Darstellung einer weiblichen Figur beschreiben, betrachtet man sie von jener Seite, die an die Rückenansicht eines Frauenakts erinnert: geneigter Kopf, Haaransatz im Nacken, gebogener Rücken. Dreht man sich ein wenig um sie herum, verliert sich jede Ambivalenz, und es erscheint ein leidlich aufgerichtetes männliches Geschlechtsteil.

Über hundert Jahre später sind in der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin weder Zensur noch Zwischenfälle zu befürchten. Obwohl man in einem Filmausschnitt, den das Museum neben der Gipsplastik zeigt, Brancusi selbst sieht, wie er die Skulptur in seinem Atelier enthüllt – und mit einer zärtlichen Geste über ihren Schaft streicht.

Dass der Skandal im Salon, befördert von den maßgeblichen Avantgardekünstlern der Zeit, kalkuliert war, liegt nahe. Brancusi überließ wenig dem Zufall – schon gar nicht die eigene Inszenierung. Er kultivierte den Mythos um seine Person und sein künstlerisches Schaffen mit selbst angefertigten Fotografien, die seine Werke ins rechte Licht setzten. „Es spricht für Brancusis Modernität, dass er sich sehr bewusst war, wie Marketing funktioniert“, erklärt die Kuratorin Maike Steinkamp. Tatsächlich verstand er es perfekt, Bild und Selbstbild miteinander zu verschränken.

So will der 1876 am Fuß der rumänischen Karpaten in einem Dorf Aufgewachsene nach der Ausbildung als Holzschnitzer und Bildhauer an der Kunstgewerbeschule in Craiova und der Akademie in Bukarest von dort zu Fuß nach Paris gelaufen sein. Mit Rucksack und Stock oder im orthodoxen Sakristan-Gewand stilisierte er sich als Künstlerpilger, der nach einjähriger Wanderung und mit entzündeter Lunge am 14. Juli 1904, dem französischen Nationalfeiertag, in Paris eingetroffen sei.

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Jüngere Recherchen haben ergeben, dass er durchaus mit der Eisenbahn reiste. Aber während dieser Reise reifte der Wunsch, ein moderner Künstler zu werden, auch wenn Brancusi seine ländliche Herkunft nie verleugnet hat. Angekommen in Paris, dem damaligen Zentrum der Kunstwelt, suchte Brancusi – im Schatten des übermächtigen Auguste Rodin – nach einer „direkten Bildhauerei“, nach einem körperlichen, unmittelbaren Umgang mit dem Material: Gips, Marmor, Bronze, Holz.

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Den Auftakt der Berliner Ausstellung bildet eine im Halbrund präsentierte Serie liegender Köpfe. Deren berühmtester ist „Schlafende Muse“ von 1910, ein teils auf Hochglanz polierter, teils dunkel patinierter Frauenkopf von strenger, beinahe außerirdischer Anmut. Andere Köpfe schälen sich noch naturalistisch aus dem unbehauenen Stein oder sind so abstrahiert, dass nur eine polierte Stelle den aufgerissenen Mund andeutet. Manchmal bleibt nur das ovale Volumen wie von einem glatt geschliffenen Kieselstein – doch glaubt man, gerade in der Reihung, ein Gesicht zu erkennen.

Ab dem Jahr 1916 bis zu seinem Tod 1957 arbeitete Brancusi in seinem Atelier in der Impasse Ronsin nahe Montparnasse. Legendär wurde die Werkstatt nicht nur durch die Fotoaufnahmen, sondern auch durch ihre museale Wiederauferstehung: 1997 wurde das Atelier gegenüber dem Centre Pompidou rekonstruiert. Mehr als 130 Skulpturen, rund 80 Sockel, Zeichnungen und über 1600 Fotoplatten und Abzüge hatte Brancusi dem französischen Staat vermacht. Dass einige nun – wegen der bis 2030 dauernden Sanierung des Centre Pompidou – in Berlin zu sehen sind, ist ein Glücksfall. Welche Gegenleistung für die Leihgabe versprochen wurde, bleibt diskret.

Tatsächlich zeigt sich in der schwierig zu bespielenden, weil so monumentalen Mies-van-der-Rohe-Halle der Neuen Nationalgalerie, wie ideal sich dieser Raum für moderne Skulptur eignet. Die hellen Gipse und weißen Steinskulpturen behaupten sich trotz ihrer geringen Größe mühelos. Die goldglänzenden Bronzen reflektieren das Licht vor den mit dunkelgrünem Tinos-Marmor verkleideten Technikschächten des Berliner Tempels der Moderne. Eindrucksvoll sind auch Brancusis Tierskulpturen – der „Fisch“ von 1924 ist nicht mehr als ein spitz zulaufendes, flaches Gipsoval und doch sieht man ihn gleich agil durchs Wasser schießen.

Die erhabene Serie der „Vögel“ erschließt sich wiederum erst in der Reihung. „Nicht den Vogel selbst will ich darstellen, sondern den Impuls, den Aufflug, den Elan“, sagte Brancusi einmal. Kaum je wurde ein Werk so präzise vom Künstler selbst beschrieben. Die „Maiastra“ (1911) steht mit geschwellter Brust und geöffnetem Schnabel da. „Vögelchen II“ (1928) scheint aus einem Ei zu schlüpfen – nicht mehr als ein marmorner Tropfen mit abgeflachter Spitze. „Vogel“ (1923/47) könnte als abstraktes Art-déco-Objekt durchgehen und ist doch unverkennbar ein schlanker Stelzvogel beim Imponiergehabe. Und „Vogel im Raum“ (1941) verdichtet die Bewegung zum reinsten Emporschwung – die Darstellung von Flügeln ist nicht einmal nötig.

Constantin Brancusi wird von Kunsthistorikern geschätzt, weil sich in seinem Werk manche Fragen an die moderne Bildhauerei beantworten. In Frankreich und den USA ist er in öffentlichen Sammlungen gut vertreten, in Deutschland weniger. Mit der Berliner Ausstellung wird er nun einem breiten Publikum zugänglich gemacht – gerade weil seine Skulpturen und Plastiken unmittelbar über ihre ästhetische Gestalt wirken. Mal schuf er ätherische Körper, mal archaische Wesen, die sich im „Kuss“ vereinigen.

Es ist ein Genuss zu sehen, wie er sich über den hierzulande gern gepflegten Gegensatz von Kunst und Kunsthandwerk hinwegsetzte, indem er die extravaganten Sockel ebenso sorgfältig und in alleiniger Handarbeit bearbeitete wie die Figuren selbst. Auch ein Teil seines legendären Ateliers wurde mitsamt Werkzeugen

Dass Brancusis bekanntestes Werk – die „Unendliche Säule“ – in der acht Meter hohen Halle nur drei Meter aufragt, mindert nicht ihre Bedeutung für die moderne Kunst. Endlos wird sie ohnehin erst vor dem inneren Auge des Betrachters.

„Brancusi“, bis zum 9. August 2026, Neue Nationalgalerie, Berlin

Source: welt.de