Der Unterschiedsspieler

Es war ein mitreißender Klassiker, in dem die Münchener leiden mussten. Dass der FC Bayern gegen den BVB dennoch gewinnen konnte, hängt vor allem mit einer besonderen Führungspersönlichkeit zusammen: Joshua Kimmich.

Das größte Kompliment gab es vom Gegner. Der sogenannte Klassiker sei „Werbung für den deutschen Fußball“ gewesen, sagte Niko Kovac. Und seine Mannschaft, der BVB, hätte ein „richtig gutes Spiel“ gemacht und einen Punkt verdient gehabt. „Doch der kleine, aber feine Unterschied war ganz klar: Jo Kimmich“, so der Trainer von Borussia Dortmund. Der Mittelfeldmotor der Bayern habe das 114. Aufeinandertreffen zwischen den beiden Vorzeigevereinen der Bundesliga entschieden – und dafür gesorgt, dass den Münchenern ihre 35. Meisterschaft wohl nicht mehr zu nehmen ist.

Davon geht Kimmich selbst auch aus. „Ja, es liegt jetzt schon an uns. Wir haben elf Punkte Vorsprung, das werden wir nicht mehr abgeben“, sagte der Nationalspieler nach dem 3:2 (0:1) am Samstagabend. Ob dieser Erfolg auch ohne ihn zustande gekommen wäre? Wahrscheinlich nicht. Denn auch wenn Harry Kane im vierten Bundesligaspiel hintereinander doppelt traf: Kimmich war es, der dafür sorgte, dass die Bayern ihren ersten Matchball auf dem Weg zur Titelverteidigung doch noch verwandeln konnten.

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Was der 31-Jährige in dem intensiven und in der zweiten Halbzeit auch hochklassigen Spiel, in dem die Münchener lange Zeit Probleme hatten, gezeigt habe, sei „Weltklasse“ gewesen, so Kovac. Damit meinte der frühere Bayern-Coach nicht nur Kimmichs Tor zum 3:2 in der 87. Minute, als er den Ball volley in den Winkel schoss – sondern auch dessen Vorarbeit zum zwischenzeitlichen 1:1 (54.). Da hatte der 106-malige Nationalspieler das Spielgerät gefühlvoll über einen Pulk von Abwehrspielern hinweg auf Serge Gnabry gelupft, der dann Kane per Kopf bedienen konnte. Viel besser lässt sich ein Tor nicht herausspielen.

„Haben uns lange Zeit schwergetan“, gesteht Kimmich

„Ich habe Serge gesehen und wollte ihn anchippen. Und wenn ich den Ball habe, weiß er, dass ich ihn suche“, erklärte Kimmich die technisch anspruchsvollste Szene der Partie. Das habe aber eben nicht nur mit der viel zitierten individuellen Qualität des Tabellenführers zu tun, sondern mit automatisierten Abläufen, mit Training. Auch das Siegtor, das er mit seinem eigentlich schwächeren linken Fuß erzielt hatte, sei nicht allein aus reiner Intuition heraus entstanden. Tatsächlich hätte er am Freitag noch „den linken trainiert“, so Kimmich. Da hätte es zwar nicht so gut geklappt („da wurde ich von den Kollegen verspottet“). Doch letztendlich habe es sich ausgezahlt.

Kimmichs Einfluss auf die Partie ging jedoch weit darüber hinaus. Er war es, der das statische Spiel auflöste, mit dem die Bayern in der ersten Halbzeit kaum weiter als bis an die Strafraumgrenze kamen – indem er das Tempo erhöhte, immer wieder für Seitenverlagerungen sorgte. „Wir haben uns lange Zeit schwergetan, es war ein sehr körperliches Spiel mit einigen Fehlern“, sagte er. Die gute Defensivarbeit des Gegners, die vielen Unterbrechungen durch Fouls – all dies habe dazu geführt, dass der Münchener Motor stotterte.

Eine Frage der Persönlichkeit

Geduld war gefragt. „Wir wussten, dass es in der zweiten Halbzeit für die Dortmunder schwieriger wird, das Tempo hochzuhalten. Die hatten harte Wochen hinter sich. Uns war bewusst, dass wir einen Vorteil haben werden, je länger das Spiel geht“, so Kimmich. Der hatte am Mittwoch in der Champions League in Bergamo spielen müssen und war ausgeschieden. Der Bayern waren ausgeruht.

Dass der Matchplan, die Dortmunder müde laufen zu lassen, so gut aufging, hatte viel mit Kimmich zu tun. Weil er über das nötige Spielverständnis verfügt sowie über Eigenschaften, die im modernen Fußball eher selten anzutreffen sind: Führungsqualität und mentale Robustheit. Es ist nicht leicht, in einer aufgeheizten Atmosphäre klar zu bleiben.

Das ist auch eine Frage der Persönlichkeit. Kimmich ist jemand, der es mag, die Richtung auf dem Platz vorzugeben. Er hält die Kollegen dazu an, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen – auch auf die Gefahr hin, sich dabei nicht immer beliebt zu machen. Gleichzeitig ging Kimmich am Samstag auch an seine eigenen Grenzen – wieder einmal.

„Ich habe zu Jo gesagt, dass das sein Stadion für besondere Tore ist“, sagte Christoph Freund nach der Partie. Der Sportdirektor des FC Bayern erinnerte an einen Klassiker der Vergangenheit. Vor fast sechs Jahren, die Voraussetzungen waren ähnlich – abgesehen davon, dass es ein Geisterspiel in der Corona-Zeit war. Der BVB musste gewinnen, um noch eine reelle Chance auf den Titel zu haben – und spielte gut. Auch damals entschied Kimmich mit einem Lupfer das Spiel. Bayern siegte 1:0. Es ist halt eine Qualität, abzuliefern, wenn es besonders wichtig ist und die eigene Mannschaft Probleme hat.

„Für die Mentalität und den Zusammenhalt ist es wichtig, dass man gegen ein Top-Team zurückkommt. Das schweißt zusammen und sorgt für gute Stimmung“, sagte Kimmich. Vor allen Dingen, weil dies die Wahrscheinlichkeit erhöht, zukünftig auch über die komplette Spieldauer gut zu spielen. Das war den Bayern am Samstag nicht gelungen. „Wir wissen auch, dass es heute nicht unser bestes Spiel war.“

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Kimmich ist sich bewusst, dass es einer Steigerung bedarf, wenn die hochgesteckten Ziele erreicht werden sollen. Sein Blick richtet sich auf den DFB-Pokal, wo es im Halbfinale gegen Bayer Leverkusen geht – und vor allem auf die Champions League. Dort geht es im Achtelfinale gegen den BVB-Bezwinger aus Bergamo. Es könnte mehr als nur ein Meisterjahr für die Bayern werden. Joshua Kimmich wird alles in seiner Macht Stehende dafür tun. Er liebt es, Herausforderungen zu meistern.

Source: welt.de