Deutsche Bahn: Der Spritpreis treibt Autofahrer in die Züge

Allem Ärger im Schienenverkehr zum Trotz: Über Kundenabwanderung kann die Deutsche Bahn nicht klagen. Im vergangenen Jahr zählte der Staatskonzern 1,93 Milliarden Passagiere, davon 1,8 Milliarden im Regionalverkehr – und damit 3,4 Prozent mehr. Auch der in diesem Jahr stark gestiegene Preis für Benzin und Diesel als Folge des Irankriegs bewegt offenbar viele Autofahrer zum Wechsel des Verkehrsmittels.

Am Tag, als der Spritpreis erstmals die Marke von zwei Euro knackte, habe man einen deutlichen Nachfrageanstieg erlebt, hieß es am Freitag auf der Bilanzpressekonferenz des Konzerns. Konkrete Zahlen wollte DB-Vorstandsmitglied Harmen van Zijderveld nicht nennen, er verwies jedoch unter anderem auf ein hohes Pendleraufkommen morgens und abends im Regionalverkehr. Aber man habe noch „Platz in den Zügen“, so dass man neue Kunden aufnehmen wolle und auch könne, ergänzte der für DB Regio zuständige Manager.

Bis das Schienennetz erneuert ist, dauert es zehn Jahre

Das war es aber schon weitgehend mit den eindeutig guten Nachrichten im Universum der DB. Bahnchefin Evelyn Palla schwor das Unternehmen und seine Kunden zuvor mit nachdrücklicher Rhetorik auf einen grundlegenden Wandel in der Unternehmensleistung und -kultur ein – und machte keinen Hehl daraus, dass dies auch den Kunden viel abverlangt. „Wir wollen die beste Eisenbahn in Europa werden“, sagte sie. Der Jahresabschluss für 2025 markiere den Abschied von der alten Bahn: „Wir brechen auf – in eine neue Zeit. Und wir haben die ersten Schritte bereits gesetzt.“

Dazu gehört nach ihrer Einschätzung unter anderem der 2026 begonnene Konzernumbau. Er verfolgt das Ziel, mehr Entscheidungen vor Ort treffen zu lassen und zu beschleunigen sowie Bürokratie abzubauen. Mit Blick auf die veraltete Infrastruktur in Deutschland, einem Hauptgrund für die mit 60 Prozent im Fernverkehr rekordtiefe Pünktlichkeitsquote im vergangenen Jahr, gab Palla die Devise „bauen, bauen, bauen“ aus. In diesem Jahr dürften rund 28.000 Baustellen den täglichen Zugbetrieb einschränken. Palla sagte, es werde rund zehn Jahre dauern, bis das Schienennetz wieder in einem guten Zustand sei: „Diese Realität müssen wir klar benennen.“ Dementsprechend soll die ICE-Pünktlichkeit erst im Jahr 2029 von 60 Prozent in diesem Jahr auf dann 70 Prozent gestiegen sein.

Auch in den Geschäftszahlen schlägt sich das Infrastrukturproblem nieder. Der Umsatz stieg zwar um drei Prozent auf rund 27 Milliarden Euro, und das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis (Ebit) kletterte um 630 Millionen Euro auf plus 297 Millionen Euro. Unter dem Strich stand allerdings ein Verlust von 2,3 Milliarden Euro. Hauptgrund dafür waren Abschreibungen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro auf das Fernverkehrsgeschäft. „Wir haben die künftigen Umsatzerwartungen neu bewertet“, erläuterte Palla. Die Bahn rechnet mit einer langsameren Sanierung des maroden Schienennetzes bis 2036 und damit auf Jahre unpünktliche ICEs.

Die Transportbereiche der DB haben den Angaben zufolge im vergangenen Jahr wirtschaftlich leicht besser abgeschnitten als in den Vorjahren. DB Regio steigerte das positive operative Ergebnis auf 191 Millionen Euro. Die ICE-Sparte DB Fernverkehr habe den Einstieg in die Sanierung geschafft. Der Fernverkehr schrieb mit einem bereinigten operativen Ergebnis von 45 Millionen Euro wieder schwarze Zahlen. Die notleidende Gütersparte DB Cargo verbuchte zum Teil deutliche Leistungs- und Umsatzrückgänge. Das operative Ergebnis verbesserte sich auch durch Sanierungsmaßnahmen um 350 Millionen Euro, es blieb aber noch leicht negativ. DB Cargo muss in diesem Jahr nach dem Willen der EU einen Sanierungsplan mit harten Einschnitten umsetzen. „Ich fürchte nicht, dass die Cargo-Sanierung scheitern wird“, sagte Palla. Das Umbaukonzept sei gut. Trotzdem bleibe das Geschäftsfeld eine Herausforderung.

DB Cargo soll europäischer werden

Der neue Cargo-Chef Bernhard Osburg will das Geschäft stärker europäisch ausrichten. Außerdem soll ein großangelegter Stellenabbau den Marktführer DB Cargo mit Blick auf die Kosten wettbewerbsfähiger machen. Die Güterverkehrssparte beschäftigt insgesamt rund 25.000 Mitarbeiter, davon 14.000 in Deutschland. Von den hiesigen Aktivitäten sollen 6200 Stellen bis Ende des Jahrzehnts wegfallen. Osburg sagte, er sei zuversichtlich, sich „Richtung Mai“ mit den Arbeitnehmervertretern einigen zu können. Auf Druck der EU-Kommission, die übermäßige staatliche Subventionen verhindern will, ist DB Cargo verpflichtet, bis Ende 2026 profitabel zu werden. Denn der Mutterkonzern darf die Verluste der Tochtergesellschaft nicht mehr ausgleichen. Notfalls droht eine Abwicklung.

Für das Gesamtjahr 2026 geht man für den Gesamtkonzern von einem Umsatz von rund 28 Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis von etwa 600 Millionen Euro aus. Bis 2036 soll mit Mitteln aus dem 500 Milliarden Euro schweren Infrastruktursondertopf des Bundes auch das Schienennetz modernisiert werden. Palla sprach von einem „Super-Baujahr 2026“. Bund und Bahn wollen heuer zusammen mehr als 23 Milliarden Euro in die Infrastruktur investieren. Darüber hinaus will die Bahn 140 Millionen Euro in drei Sofortprogramme stecken. Ziele sind mehr Sauberkeit, Sicherheit und Komfort in den ICEs.