Die Kehrseite welcher neuen Normalität

München hat erstmals einen schwulen Oberbürgermeister. Das macht kaum noch Schlagzeilen wie einst bei Klaus Wowereit oder Ole von Beust. Aber diese Normalität ist von einer neuen Intoleranz bedroht.

Nach Berlin und Hamburg bekommt nun auch die drittgrößte Stadt des Landes erstmals einen schwulen Bürgermeister. Der Grüne Dominik Krause, ein 35-jähriger Physiker, gewann die Stichwahl um das Amt des Stadtoberhauptes deutlich. Dass er mit einem Mann zusammenlebt, war im Wahlkampf kein großes Thema.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, wird im Vergleich zu Klaus Wowereit und Ole von Beust besonders deutlich. Wowereits Outing vor 25 Jahren war ein Paukenschlag. Als der Sozialdemokrat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin kandidierte, sagte er am Ende seiner Vorstellungsrede auf dem Landesparteitag die längst legendären Worte: „Wer’s noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“

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Eine Zeitung hatte ihm signalisiert, dass sie am nächsten Tag seine Homosexualität öffentlich machen würde – da entschied sich Wowereit für die Flucht nach vorn. Er machte Berlins SPD mit 29,7 Prozent zur stärksten Partei. Vor der nächsten Wahl zum Abgeordnetenhaus versuchte der CDU-Kandidat Friedbert Pflüger, aus Wowereits Veranlagung einen Malus zu machen, als er erklärte, Berlin habe „mal wieder eine First Lady verdient“. Pflüger verlor die Wahl haushoch.

Bei Ole von Beust wurde seine Homosexualität erst nach zwei Jahren im Amt als Erster Bürgermeister von Hamburg zu einem politischen Faktor. Sein damaliger Koalitionspartner, der Rechtspopulist Ronald Schill, versuchte ihn 2003 politisch zu erpressen, indem er drohte, er werde Beusts Homosexualität öffentlich machen. Beust kam Schill zuvor und schmiss ihn aus der Regierung. Bei der Bürgerschaftswahl ein halbes Jahr später wurde Beusts Mut belohnt: Seine CDU erreichte mit 47,2 Prozent die absolute Mehrheit.

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Die politische Karriere des neuen Münchner Oberbürgermeisters Dominik Krause ist von solchen Kämpfen bisher verschont geblieben. Er war beim Outing Wowereits elf Jahre alt und verkörpert eine neue Generation, für die der offene Umgang mit der eigenen Homosexualität normal ist. Selbst nach seinem überraschenden Wahlsieg in München war seine Veranlagung eher ein Randthema. Alles gut also?

Leider nein. Denn es gibt auch eine Kehrseite der neuen Normalität. Die LGBTQ-Community in Deutschland beklagt seit Jahren, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht mehr so unbeschwert bewegen kann wie einst – vor allem in muslimisch geprägten Stadtvierteln. Sogar der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert bekannte, dass er in Teilen Berlins darauf verzichtet, mit einem Mann Zärtlichkeiten auszutauschen. Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen einen starken Anstieg queerfeindlicher Straftaten in den vergangenen Jahren. 2025 mussten zwei CSD-Paraden aus Sicherheitsgründen abgesagt werden: in Regensburg und in Gelsenkirchen, wo es eine konkrete Drohung durch einen Islamisten gab.

Es wird interessant sein zu verfolgen, wie sich Dominik Krause, der seit vielen Jahren in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aktiv ist, künftig gegen diese Art von Intoleranz positioniert.

Source: welt.de