Deutscher aktienmarkt: Hohes Interesse an Rüstungsaktien

Der Krieg in Iran wird zwar nicht mit deutschen Waffen geführt. Dennoch gehören auch deutsche Rüstungsaktien zu den relativen Gewinnern am Aktienmarkt seit Kriegsausbruch. Mittelfristig zeigte der Blick auf die Aktiencharts der größten börsennotierten Rüstungsunternehmen hierzulande zuletzt eine gewisse Seitwärtsbewegung. Die Titel wirken seit einigen Monaten ein wenig „ausgereizt“, wie Börsianer sagen. Kein Wunder, der Rheinmetall-Aktienkurs hat sich von 100 Euro zum Kriegsausbruch in der Ukraine vor vier Jahren auf 1800 Euro im Juni 2025 vervielfacht. Aktuell kostet eine Aktie 1600 Euro, das ganze Unternehmen wird mit 75 Milliarden Euro bewertet.

Auch der Kurs von Hensoldt hat sich von zwölf auf nun rund 80 Euro erhöht. Doch auch hier datiert das Hoch aus dem Spätsommer 2025 mit 113 Euro. Der Börsenwert des Sensor- und Radarspezialisten beträgt neun Milliarden Euro. Renk ging erst 2024 an die Börse, brachte den Anlegern aber auch eine Kursverdreifachung und einen Börsenwert von knapp sechs Milliarden Euro für den Panzergetriebespezialisten aus Augsburg.

TKMS mit Debüt für die Geschichtsbücher

Mit großem Interesse haben die Anleger daher im Herbst 2025 weitere Anlagemöglichkeiten in deutschen Militärwerten wahrgenommen und der Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) zu einem fulminanten Börsendebüt verholfen. Der erste Handelstag wird mit einem Kursplus von teils mehr als 60 Prozent in die Geschichtsbücher der Frankfurter Börse eingehen. Bald wich die Euphorie, mit etwas Abstand kehrte der Kieler U-Boot-Spezialist TKMS nun aber zum Aufwärtstrend zurück.

Mit Gabler befindet sich gerade ein weiteres Nordlicht im Zeichnungsprozess neuer Aktien. Der Lübecker Spezialist für U-Boot-Ausfahrgeräte, mit denen das U-Boot unter Wasser seine Umgebung beobachten kann, plant für nächsten Montag den Börsengang in Frankfurt. Nach dem erfolgreichen Debüt des tschechischen Fahrzeug- und Munitionsherstellers CSG in Amsterdam wäre es der zweite Börsengang in Europa aus der Militärbranche in diesem Jahr. Während die Czechoslovak Group mit einem Börsenwert von mehr als 30 Milliarden Euro ein Schwergewicht darstellt, wird Gabler auf einen Wert von rund 350 Millionen Euro taxiert.

Ärger in Jena wegen Verkauf an Finanzinvestor

Deutlich größer wird indes Vincorion taxiert, ebenfalls ein Nordlicht mit Sitz in Wedel an der Elbe vor den Toren Hamburgs. Am Markt ist von etwa 1,5 Milliarden Euro potentiellem Marktwert die Rede und damit einer Größenordnung, die für internationale institutionelle Anleger durchaus von Interesse wäre. Diese Zahl hat in Jena die Spekulation aufkommen lassen, dass der ungünstige Verkauf des Militär-Energiespezialisten vor vier Jahren an den britischen Finanzinvestor Star Capital mit zum Ausscheiden des Jenoptik-Managements vor wenigen Wochen beigetragen haben könnte. Kajetan von Mentzingen führt Vincorion seit Mai 2024. Über einen möglichen Börsengang darf er nicht reden. Eine Gesellschaft des Unternehmens ist indes seit Kurzem eine Aktiengesellschaft nach europäischem Recht (SE), und Banken sind mit der Vorbereitung beauftragt worden. Kurz vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatte Jenoptik den Verkauf des Militärzulieferers für 130 Millionen Euro beschlossen. In den Neunzigerjahren hatte Jenoptik unter ihrem Vorstandsvorsitzenden Lothar Späth die damalige ESW GmbH von der DASA wegen derer exzellenter Expertise erworben. Die Ursprünge lagen in der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG).

