Der verkannte Fastenmonat Ramadan
Während die einen den Ramadan als Zeit der Barmherzigkeit erleben, schimpfen andere über vermeintlich mobbende Muslime, die ihr Ramadan-Fasten Andersgläubigen aufzwängen. Doch die „Mobbing-Skandale“ werden gnadenlos übertrieben.
Jeder soll essen und trinken, bis er satt ist – und zwar kostenlos. Diesem Motto folgten einen Monat lang sehr viele der rund 2500 Moscheen Deutschlands. Während des islamischen Fastenmonats Ramadan, der nun endet, luden sie jeden Tag zum Iftar, dem gemeinsamen Fastenbrechen ein: Muslime und Nichtmuslime, Obdachlose und Wohlhabende – einfach jeden. Die Kosten für tausende Mahlzeiten übernahmen die Gemeinden oder einzelne Gemeindemitglieder. Dazu passend wurde in Milli-Görüs-Moscheen über den Koranvers gepredigt, nach dem Gläubige „in guten wie in schlechten Zeiten spenden, den Zorn unterdrücken und den Menschen vergeben“ sollen. DITIB-Moscheen boten Vorträge an wie „Demut statt Hochmut“ oder „Vergebung üben“. Und, wie stets im Fastenmonat, schoss die Spendenbereitschaft hierzulande in die Höhe wie sonst nur an Weihnachten. Kurz: Der Ramadan ist ein Monat der Barmherzigkeit.
Unbarmherzig im Monat der Barmherzigkeit?
Zuletzt erschien er vielen Nichtmuslimen jedoch eher als Monat der Unbarmherzigkeit. Dafür sorgte vergangene Woche eine breit gestreute Berichterstattung. Vor allem ein Ereignis in Kleve erhitzte die Gemüter: Muslimische Schüler sollen demnach Nichtmuslime gemobbt, zum Mitfasten genötigt und gedrängt haben, ihre Butterbrote in die Mülltonne zu werfen, wenn Muslime fasten. Und die Lehrkräfte sollen die Mobber, geradezu devot, auch noch gedeckt haben. Sogleich kursierten in sozialen Netzwerken vermeintliche Studienergebnisse, nach denen ein Drittel aller Schüler von Muslimen gemobbt werde. Jeder Dritte!
Vom barmherzigen Ramadan schien plötzlich nicht mehr viel übrig. Wirkten da nicht auch all die christlich-muslimischen Fastenfeiern der letzten Wochen, all die gemeinsamen Besinnungen auf den Wert des Fastens wie Harmonie-Gegaukel?
Ein Kinderstreit wird ideologisch überladen
Nein. Die gemeinsamen Feiern spiegelten weit mehr vom Geist des Ramadans als die Horror-Meldungen über im Akkord mobbende Muslime. Denn was da alles geraunt und posaunt wurde über den angeblich aggressiven Islam, dem das Land sich nun auch im Klassenzimmer beuge, hatte mit der Wirklichkeit wenig zu tun. So soll es in der Klever Schulklasse zwar Aufforderungen muslimischer Kinder gegeben haben, das Butterbrot in die Mülltonne zu werfen. Aber ebenso wurde von Provokationen nichtfastender Schüler berichtet, die ihre fastenden Mitschüler piesackten.
Vor allem aber: Es handelte sich bei den Streithähnen um Zehn-, Elf-, maximal Zwölf-Jährige, nicht um Heranwachsende! Welches Kind redet denn nicht bisweilen Unsinn? Wer praktiziert mit zehn Jahren seine Religion angemessen? Es hat doch seinen Grund, dass Kinder nur beschränkt geschäftsfähig und weder straf- noch religionsmündig sind (deshalb existiert gemäß Moscheeverbänden eine Fastenpflicht auch erst ab 14 Jahren). Wenn man aber die Butterbrot-in-die-Tonne-Rufe der muslimischen Kinder als „echt islamisch“ etikettieren wollte, müsste man auch die antimuslimischen Provokationen der anderen Kinder als echt christlich oder typisch atheistisch bezeichnen. Macht das Sinn? Wird da nicht ein Kinderstreit ideologisch überfrachtet?
Und schließlich wurde, anders als medial behauptet, von den Lehrkräften in Kleve gerade nicht entschieden, fortan müssten sich die essenden Kinder von den fastenden wegdrehen. Im Gegenteil. Es wurde laut Schulaufsicht bekräftigt, dass jedes Kind weiterhin überall essen und trinken dürfe. Aber was wäre eigentlich so furchtbar daran, hungrigen Kindern nicht das Pausenbrot vor die Nase zu halten? Das wäre nicht devot, sondern höflich.
Darf man die Regenbogen-Bewegung kritisch reflektieren?
