Der Versuch, mit „Herr der Ringe“ zu den Guten zu in Besitz sein von

Christopher Lee in einer Szene des Films "Herr der Ringe".

Stand: 21.03.2026 • 08:34 Uhr

Namen aus „Der Herr der Ringe“ verwenden Sicherheitsfirmen, JD Vance, Peter Thiel, Giorgia Meloni und Einheiten der Bundeswehr. Ein Versuch, mit Tolkien als Kämpfer für das Gute zu erscheinen?

Von Ferdinand Meyen, BR

Vollkommene Kugeln aus schwarzem Glas: Das sind die Palantiri in der Welt von „Der Herr der Ringe“. Sie ermöglichen Kommunikation über weite Strecken. Die Mittelerde-Handys waren Inspiration für Tech-Investor Alex Karp und seinen Kollegen Peter Thiel, der angibt, den Herrn der Ringe mehr als zehn Mal gelesen zu haben. Sie nannten ihren Konzern „Palantir“, benannt nach Tolkiens sehenden Steinen.

Auf den ersten Blick passt das zusammen: Das Unternehmen verarbeitet große Datenmengen und verkauft die Ergebnisse. „Prinzipiell ist an der Benamung erstmal nichts auszusetzen“ sagt auch Tobias Eckrich, Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft. Der Verein verwaltet den Nachlass des „Herr der Ringe“-Autors J. R. R. Tolkien.

Fleißiger Tolkien-Leser: Tech-Milliardär Peter Thiel

Keine Überwachung mit Tolkiens „Palantiri“

Laut Eckrich hat der Konzern aber eigentlich nichts mit Tolkiens Palantiri zu tun. Palantir-Daten werden zum Beispiel an die US-Migrationsbehörde ICE weiterverkauft. Sie ermittelt mit Hilfe der Daten den Aufenthaltsort ihrer Zielpersonen.

Bei Tolkien seien die Palantiri dagegen kein Instrument der Massenüberwachung, sagt Tobias Eckrich. Seine Kritik verdeutlicht er mit einer Tolkien-Allegorie: Mit seiner Software versuche Palantir, „den ‚einen Ring‘, also eine allmächtige Waffe“, zu vermarkten. Gegen so ein Projekt würden die Hobbits eigentlich in den Kampf ziehen.

Konzerne inszenieren sich als „die Guten“

Derzeit geben sich dutzende Tech-Firmen Namen aus „Der Herr der Ringe“: Die digitale Bank „Erebor“, benannt nach der reichen Zwergenstadt. Es gibt das Bergbau-Startup „Durin“, die Firmen „Valar Ventures“ und „Lembas LLC“, sogar den Konzern „Sauron Systems“, der ein Home-Security-System verkauft. Saurons Auge, dessen Blick Wolken, Schatten, Erde und Fleisch durchdringt, soll hier die eigenen vier Wände schützen.

Besonders kritisch sieht Tobias Eckrich die Drohnenfirma „Anduril“, benannt nach dem legendären Schwert des Herr-der-Ringe-Helden Aragorn. Das US-Pentagon hat dem KI-Militärunternehmen gerade einen 20 Milliarden Dollar-Auftrag gegeben.

Laut Tobias Eckrich ist das der Knackpunkt: Angriffe wie in Venezuela oder Iran passten überhaupt nicht zur Figur Aragorn. Diese nämlich würde nicht einfach das Völkerrecht brechen. Eckrichs Kritik: Konzerne nutzen beliebte „Herr der Ringe“-Begriffe, um sich selbst als „die Guten zu inszenieren“.

Saurons Auge durchdringt alles, Wolken und Wände: „Sauron Systems“ bewirbt damit Sicherheitstechnik für die eigenen vier Wände.

Giorgia Meloni: Gegen den bösen Ring

Auch Politiker nutzen diesen Trick: US-Vizepräsident JD Vance inszeniert sich als glühender „Herr der Ringe“-Fan. Er stand bereits an der Spitze der Konzerne „Mithril Industries“, benannt nach dem unzerstörbaren Zwergen-Metall, und „Narya capital“, benannt nach einem Ring der Macht, den der gute Zauberer Gandalf trägt.

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni spricht in Reden ebenfalls gern davon, eine Kämpferin gegen den einen bösen Ring zu sein, der uns alle knechten will. Bei einer Wahlkampfveranstaltung stand für Meloni sogar schon der italienische Aragorn-Synchronsprecher auf der Bühne.

In der Arte-Doku „Giorgia Meloni, die Macht der Clans“ erklärt Historiker David Conti, warum Italiens Rechte Tolkien instrumentalisiert: Es sei das einfache „Freund-Feind-Schema“ aus „Der Herr der Ringe“. Hier die Guten, die Hobbits, Menschen und Elben. Dort die Bösen: Sauron, sein Ring, die Trolle und Orks. Das mache ein „Othering“ möglich, die Ausgrenzung der politischen Gegner.

Mit „Herr der Ringe“ auf der guten Seite der Selbstinszenierung: Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni

Panzerbrigade 45 wirbt mit „Nazgul“-Musik

Das sieht Tobias Michael Eckrich von der Tolkien-Gesellschaft anders. „Der Herr der Ringe“ habe auch Grautöne. Beispielsweise scheitere der Hauptheld Frodo mit seiner Mission, den Ring ins Feuer zu werfen. Auch er lasse sich von der Aussicht auf Macht verführen. Umgekehrt sei es der böse Gollum, der Frodo den Ring vom Finger beiße und durch den eigenen Untergang die Vernichtung des Rings ermögliche.

Unabhängig von solchen Zwischentönen setzt man auch in Deutschland neuerdings auf Tolkien-Referenzen. So nannte sich eine Fliegertruppe der Bundeswehr „Nazgul“. Eine zweifelhafte Referenz: Gemeint sind Ringgeister – neun Menschen – die dem dunklen Herrscher Sauron dienen.

Die Panzerbrigade 45 wirbt auf Instagram sogar mit der Musik der „Nazgul“. Tolkien Experte Eckrich kann da nur den Kopf schütteln. Die Nazgul waren willenlose Sklaven des dunklen Herrschers Sauron, sagt Eckrich: „Möchte ich mich als Soldat von vornherein als Sklave einer bösen Figur titulieren lassen? Ich glaube nicht!“

Source: tagesschau.de