Geblieben ist stets der Fokus des Unternehmens auf Elektronik, Feinmechanik und Software vor allem für die Verteidigungsindustrie. „In dieser Kombination ist das ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche“, sagt Vorstandschef von Mentzingen im Gespräch mit der F.A.Z. An den Standorten Wedel, Altenstadt und Essen investiert das Unternehmen intensiv in Forschung und Entwicklung. „Wir sind sehr gut positioniert in der Zulieferung für gepanzerte Fahrzeuge und sorgen dort mit Stabilisierungssystemen für die Zielgenauigkeit auch in unebenem Geläuf sowie für Energiesysteme und Generatoren an Bord der Panzer“, sagt von Mentzingen. Energie ist auch das zentrale Element in der Zulieferung für Feldlager. „Die brauchen Strom für die Küche, das Lazarett und auch zur Aufladung von Drohnen“, sagt von Mentzingen. „Und sie müssen in allen Unwägbarkeiten funktionieren, von der Wüste bis hin zum tiefsten Frost.“ Gerade entwickelt Vincorion erste Feldlager-Systeme für die Bundeswehr.

Umsatzverdopplung schon 2024

Vincorion profitiert wie alle Rüstungsunternehmen von einer deutlich gestiegenen Nachfrage. Der Umsatz hat sich im Jahr 2024 auf mehr als 200 Millionen Euro fast verdoppelt. Für 2025, für das noch kein testierter Jahresabschluss vorliegt, wird im Markt über ein weiteres deutliches Umsatzwachstum spekuliert. „Seit dem Ukrainekrieg wissen nun alle, dass Frieden nicht aus dem Nichts kommt, sondern sichergestellt werden muss“, sagt von Mentzingen. „Und dass wir uns nicht für immer auf den Schutzschirm anderer verlassen können.“

Von Mentzingen begann seine Karriere zunächst als Unternehmensberater für die Automobil- und Zuliefererindustrie und war dann viele Jahre für Airbus tätig, zunächst in Finkenwerder, dann in Toulouse, in Marseille bei der Helikoptersparte, in Sevilla und in München, mit dem Schwerpunkt im Verteidigungs- und Raumfahrtgeschäft.

Vincorion mit 900 Mitarbeitern in Deutschland

Die Luftfahrt ist das dritte Marktsegment von Vincorion. Hier werden hydraulische und elektrische Winden für die Hubschrauber-Rettung aus der Luft ebenso verkauft und entwickelt wie Heizsysteme, die dafür sorgen, dass Abwasserrohre in der Luft ebenso wenig zufrieren, wie Kältebrücken an Rettungstüren entstehen, für die Vincorion beheizbare Fußbodenplatten liefert. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen gut 900 Mitarbeiter, fast ausschließlich in Deutschland.

Das Thema grüne Energie ist für das Unternehmen wichtig. „Die Reduzierung des Verbrauchs fossiler Energien hat taktische Gründe, als Schutz für die Soldaten“, sagt von Mentzingen. „Je weniger Bedarf es an fossiler Energie gibt, desto weniger Nachschub ist nötig. Der logistischen Kette für den Nachschub fossiler Energieträger kommt im Konflikt natürlich eine besondere Bedeutung zu.“

Vincorion profitiere von besonders langen Lebenszyklen seiner Produkte, die in vielen gängigen Panzern verschiedenster großer Hersteller für NATO-Staaten zum Einsatz kommen und auch für die Stromversorgung für das Patriot-Luftabwehrsystem sorgen, über dessen Lieferung an die Ukraine viel diskutiert wurde. „Unsere Produkte sind tief in die von uns belieferten Plattformen integriert. Neben der eigentlichen Beschaffung unterstützen wir in der Regel über Jahrzehnte hinweg mit Ersatzteilen sowie bei der Wartung und Überholung der Systeme“, sagt von Mentzingen. In der Produktion finde gerade ein Wandel statt. „Die meisten Rüstungsbetriebe sind keine Manufakturen von Einzelstücken mehr, sondern wandeln sich zur kleinen Serienfertigung – noch lange keine Roboterstraßen, dafür sind die Anforderungen je Kunde zu individuell, aber wir industrialisieren die Abläufe.“

Die hohe Nachfrage und entsprechend steigende Auftragsbestände der Rüstungskonzerne beleben auch die Aktiennachfrage. Am Markt wurde dieser Tage über ein beschleunigtes Verfahren zum Börsengang von Vincorion diskutiert. Die aktuell hohe Unsicherheit an den Kapitalmärkten über den Fortgang der Ereignisse im Nahen Osten schließt einen Börsengang fast aller Unternehmen derzeit aus. Fondsmanager haben anderes zu tun, als sich mit der Analyse neuer Titel zu befassen. Rüstungskonzerne sind eine der ganz wenigen Ausnahmen, die Interesse wecken.

Source: faz.net