Deutschland-Monitor: Viele Deutsche sind ungeschützt pro autoritäre Ideen
Nur ein knappes Viertel der Deutschen nimmt gesellschaftlichen Wandel als Chance wahr. Drei Viertel stehen ihm dagegen ambivalent gegenüber oder sehen ihn sogar äußerst kritisch. Das geht aus dem Deutschland-Monitor hervor, einer repräsentativen Studie, die die Stimmung der Deutschen untersucht. Sie wird von der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD) gefördert.
Während Kaiser bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin betonte, dass das Ergebnis besage, dass die Menschen im Land nicht generell veränderungsmüde seien, legen die Zahlen eine große Erschöpfung der Menschen nahe. Das hat auch damit zu tun, unter welchen Voraussetzungen sie Veränderungen akzeptieren.
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass politische Entscheidungen eher dann akzeptiert würden, wenn die Entscheidungen nachvollziehbar seien und transparent kommuniziert würden. Der Staat müsse als handlungsfähig und gestaltend erlebt werden. Viele Menschen haben den Eindruck, das sei nicht der Fall, und neigen daher autoritären Ideen zu.
Autoritäre Ideen im „Graubereich“
Zwar sind fast alle abstrakt der Überzeugung, dass die Demokratie die beste Staatsform sei. Der Aussage, dass „unter bestimmten Umständen“ eine Diktatur besser sei, stimmen bundesweit nur vier Prozent der Befragten zu. Aber mit dem „Funktionieren der Demokratie“ sind den Ergebnissen zufolge bundesweit nur 60 Prozent zufrieden, in Ostdeutschland sogar nur 51 Prozent. Insgesamt sehen 71 Prozent eher eine negative Entwicklung der Demokratie in Deutschland.

Indirekte Fragen der Forscher zeigen aus ihrer Sicht den „Graubereich“, wo autoritäre Ideen durchaus Anklang finden. Dass „politische Entscheidungen von einer starken Führungspersönlichkeit getroffen werden sollten“, ohne Rücksicht auf ein gewähltes Parlament, unterstützt bundesweit gut jeder Zehnte. Weitere 21 Prozent beziehen hierzu keine eindeutige Position. Mit 68 Prozent lehnen etwas mehr als zwei Drittel eine Führung ohne Beachtung von Parlament und Gewaltenteilung ab.
Noch auffälliger ist das Meinungsbild zur Aussage, Deutschland brauche jetzt „eine einzige starke Partei, die den Willen des Volkes insgesamt verkörpert“. Eine solche Einparteienherrschaft befürworten 31 Prozent der Deutschen, 25 Prozent zeigen sich unentschieden, und nur 45 Prozent lehnen sie ab. Unter den westdeutschen Befragten war die Ablehnung deutlich größer (47 Prozent) als unter den ostdeutschen (39 Prozent).
Unterschiede zwischen Ost und West
Der Politikwissenschaftler Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung in Halle betonte, dass es wichtig sei, die Antworten nicht nur nach Ost und West zu sortieren; aufschlussreich sei auch, wie sich die Einschätzungen von Deutschen in prosperierenden und in strukturschwachen Regionen unterschieden. Deshalb wurde die repräsentative Befragung um eine regionale Vertiefungsstudie ergänzt. Dafür befragten die Forscher Menschen in je drei prosperierenden Landkreisen in Ost und West und in je drei strukturschwachen.
Dabei zeigte sich: In prosperierenden Regionen in West und Ost nähern sich die Einstellungen stark an. Unterschiede werden in ärmeren Gegenden deutlicher. So stimmten in prosperierenden Teilen von West- und Ostdeutschland je nur vier Prozent diktaturaffinen Aussagen zu. Die Ablehnung war im Osten sogar mit 79 Prozent etwas höher als im Westen mit 76 Prozent. Dagegen zeigte sich in Ostregionen mit niedriger Prosperität eine deutlich höhere Zustimmung und ein großer Graubereich; nur 67 Prozent lehnten diktaturaffine Aussagen klar ab.
Die Studie sieht den Grund dafür in Gefühlen; unter anderem dem, benachteiligt zu sein, und der Angst vor Statusverlust. Kaiser sagte, für diese Ängste, darunter auch die Sorge, „den mühsam aufgebauten, bescheidenen Wohlstand wieder zu verlieren“, seien auch Abwertungserfahrungen seit den Neunzigerjahren ursächlich. Dazu komme die „nach wie vor zu geringe Repräsentation Ostdeutscher in nahezu allen Bereichen“.
Der ostdeutsche „Resonanzraum“
Auffällig ist dabei – wie auch in vergleichbaren Studien – ein Unterschied in der Beurteilung der eigenen Situation und der allgemeinen. So fällt die persönliche, also auf das eigene Leben bezogene Wiedervereinigungsbilanz der Deutschen mehrheitlich positiv aus, wobei es im Westen mit 62 Prozent weniger so empfinden als im Osten, wo 73 Prozent es so sehen. Aber der Anteil der Ostdeutschen, die eher Nachteile der Wiedervereinigung für Ostdeutschland sehen, stieg in den vergangenen Jahren deutlich. Waren es 2023 noch 26 Prozent, so kamen 2025 schon 37 Prozent zu dem Ergebnis.
Wie konnte in so kurzer Zeit die Ansicht so populär werden, dass der Osten Schaden genommen hätte durch die deutsche Einheit? Dazu gibt die Studie keine eindeutige Antwort. Allerdings beschreibt sie einen ostdeutschen „Resonanzraum“, in dem sich strukturelle Nachteile stärker subjektiv niederschlügen.
Das heißt, dass Menschen in strukturschwachen Gebieten in Westdeutschland gehen anders mit ihrer Lage um als Menschen in vergleichbaren Landesteilen in Ostdeutschland. Dort würden die Lebensbilanz und die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Anerkennung „signifikant geringer“ ausfallen, schreiben die Wissenschaftler. Daraus könnte man schlussfolgern, dass Ostdeutsche eher dazu neigen, Ängste oder Sorgen, die Menschen im ganzen Land haben, auf die Lage der Ostdeutschen zurückzuführen.
Kaiser beschreibt ein „kollektives ostdeutsches Gedächtnis“. Die Lebensumstände in den ostdeutschen Ländern hätten sich zwar in den vergangenen 35 Jahren massiv verbessert. Doch die „Sorgen und Ängste der Nachwendejahre“ seien Teil besagten ostdeutschen Gedächtnisses. Dazu kämen gegenwärtige Missstände wie die Landflucht vieler junger Menschen. Kaufhallen und Arztpraxen machten dicht, Busse kämen seltener als früher und den Vereinen ginge der Nachwuchs aus.
Kaiser forderte, darauf müsse die Regierung reagieren. Man müsse neue Wege finden, um Arbeitskräfte anzuwerben und strukturschwache Regionen zu stärken. „Sichere Arbeitsplätze und faire Löhne durch wirtschaftliches Wachstum, gute Bildung und ein starker Sozialstaat sind die Basis, um die Unterstützung der Menschen zu gewinnen.“
Source: faz.net