Die Kultfrisuren welcher 90er sind zurück – und stempeln eine nostalgische Männlichkeit
Vor die Augen fallende Curtain Bangs à la Hugh Grant, Topfschnitte wie bei Nick Carter und akkurate Stirnpartien im Stil von George Clooney: Die typischen Frisuren der Neunzigerjahre liegen wieder im Trend. Dahinter steckt mehr als reine Nostalgie.
Wann immer von den Neunzigerjahren die Rede ist, sind sie zu hören: erst verträumt-nostalgische Seufzer, dann beseelt lächelnd vorgetragene Anekdoten. Mal handeln sie von den Hoffnungen angesichts der noch jungen Wiedervereinigung, von Diddl-Mäusen oder dem Besuch von Michael Jacksons „HIStory“-Tour.
Natürlich gab es auch damals Kriege und Krisen, aber sie waren nicht rund um die Uhr präsent. Wer wollte, konnte sich in der Prä-Smartphone-Ära ganz unbehelligt einen wohlig-warmen Kokon zurückziehen und sich von Zuckerguss-Pop der Backstreet Boys beschallen lassen. Vor drei Jahrzehnten erlebten Fans in Echtzeit, wie Nick Carter, Howie Dorough, Kevin Richardson, AJ McLean und Brian Litrell zu Weltstars wurden und nicht nur mit ihren Bühnenoutfits den übertrieben-verspielten Stil der Dekade auf die Spitze trieben.
Auch auf ihren Köpfen zeigte sich der Zeitgeist: Richardson trug sogenannte Curtain Bangs, lange Ponysträhnen, die bedacht-lässig in die Stirn fielen, Carter anfangs einen Bowl Cut, also einen Topfhaarschnitt, mitunter akkurat gescheitelt. Und Litrell präsentierte den Caesar’s Cut mit gerade geschnittenem Pony.
Wer diese Frisuren als Verirrungen überambitionierter Stylisten einer nun bald wieder tourenden Casting-Band abtut, irrt – oder hat einige Looks der prägenden Popkultur-Gestalten der Neunziger vergessen. Den Caesar’s Cut etwa trug auch George Clooney in „Emergency Room“ und „From Dusk Till Dawn“. Das jüngere Publikum sah die Frisur an Joshua Jackson in der Teenie-Serie „Dawson’s Creek“. Auch Antonio Banderas präsentierte damals einen kurzen Pony.
30 Jahre später zeigen sich Schauspieler wie Anson Boon und Paul Mescal mit der Frisur. Bei Mescal sind die Strähnen nicht ganz so Reih und Glied auf der Stirn drapiert wie bei den Vorbildern vor drei Jahrzehnten. Auf diese Variante setzt auch der ehemalige Turmspringer Tom Daley.
Nicht nur sie lassen Frisuren aus den Neunzigern wieder aufleben. Laut dem Technologie-Unternehmen Fresha, einer Plattform für Wellness-Anbieter, Friseur- und Nagelsalons, sind Suchanfragen auf TikTok und Instagram nach typischen Frisuren der Ära gestiegen. Spitzenreiter ist demnach der Caesar’s Cut à la Clooney, gefolgt von den so locker und malerisch fallenden Curtain Bangs.
Damals rahmten nicht nur Boyband-Mitglieder, sondern auch Schauspieler ihre Stirn auf diese Weise ein: Von Hugh Grant über Brad Pitt bis James van der Beek blickten Frauenschwärme hinter kunstvoll und lässig zugleich anmutenden Curtain Bangs hervor. Der stets trendbewusste David Beckham tat es ihnen natürlich gleich. Heute lassen Schauspieler Cilian Murphy, John Mulaney und TikToker wie Zack Lugo die Haare locker in die Stirn fallen, bei Jacquemus und Prada liefen Models mit gelockten Curtain Bangs über den Laufsteg.
Selbst Leonardo DiCaprio trug Topfschnitt
Auch andere Haarschnitte, die in den Neunzigern zum Kult wurden, erleben ein Comeback. Als Will Smith als „Prinz von Bel Air“ berühmt wurde, machte er den sogenannten Top Fade Cut in Wohnzimmern von Los Angeles bis Ludwigshafen bekannt. Heute trägt der Latin-Pop-Superstar Maluma seine Haare auf diese Weise. Und dann ist da noch der so wenig klangvoll benannte Topfschnitt, auch als Bowl Cut bekannt. Einst trugen ihn Backstreet Boy Nick Carter und Leonardo DiCaprio, heute frisieren K-Pop-Star Kai und Social Media-Größe Oliver Muhl ihr von Millionen umschwärmtes Haar immer wieder in dem Look.
Nostalgie dürfte gerade bei den Jüngeren nicht der Grund für die neue Liebe zu alten Haarschnitten sein: Viele von ihnen wurden erst in dem Jahrzehnt geboren, dessen Stil sie jetzt wieder aufleben lassen. Aber auch sie kennen womöglich den verklärten Blick derer, die diese Ära erlebt haben.
