„Deutsches Starlink“: Goldgräberstimmung in jener Weltraumindustrie

Der 25. September 2025 hat die europäische Weltraumindus­trie elektrisiert. Seit der Ankündigung von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), für Deutschlands Sicherheit im All bis dato unvorstellbare Summen zu mobilisieren, herrscht in der Branche Goldgräberstimmung.

Allein bis zum Jahr 2030 sagte Pistorius Haushaltsmittel im Umfang von 35 Milliarden Euro zu. Sie sollen in Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, Startfähigkeiten und andere Dienstleistungen fließen und gleichermaßen Aufklärung, Kommunikation, Schutz und Wirkung gewährleisten.

Mit der Aussicht auf milliardenschwere Geschäfte im Weltraum laufen sich die Akteure warm. Teilweise bilden sich auch neue Allianzen. So sollen nach Berichten der Zeitungen „Financial Times“ und „Handelsblatt“ der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall und der Bremer Satellitenbauer OHB Pläne ausloten, um gemeinsam das neue System aus Kommunikationssatelliten für die Bundeswehr zu bauen.

Dabei geht es um einen Auftragswert in Höhe von bis zu zehn Milliarden Euro. Die neue Konstellation aus maximal 2000 Kilometer über der Erdoberfläche fliegenden LEO-Kleinsatelliten soll laut Bundeswehr schon 2029 ihren Betrieb aufnehmen und die Kommunikation der Streitkräfte verbessern.

Bei der Skalierung helfen

OHB bestätigt die Gespräche, Rheinmetall will die Berichte nicht kommentieren. Das Bundesverteidigungsministerium erklärte, es informiere über Beschaffungsvorhaben erst nach der parlamentarischen Befassung.

Klar ist: OHB befindet sich als deutsches Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung im Satellitenbau in einer günstigen Ausgangslage, bei Großbestellungen durch den Bund zum Zuge zu kommen; dass der US-Finanzinvestor KKR vor zwei Jahren 28,6 Prozent der Kapitalanteile erworben hat, wird in Berlin nicht so kritisch gesehen wie in Paris.

Rheinmetall wiederum ist zwar traditionell auf Landsysteme spezialisiert. Deutschlands mit Abstand größter Rüstungskonzern expandiert seit Beginn des Ukrainekriegs aber auch in großem Stil in andere Bereiche, wächst rasant – und könnte OHB somit bei der Skalierung helfen.

Das Interesse am Weltraum ist bei Rheinmetall zweifellos vorhanden. Das zeigt ein weiteres Satellitenprojekt der Bundeswehr, für das der Konzern jüngst den Zuschlag erhalten hat. Zunächst hatte er sich nur Vertriebsrechte für Bilder der SAR-Satelliten des finnischen Start-ups Iceye gesichert. Bald danach hat Rheinmetall mit dem Satellitenhersteller aber ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, an dem die Bremer Rheinmetall Digital GmbH mit 60 Prozent die Mehrheit hält.

„Starlink für die Bundeswehr“

Die Unternehmen beliefern schon die ­Ukraine mit Satellitenbildern, zukünftig soll das Geschäft aber deutlich ausgeweitet werden. Rheinmetall hat sein ehemals ziviles Werk in Neuss angesichts der Nachfrageverschiebung auf Rüstungsproduktion umgestellt, künftig sollen in dem Werk auch die SAR-Satelliten für Rheinmetall Iceye Space Solutions hergestellt werden.

Der Liefervertrag über Aufklärungsdaten für die Bundeswehr sieht ein Volumen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro vor. Die SAR-Satelliten projizieren einen Radarstrahl auf die Erdoberfläche, der in Impulsen zum Satelliten zurückkehrt und dort verarbeitet wird.

Bilder sollen durch die Radartechnik auch bei Wolken, Rauch, Asche, Regen oder Sandstürmen sowie bei jedem Wetter, am Tag und in der Nacht möglich sein. Solche Bilder dienen vor allem der Aufklärung, die Daten für die Bundeswehr sollen unter anderem die „Brigade Litauen“ schützen und die NATO-Ostflanke sichern.

Bei der möglichen Zusammenarbeit mit OHB geht es dann aber um noch einen komplizierteren Schritt, nämlich um jederzeit Kommunikation herstellen zu können. Armin Fleischmann, Generalmajor der Bundeswehr und Weltraumbeauftragter im Cyber- und Informationsraum, sprach kürzlich im Interview mit dem „Handelsblatt“ von einem militärischen „Starlink für die Bundeswehr“.

An Wettbewerbern mangelt es nicht

Der Vergleich mit dem Satellitensystem von Elon Musk, das für die Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte von großem Wert ist, kommt daher, dass die Bundeswehr auch LEO-Satelliten nutzen will. „Vorzugsweise ein deutsches Konsortium“ sollte diese Satelliten liefern, sagte Fleischmann dazu, wo es etwa einen Generalunternehmer und weitere kleine Partner geben könnte. Der Generalmajor nannte dabei etwa schon Rheinmetall und auch OHB, die mit ihren Aufklärungssatelliten „wirklich gute Leistungen“ erbracht hätten.

An Wettbewerbern mangelt es gleichwohl nicht. So buhlt auch der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus in Berlin insbesondere um den lukrativen Auftrag für den Bau der Kommunikationssatelliten der Bundeswehr – und kann genauso wie OHB auf jahrzehntelange Erfahrung auf diesem Gebiet verweisen.

Einwände, nicht rein deutsch zu sein und deshalb bei militärischen Aufträgen in Deutschland schlechtere Karten zu haben, weist der Konzern zurück. Daran ändere auch die in Berlin durchaus kritisch betrachtete geplante Überführung des Satellitengeschäfts in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Toulouse nicht, in das auch die bisherigen Wettbewerber Thales aus Frankreich und Leonardo aus Italien ihr Geschäft einbringen.

„Als langjähriger Partner der Bundeswehr verfügt Airbus in Deutschland über exzellentes Know-how, einzigartige Fähigkeiten und ein belegtes ‚Heritage‘ in der Umsetzung komplexer Raumfahrtsysteme“, teilte Airbus am Montag mit. Beispiele hierfür seien große SATCOMBw-Kommunikationssatelliten auf der geosta­tionären Umlaufbahn oder auch das Aufklärungssystem Sarah der Bundeswehr.

Konsortium aus vier Unternehmen

„Wir wissen, worauf es ankommt“, so Airbus. Vor diesem Hintergrund blicke man der offiziellen Angebotsaufforderung für das neue Kommunikationssystem erwartungsvoll entgegen. Dritter Bewerber um diesen Großauftrag ist das neue Konsortium aus dem Münchner Rüstungs-Start-up Helsing und dem norwegischen Rüstungsunternehmen Kongsberg sowie dem Radar- und Sensorspezialisten Hensoldt und dem Raketenhersteller Isar Aerospace, die beide bei München sitzen.

Airbus kann sich auf die Fahnen schreiben, für die sich schon in Betrieb befindliche Konstellation des französisch-britischen Anbieters Eutelsat Oneweb geliefert zu haben. Neben Musks Starlink ist es das einzige nennenswerte System aus Kommunikationssatelliten in erdnaher Umlaufbahn.

Unlängst erteilte Eutelsat Airbus den Zuschlag für weitere 100 und dann noch einmal 340 Satelliten, die in Toulouse gebaut werden sollen. Außerdem soll der Konzern dem Vernehmen nach auch vom Bundesnachrichtendienst mit dem Bau eines neuen Satelliten beauftragt werden. Weitere Aufträge winken durch die geplante europäische Satellitenkon­stellation IRIS2.