Die Familie verstößt ihr Nesthäkchen – die Monarchie wird stärker
Die „Königliche Republik von Großbritannien“ ist ein Paradox. Aber eines, das Andrew, dem Lieblingssohn Elisabeth II., im Epstein-Skandal endgültig zum Verhängnis wird. Sein Bruder hat sein Schicksal nun mit einem Satz besiegelt.
Eigentlich schien alles gesagt: Vor Jahren bereits war deutlich geworden, dass Prince Andrew, heute nur noch Andrew Mountbatten-Windsor, durch seine Verwicklung in das Netzwerk von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell das Ansehen der britischen Monarchie beschädigt hat. Das Bild, das einen sichtlich amüsierten Andrew mit der 17-jährigen Virginia Giuffre im Arm zeigt, Maxwell gelassen lächelnd im Hintergrund, brannte sich ins Gedächtnis aller ein: Wenige Stunden danach sei sie zum Sex mit Andrew gezwungen worden, gab Giuffre später zu Protokoll. Andrew stritt dies stets ab, das Foto sei ein Fake – dennoch kam es zu einer Einigung, bei der er rund zwölf Millionen Pfund an Giuffre zahlte, die sich 2025 umgebracht hat. Alles schien überdeutlich auf dem Tisch zu liegen.
Ein Irrtum. Die Implikationen dieses Falles – der vielfachen Verbindungen Andrews zu Epstein, Maxwell und ihrem Imperium aus organisierter sexueller Ausbeutung von Minderjährigen und obskuren Businessdeals – reichen in noch nicht ausgelotete Tiefen. Dass der einstige Lieblingssohn von Elisabeth II. nun am Donnerstag festgenommen wurde, ist ein schwerer Schlag für das Königshaus: Andrew wird vorgeworfen, in seiner von 2001 bis 2011 ausgeübten Rolle als britischer Handelsbeauftragter sensible Informationen an Epstein weitergegeben zu haben. Am Donnerstagabend wurde er unter strengen Auflagen aus dem Polizeigewahrsam entlassen, im Fall einer Anklage droht ihm lebenslange Haft. Verschiedene Anwesen – darunter auch die Royal Lodge auf dem Anwesen in Windsor – wurden durchsucht, Dokumente sichergestellt.
Wie lange kann sich das Königshaus als Institution vor den Folgen eines solchen katastrophalen Fehlverhaltens eines seiner prominenten Mitglieder – immerhin der achte in der Thronfolge – schützen? Die Antimonarchisten auf der Insel wittern Morgenluft. Sie fühlen sich bestätigt in ihrer Überzeugung, dass die Monarchie inzwischen überflüssig ist und in der Moderne als eine Institution von exklusiven Privilegien nichts verloren hat. Jahrzehntelang spielten solche Erwägungen keine Rolle, weil Königin Elisabeth II. in ihren 70 Jahren auf dem Thron einen Schutzschild der Popularität bildete und antimonarchische Stimmen in der Minderheit blieben und kaum lauter wurden.
Als eine Erbmonarchie muss das Königshaus den britischen Wählern immer plausibel sein, darin ist es dem parlamentarischen Comment der Gesellschaft unterworfen. Denn Monarchie stellt – wenigstens in Großbritannien – mehr dar als eine Aufführung von Pomp und Tradition, sondern repräsentiert auch den Zusammenhalt der „nationalen Familie“ Großbritanniens (und der 15 Staaten weltweit, in denen der britische Monarch auch als Staatsoberhaupt fungiert). Elizabeth II. hatte die Monarchie selbst neu erfunden als königliche Familie. Das Staatsoberhaupt wurde gewissermaßen zur „Staatsfamilie“.
Wenn das königliche und das demokratische Element bleibt, hat die Monarchie eine Zukunft
König Charles III. hat schon seit Längerem die Katastrophe um seinen Bruder kommen sehen und ihn Stück für Stück auf Distanz gebracht, indem er ihm alle Titel und Privilegien entzog und so einen Cordon sanitaire um die Königsfamilie zu ziehen versuchte. Auch die nächste Generation – Prinz William und seine Frau – distanzierten sich von Andrew. Von dessen Töchtern ist überliefert, dass sie mit dem Vater gebrochen haben. Auch beim Blick auf die königliche Familie stellt sich die Frage, die die meisten Familien kennen, nur ins Hundertfache potenziert: wie mit dem schwarzen Schaf umgehen?
Lange hatte diese Frage Elisabeth II. beschäftigt. Ihr jüngster Sohn soll, wie gesagt, ihr Lieblingskind gewesen sein, Andrew selbst tat wenig, um diese Rolle nach außen positiv aufzuladen: Abgesehen von seinem Einsatz als Pilot im Falkland-Krieg 1982 tat er sich mit wenig hervor, dass die britische Öffentlichkeit hätte gutheißen können. Wegen seiner Eskapaden nannte man ihn „Randy Andy“ (wie schwer diese offenbar wogen, wurde erst mit den Epstein-Files bekannt). In vielem schien er das Stereotyp des dritten verwöhnten Nesthäkchens zu bestätigen, das sein eigenes Versagen durch aggressive Selbstüberschätzung kompensiert. Die kürzlich erschienene Biografie des Historikers Andrew Lownie „Entitled: The Rise and Fall of the House of York“ zeichnet das Bild eines moralisch korrupten, selbstgefälligen Mannes, der meint, auf alles ein Anrecht zu haben.
Die Verhaftung Andrews ist nun – nach den letzten schweren Jahren, nach dem Tod der Königin, dem „Megxit“ von Harry und Meghan, den Krebserkrankungen Charles’ und seiner Schwägerin Catherine – ein weiterer schwerer Schlag für die Windsors. Kann die Popularität des Königs allein dem Niedergang der Idee einer properen königlichen Familie standhalten?
Oberflächlich betrachtet, muss eine tausendjährige Institution durch einen Skandal wie diesen nicht ins Schwanken geraten. Großbritannien hat in der Vergangenheit Verfehlungen der Aristokratie an der Spitze ihres Staates überstanden. Die beiden Vorgänger von Königin Victoria, George IV. und William IV., brachten durch ihre Anstößigkeiten das englische Königshaus geradezu in Misskredit, was erst durch Victorias neun Kinder von einer Familiendynastie abgelöst wurde.
Heute dagegen stehen wir in einer Gegenwart, in der sich royale Popularität verdient machen muss – durch Einhaltung demokratischer Regeln. Für die Königsfamilie gilt das an erster Stelle. König Charles III. hat in diesem Sinne reagiert, als er nach der Festnahme seines Bruders durch die Polizei sofort bekannt gab: „Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.“ Niemand steht über dem Gesetz, das Gesetz steht auch über dem Monarchen. Und der erkennt diese Tatsache an, auch wenn es bedeutet, dass der eigene Bruder im Gefängnis landen könnte.
Einer der besten Kenner der britischen Monarchiegeschichte, David Starkey, benutzt zu Charakterisierung der royalen Konstitution vorzugsweise den Terminus „The Royal Republic of Great Britain“. Es ist ein dauerhaftes Paradox. Wenn diese Mischform, das königliche und das demokratische Element, bleibt, hat die Monarchie eine Zukunft in England. Dann kann auch noch Charles Sohn, William, damit rechnen, eines Tages seinem Vater auf den Thron zu folgen. Leicht werden die nächsten Tage für kein Mitglied der Königsfamilie werden.
Source: welt.de