Und auch sie kommen kaum an den vielen Anleihen aus eben dieser Zeit vorbei, die derzeit in der Mode zu sehen sind: Das 30-jährige Jubiläum des Teenie-Kultfilms „Clueless“ erinnerte kürzlich an Kostüme in bunten Karo-Mustern, Gwyneth Paltrows Tochter erschien jüngst in einem Kleid ihrer Mutter aus den Neunzigern bei einer Filmpremiere, Hailey Bieber trägt Gucci-Designs aus dem Jahrzehnt, in dem sie zur Welt kam, und das neue DFB-Trikot im Neunziger Jahre-Look ist eine stoffgewordene Hommage an damals.
Die Welt des Fußballs brachte in den Neunzigern mit David Beckham einen Superstar hervor, der Sport und Mode auf bis dato ungesehene Weise miteinander verband. Er brach mit dem Bild des archaischen Macho-Mannes, experimentierte mit Mode und Stilen, machte keinen Hehl aus seiner Eitelkeit und trug im Laufe seiner Karriere so ziemlich jede nur vorstellbare Frisur.
Sorgte Beckhams zur Schau getragenen Eitelkeit früher noch für Aufsehen, ist diese im Social-Media-Zeitalter viel weniger schambehaftet und ein akzeptiertes Mittel, um nicht übersehen zu werden. Der fast erstaunt klingende Tonfall, in dem vor drei Jahrzehnten über den 1994 erstmals so bezeichneten „metrosexuellen Mann“ berichtet wurde, als dessen Inbegriff Beckham spätestens in den Nullerjahren galt, ist einem ganz selbstverständlichen Blick auf männliche Eitelkeit und Experimentierfreude mit dem eigenen Erscheinungsbild gewichen.
Das gilt für Mode – auch Sportler aus Sparten für „echte Kerle“ wie Football spielen mit Silhouetten und Stilen, NFL-Spieler JuJu Smith-Schuster etwa zeigte sich 2023 im Rock – und für Haut- und Haarpflege und Kosmetik: Smith-Schusters Kollege Caleb Williams trägt gerne Nagellack. „Grooming“ nennt man das, was Männer auch schon vor Jahrtausenden taten, wenn sie zu Make-up, Haut- und Haarpflege greifen, heute.
Haarpflege ist die führende Produktkategorie im wachsenden Markt für Männerpflege. Sportler wie Beckham ebneten dem heutigen „Grooming“-Boom seit den Neunzigern den Weg. Da passt es, dass parallel zum Comeback der Mode dieser Zeit auch ihre Frisurentrends wieder aufleben. Tutorials zu Haarstyling und -pflege sind längst nicht mehr reine Frauensache.
Geheimratsecken lassen sich praktischerweise verstecken
Verständlicherweise: Um Curtain Bangs zum richtigen Fallen zu bringen, gerade bei glattem Haar, braucht es Übung und Vorlagen. Je welliger das Haar, desto schneller gelingt der gewünschte lässige Fall. Gelingt er, hat er hat den praktischen Nebeneffekt, dass sich hinter den langen Vorderpartien (entstehende) Geheimratsecken verstecken lassen. Auf andere Weise vielseitig ist der noch etwas pflegeleichtere Caesar’s Cut. Dessen kurzer Pony kann mit Gel auch nach oben frisiert und die Stirn somit freigelegt werden.
Die US-Ausgabe des Magazins „GQ“ sieht „eine wirkungsvolle Kombination aus Gen-Z und Millennial-Nostalgie“ als Grund für den großen Erfolg des Stils der Neunziger. Das leuchtet ein: Die Millennials haben die Nostalgie, die Gen Z den Modemut – und meist auch noch genug Haare auf dem Kopf, um sich an den Frisuren von einst zu versuchen.
Dass sie sich dazu von heutigen Stars oder Models inspirieren lassen und womöglich gar nicht groß an die Vorbilder aus den Neunzigern denken, kann zu amüsanten Irritationen führen: Da denkt der eine, er steht vor einem George Clooney-alias-Dr. Ross-Fan, während der andere sich beim Styling an Paul Mescal orientiert hat und Clooney nur als ergrauten Kinostar mit klassischer Seitenscheitel-Frisur kennt.
Die Backstreet Boys tragen ihre Frisuren von einst nicht mehr. Statt mit Curtain Bangs, Topfschnitt & Co. sind sie jetzt unter anderem mit Zopf und hochgegelter Stirnpartie zu sehen. Aber immerhin beweisen mit Nick Carter und AJ McLean zwei Mitglieder der erfolgreichsten Boyband aller Zeiten modisch Mut zur Farbe – auch das ein Relikt der experimentierfreudigen Neunziger. Dieser Anblick könnte Teile des Publikums durchaus zu nostalgischen Seufzern animieren.
Source: welt.de