Die Elektro-Prämie wirkt – ungeachtet vor allem zu Händen die ausländische Autoindustrie

Was Experten befürchtet hatten, bewahrheitet sich: Von der neuen Kaufprämie profitieren Autokonzerne aus dem Ausland. Das liegt vor allem an der Schwäche der deutschen Hersteller in einem wichtigen Segment.

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Die Beratung EY kritisiert die Wirkung der E-Auto-Kaufprämie der Bundesregierung. „Wie befürchtet subventionieren wir mit der neuen Elektro-Prämie aktuell vor allem die ausländische Autoindustrie“, sagt Autoexperte Constantin Gal. Die Zulassungszahlen für März zeigten, dass die deutschen Marken bei insgesamt deutlich steigenden Zahlen an Marktanteil verlieren.

Im vierten Quartal 2025 stammten noch 63 Prozent der in Deutschland neu zugelassenen E-Autos von einem der deutschen Konzerne, rechnet EY vor. Im März waren es nur noch 56 Prozent.

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Die Kaufprämie der Bundesregierung für Haushalte mit bis zu 90.000 Euro Jahreseinkommen gilt rückwirkend seit Januar. Die Bundesregierung stellt dafür drei Milliarden Euro zur Verfügung. Die EU prüft derzeit Vorgaben, nach denen künftig Kaufprämien oder Steuervergünstigten für Autos daran gebunden seien könnten, dass diese zu einem Großteil innerhalb der EU produziert werden.

„Gerade einige ausländische Anbieter haben die neue Prämie zum Anlass für eigene, zusätzliche Preissenkungen genommen oder sehr günstige Finanzierungs- oder Leasing-Angebote gemacht. Damit haben sie bei preissensiblen Kunden gepunktet, die zudem durch die Prämie von bis zu 6000 Euro angezogen wurden“, analysiert Gal. Die deutschen Konzerne, die mit Preisnachlässen deutlich zurückhaltender gewesen und zudem in den niedrigeren Preissegmenten kaum vertreten seien, wüchsen bei Privatkunden langsamer als die Konkurrenz.

BYD mit stärkstem Wachstum in der Spitzengruppe

Ähnliche ist aus der deutschen Autoindustrie zu hören. Demnach überzeugten die Importeure vor allem mit Preisnachlässen.

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BYD schaffte laut einer EY-Auswertung, die WELT vorliegt, unter den Top-Zehn-Konzernen mit 339 Prozent das mit Abstand stärkste Wachstum, dahinter folgen Stellantis mit 166 Prozent, Tesla mit 160 Prozent und Ford mit 90 Prozent. Die deutschen Konzerne liegen deutlich dahinter: Mercedes legte bei E-Autos um 47 Prozent zu, BMW um 22 Prozent und die Volkswagen-Gruppe um 19 Prozent. Allerdings starten die deutschen Hersteller von einem höheren Niveau.

Und es gibt noch eine auffällige Verschiebung: Nachdem 2025 die zehn erfolgreichsten Elektro-Modelle durchweg aus den globalen Fabriken der deutschen Autokonzerne kamen, belegte im März das kürzlich überarbeitete Tesla-Model Y den ersten Platz in der Neuzulassungsstatistik. Tesla produziert das Auto unter anderem in Brandenburg.

Die heimischen Hersteller punkten allerdings in einem wichtigen Feld: „Im Bereich der gewerblichen Kunden hingegen konnten die deutschen Hersteller ihre Vormachtstellung behaupten und sogar ausbauen“, sagt Gal. Dabei hilft ein Programm der EU, „Greening Corporate Fleets“. Sie fördert die Umstellung auf elektrische Firmenflotten, also etwa Dienstwagen. Brüssel erwägt sogar, ab 2030 größeren Unternehmen vorzuschreiben, in wohlhabenden Mitgliedsstaaten wie Deutschland nur noch lokal emissionsfreie Fahrzeuge anzuschaffen.

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Allerdings gibt es aus der deutschen Wirtschaft Widerspruch gegen das EU-Vorhaben. Vermieter wie Sixt etwa fürchten, mit Elektroautos nicht alle Kundenwünsche erfüllen zu können, Spediteure warnen vor mangelnden Lademöglichkeiten.

„Wenn die Unternehmensflotten relativ kurzfristig elektrifiziert werden müssen, werden davon die deutschen Autobauer voraussichtlich besonders stark profitieren. Da kommen die neuen 800-Volt-Modelle der deutschen Konzerne gerade zur rechten Zeit“, sagt dagegen Berater Gal.

Neue Modelle in unteren Klassen

Bei Privatkunden könnten die deutschen Konzerne im Jahresverlauf mit angekündigten neuen Modellen punkten, erwartet Gal. So hat die VW-Marke Cupra gerade den Kleinwagen Raval für 26.000 Euro angekündigt – das Schwestermodell für den darauf folgenden ID.Polo für etwas weniger Geld. BMW fährt die Produktion des neuen elektrischen 3er hoch, der im zweiten Halbjahr in die Autohäuser kommt. Auch Mercedes verspricht neue Modelle, darunter einen Nachfolger für die kleine A-Klasse. Audi will den A2 weiterführen. Das ist nötig: „Das Angebot der deutschen Konzerne im niedrigeren Preissegment ist derzeit noch sehr dünn“, warnte Gal.

Die Chinesen investierten viel in den Markteintritt in Deutschland, der Erfolg bleibe aber überschaubar, sagt Jan Sieper, Auto-Experte bei EY-Parthenon: „Ihr Marktanteil liegt immer noch unter der Zehn-Prozent-Marke. Die deutschen Konzerne haben bislang ihre Vormachtstellung auf dem deutschen Absatzmarkt erfolgreich verteidigen können, und von der neuen Prämie konnten offenbar andere ausländische Marken stärker profitieren als die chinesischen.“

Die deutschen Autokäufer vertrauten den Marken offenbar noch nicht. „Es reicht nicht, gute Fahrzeuge zu niedrigen Preisen zu importieren“, sagte Sieper. Nötig sei es, Markenloyalität aufzubauen – etwa übe rein landesweites Händler- und Werkstattnetz. Das sei teuer.

In anderen europäischen Ländern seien die chinesischen Marken deutlich erfolgreicher unterwegs, analysieren die Berater. In Italien war demnach der Leapmotor T03 das meistverkaufte Elektroauto im ersten Quartal, der BYD Dolphin Surf belegte den vierten Platz. In Spanien schaffte es der BYD Dolphin Surf im ersten Quartal auf den dritten Platz, der BYD Atto 2 auf Rang fünf.

Insgesamt sei mit einem weiteren E-Auto-Boom in Deutschland zu rechnen. „Wir haben schon bei früheren Förderungen gesehen, dass dieses Mittel den Markt kräftig ankurbeln kann. Auch in den kommenden Monaten werden wir hohe Wachstumsraten sehen“, prognostiziert Experte Gal. Davon könnten dann auch die deutschen Hersteller profitieren.

„Der Markt steht damit an einem interessanten Punkt: Die angebotsseitige Modellreife trifft auf eine neue Nachfragekonstellation. Steigende Signalpreise an der Tankstelle werden das Interesse an Elektrofahrzeugen in diesem Jahr weiter schüren“, sagt auch Stefan Bratzel vom Center for Automotive Management. Der hohe Spritpreis macht Elektroautos im Vergleich wirtschaftlicher.

Allerdings könnten damit verbundene allgemeine Preissteigerungen die Konsumlaune trüben.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.

Source: welt.de