Deutschland dank Cannabis-Legalisierung jetzt Europas „XL-Markt“ – mehr psychische Störungen
Cannabis-Anbauvereine spielten kaum eine Rolle, auch der Schwarzmarkt bestehe neben dem boomenden Privathandel weiter. Ein Bericht zieht ein zwiespältiges Fazit zur Cannabis-Legalisierung.
Zwei Jahre nach der Teillegalisierung von Cannabis sieht ein wissenschaftlicher Zwischenbericht einige Erfolge, aber auch Fehlentwicklungen und Korrekturbedarf. Erst am Montag hatte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, gesagt, er halte die Legalisierung für gescheitert.
Auch die Bundesregierung hält die Teillegalisierung für falsch. Das sei ein Fehler gewesen, sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am Mittwoch in Berlin. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bezeichnete das Gesetz als „vollkommenen Rohrkrepierer“.
Inzwischen komme ein leicht wachsender Konsumanteil aus legalen Quellen, heißt es in der Zwischenbilanz von Experten der Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Und es gebe Anzeichen, dass der Schwarzmarkt „langsam durch legale Angebote verdrängt wird“. Für eine abschließende Bewertung sei es aber verfrüht.
Aus Daten lasse sich bislang nicht ablesen, ob die Organisierte Kriminalität in diesem Bereich geschwächt sei, sagte Suchtforscher Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) der Nachrichtenagentur dpa. Die Teillegalisierung habe bisher auch „keine wirklichen“ Auswirkungen auf den Konsum gezeigt. Zu beobachten sei, dass immer mehr Menschen Cannabis zuhause anbauten, wozu es aber keine konkreten Zahlen gebe. Andere bezögen Medizinalcannabis für den Einsatz bei schweren Erkrankungen.
Medizinalcannabis birgt Gesundheitsrisiken
Für therapeutische Zwecke werde viel zu oft Medizinalcannabis mit zu hohem Wirkstoffgehalt verschrieben, was ein erhöhtes Gesundheitsrisiko berge, heißt es in der Analyse. Die Nutzung der angebotenen THC-reichen Blüten sei, so zitiert die „Zeit“ die Gutachter, „mit einem erhöhten Risiko psychischer Probleme verbunden“. Auch würden einige der Anbieter „aggressiv und zum Teil unter Verstoß gegen die Vorgaben des Heilmittelwerbegesetzes“ werben.
Die Forscher fordern, den Gehalt der psychoaktiven Substanz THC in verschreibbaren Cannabisprodukten zu begrenzen. Seit der Teillegalisierung von Cannabis gebe es in psychiatrischen Kliniken mehr Behandlungen im Zusammenhang mit dem Rauschmittel.
Am stärksten gewachsen sei demnach die Zahl der Patienten, die wegen einer Cannabisabhängigkeit eine Klinik aufsuchten. Auch die Cannabis-bezogenen Psychosen stiegen um 40 Prozent, verdoppelten sich also fast. Manthey gab in dem Zusammenhang zu bedenken, dass „hochpotente“ Produkte auf dem Markt seien.
„Größter legal-kommerzieller Cannabismarkt Europas geschaffen“
In der Evaluation zu den Auswirkungen des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) lässt zudem folgende Aussage aufhorchen: Der Gesetzgeber habe in Deutschland „den größten prinzipiell legal-kommerziellen Markt“ für medizinisches Cannabis in Europa geschaffen. 2025 seien 200 Tonnen medizinisches Cannabis legal-kommerziell eingeführt worden, berichtete Manthey, Koordinator des Forschungsprojekts. „Es gibt in keinem anderen europäischen Land einen legalen Cannabismarkt in dieser Größenordnung.“
Im Vergleich zu 2024 sei das ein Einfuhrplus von 198 Prozent. Der Import – vor allem aus Kanada – sei privatwirtschaftlich organisiert, erläuterte der Forscher. Ob und in welchem Umfang dabei auch illegale Gruppen an der Herstellung des Cannabis aus medizinischem Anbau involviert seien und was genau dann hierzulande mit den gestiegenen Mengen passiere, sei unklar. Es fehle an Transparenz und es gebe Hinweise darauf, dass Deutschland auch ein Verteilzentrum sei. Die Polizei beklage zudem Probleme bei der Verfolgung des weiter existierenden illegalen Cannabis-Handels.
Insgesamt wird der Gesamtbedarf in Deutschland pro Jahr von den Experten auf 670 bis 823 Tonnen geschätzt. Seit April 2024 bauten immer mehr Konsumenten Cannabis selbst an. Nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen, die nach einer Genehmigung erlaubt sind, „spielen bei der partiellen Verdrängung des Schwarzmarktes“ noch eine untergeordnete Rolle, bilanziert der Zwischenbericht. Anbau und Weitergabe aus diesen Vereinigungen sollten gestärkt werden. Eine Genehmigung sei derzeit komplex und unterliege sehr restriktiven Bedingungen.
Für Jugendliche ist Cannabis weiterhin verboten
Seit April 2024 sind Kiffen und der Anbau für Volljährige mit vielen Beschränkungen erlaubt. Erwachsene dürfen zuhause bis zu drei Pflanzen anbauen, bis zu 50 Gramm Cannabis aufbewahren und bis zu 25 Gramm unterwegs bei sich haben. Für Jugendliche ist Cannabis weiterhin verboten. Der Kinder- und Jugendschutz sollte gestärkt werden.
Aber: Frühinterventionen und Beratungsangebote für Jugendliche, die Cannabis konsumieren, würden nun deutlich seltener in Anspruch genommen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass nach den neuen Regelungen bei Cannabis-Auffälligkeiten in der Regel keine Strafanzeige mehr erstattet werde – es sei denn, der junge Mensch mache sich strafbar oder gefährde andere, erläuterte Suchtforscher Daniel Kotz aus Düsseldorf. Es gebe durch die Justiz kaum noch verpflichtende Zuweisungen in Frühinterventionskurse.
Die Zuständigkeiten seien unklarer, die Zusammenarbeit schwieriger geworden zwischen relevanten Akteuren wie Polizei, Jugendhilfe und Suchtprävention. Es bestehe aber unter Jugendlichen ein hohes Risikobewusstsein bei Cannabis. Der Anteil konsumierender Jugendlicher gehe anhaltend seit 2019 zurück.
AFP/dpa/KNA/krott
Source: welt.de