Absurd aber war die Behauptung, jeder dritte Schüler berichte laut Umfragen von muslimischem Mobbing. Als Beleg dafür wurden Studien der Pädagogikprofessorin Margit Stein herangezogen. Ihr zufolge berichtet aber nicht jeder dritte Schüler von „muslimischem Mobbing“, sondern von „Konflikten“ im weitesten Sinne zwischen Muslimen, Nichtmuslimen und Lehrkräften. Übrigens stellte Stein auch fest, dass es manchmal nur um „vermeintlich religiös motivierte Konflikte“ ging, dass die Wahrnehmung also trog. Zu den tatsächlichen Konflikten zählen ausdrücklich auch Diskussionen um Themen, die in Sexualkunde auftauchen oder um den offenen Umgang mit den vielen Sexualitätsformen unserer Tage.
Wenn also (wie vor einiger Zeit in Köln) eine Klasse beschließt, eine Fahne der Trans-Bewegung im Klassenzimmer aufzuhängen und muslimische Schüler dies kritisieren, wird das ebenfalls als „Konflikt“ gezählt. Gleiches gilt, wenn Geschlechtsumwandlungen werbend im Unterricht präsentiert werden und Muslime dies als zu einseitig bemängeln (diese Kritik übte auch schon das CDU-geführte NRW-Schulministerium an entsprechendem Unterrichtsmaterial). Was ist schlimm daran, wenn Schüler diese Themen offen diskutieren, wenn junge Muslime den Siegeszug der Trans-Bewegung auch mal kritisch reflektieren?
Oder gilt inzwischen alles als sakrosankt, was mit gefühlten und wechselnden Geschlechtern zu tun hat? Und was ist daran verwunderlich, wenn diese Debatten inzwischen häufiger stattfinden, wie das Zentrum für Islamische Theologie der Uni Münster bestätigt? Das ist nur folgerichtig, schließlich nimmt ja auch die Zahl der Muslime stetig zu.
Menschen als „Freiwild“? Das darf niemals geschehen!
Ja, als eine Konfliktform von vielen wird in der besagten Studie auch das Mobbing erwähnt – aber: ausdrücklich in beide Richtungen. Auch fastende muslimische Kinder werden demnach von nichtfastenden gemobbt (und vergessen wir nicht: Selbst in NRW kommen auf einen muslimischen Schüler immer noch vier nichtmuslimische). Dass Nichtmuslime aber zum Freiwild würden, belegen der Fall Kleve und die genannte Studie mit keinem Wort.
Um Missverständnisse auszuschließen: Würden Lehrer den Freiwild-Status irgendeiner Schülergruppe – ob christlich, muslimisch, jüdisch oder atheistisch – hinnehmen, gehörten sie gefeuert und vor Gericht. Das gilt auch für Jugendamtsmitarbeiter, die in Berlin angeblich einen jungen Vergewaltiger deckten, weil der mutmaßliche Täter Muslim war und nicht „stigmatisiert“ werden sollte. Sollte sich dieser Vorwurf bestätigen, wäre es ein Skandal. Darum ging es in Kleve aber überhaupt nicht – genauso wenig wie in den Konflikten, auf die sich die Studie bezieht.
Doch es war zu spät. Die Legenden waberten bereits durchs Netz. Da wurde zum Beispiel der Koranvers zitiert, nach dem Gläubige „das Gute gebieten und das Schlechte verbieten“ sollten. Das sei eine Aufforderung, auch Nichtmuslimen das Fasten aufzuzwingen, oder? Nein, natürlich nicht. Selbst in Saudi-Arabien, wo nun wirklich die öffentliche Einhaltung des Fastens angemahnt wird, gilt das Fasten nicht für Nichtmuslime. Darin stimmen auch alle islamischen Rechtsschulen überein – unter anderem unter Berufung auf das Koran-Wort, dass es „keinen Zwang im Glauben“ gebe.
Ohnehin wird Muslimen im Ramadan von jeglichem Ärger dringend abgeraten, was ein Prophetenwort verdeutlicht, das Moscheeeverbände gerne zitieren: „Ein Fastender soll nichts Schlechtes reden und sich nicht ärgern. Wenn den Fastenden jemand beschimpft oder jemand mit ihm streitet, soll er antworten: Ich faste!“.
Zugegeben, das harmoniert nicht mit den Schwarz-weiß-Zeichnungen mancher Feindbild-Liebhaber. Aber den Realitätsschock kann man ihnen leider nicht ersparen. Denn, wie Ali Kizilkaya vom Islamrat für die Bundesrepublik sagt: „Zeigen Sie mir eine einzige Moschee in Deutschland, deren Vorstand oder Imam lehrt, Muslime dürften Nichtmuslime zum Fasten zwingen. Die gibt es nicht!“
Was es dort aber sehr wohl gibt (Achtung, nächster Realitätsschock), sind Menschen, die auf ihre Kosten Obdachlose speisen, die Vorträgen über die Kunst des Vergebens lauschen und die sich in Barmherzigkeit üben – nicht nur im so verkannten Monat Ramadan.
Source: welt.de