Der Kampf um die Simson: Ihr Name soll nicht zum Symbol welcher AfD werden

In Ostdeutschland ist ein Kulturkampf entbrannt, der auf alten Pflastersteinpisten und neu asphaltierten Dorfstraßen ausgetragen wird: der Kampf darum, wem die Simson gehört. Die AfD versucht schon länger, das Kultmoped des Ostens als Symbol zu vereinnahmen. Dagegen wehren sich nun die Nachfahren der jüdischen Familie Simson aus Thüringen.

„Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“, teilte der Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, Dennis Baum, mit. „Meine Familie und ich lehnen extremistische Ideologien entschieden ab und wollen die Inbesitznahme unseres Namens durch die AfD nicht hinnehmen.“

Damit spielt er auf Aktionen wie die des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke an, der mit der Simson auf Wahlkampftour ging. In mehreren ostdeutschen Landtagen drang die Partei darauf, die Simson als immaterielles Kulturerbe zu schützen. Sie stehe „für Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität“, hieß es vergangenes Jahr etwa in einem Antrag der AfD in Brandenburg.

Die anderen Parteien kämpfen ihrerseits um die Simson. So hielten in Brandenburg CDU, SPD und BSW mit einem eigenen Antrag dagegen. Darin wurde das „Phänomen Simson als Aspekt der ostdeutschen Jugendkultur“ gewürdigt, außerdem darauf gedrungen, dass Simson-Mopeds, die aus dem Ausland reimportiert werden – ehemalige DDR-Vertragsarbeiter etwa aus Vietnam hatten sie oft in ihre Heimat mitgenommen –, 60 statt wie bisher nur höchstens 50 Stundenkilometer fahren dürfen.

Ein großes Thema im Osten

Klingt nach Kleinkram, ist aber im Osten ein großes Thema. Erstens ganz praktisch, weil viele – gerade Jüngere – gerne eine alte, aufgearbeitete Simson kaufen wollen. Zweitens symbolisch, weil die Simson für den Osten so wichtig ist, dass sie sogar im Einigungsvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik eine Rolle spielte. Da wurde geregelt, dass Simson-Mopeds weiter schneller fahren dürfen als vergleichbare Kleinkrafträder aus dem Westen. Eine Nische, in der man sich überlegen fühlen durfte, Fahrtwind im Gesicht.

Björn Höcke 2024 auf einer Simson in Thüringen
Björn Höcke 2024 auf einer Simson in ThüringenPicture Alliance

Das Gefühl kennen auch junge Ostdeutsche. Nicht nur solche, die der AfD nahestehen. Zum Beispiel der Brandenburger Landtagsabgeordnete Julian Brüning von der CDU. Er ist 31 Jahre alt. Die DDR kennt er nur noch aus Erzählungen, aber als er 16 wurde, bekam er von seinem Großvater eine von dessen Simsons. Damit sei er von da an von A nach B gekommen, berichtet der Politiker im Gespräch mit der F.A.Z.

Er wohnt im Süden von Brandenburg, auf dem Land. In ländlichen Gebieten sei die Simson ein „Freiheitssymbol“, sagt er. Unterwegs sein, unabhängig sein, dazu auf einem Gefährt, das in seiner Robustheit das dörfliche Lebensgefühl spiegelt – in Abgrenzung zu den „Plastikrollern“, mit Kunststoff verkleideten Automatikrollern.

Die „Simme“, so der Kosename des Mopeds, sei aber durchaus auch verbunden mit einer „nostalgischen Erzählung“, sagt Brüning. Das ist bei Sammlern von Oldtimern nicht viel anders. Nur dass die Simson eben von der Zeit vor dem Mauerfall erzählt. Auf sogenannten Polenmärkten, auf denen viele Brandenburger gern einkaufen, wird für Simson-Ersatzteile etwa mit dem Slogan „Trotz Mauerfall und Wende – Simson-Power ohne Ende“ geworben. Entsprechende Metallschilder gibt es auch in Shops, die etwa die Reichsflagge verkaufen.

Politische Moped-Touren

Gerade deshalb betont Brüning, dass er und die Brandenburger CDU die Simson nicht der AfD überlassen wollten. Es gebe viele Schraubercommunitys und Mopedclubs, die den Rechtsextremen keineswegs nahestünden, sondern einfach Freude an schönen Maschinen und Traditionspflege hätten. Aktuell überlege man, ob man – da der Frühling nahe – auch einmal eine Ausfahrt organisiere.

Solche Moped-Touren werden oft von Vereinen oder Freundesgruppen geplant und durchgeführt; im vergangenen Sommer taten es aber auch der Brandenburger AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Münschke und sein sächsischer Kollege Mike Moncsek. Sie luden alle Simson-Freunde ein, mit ihnen durch den Spree-Neiße-Kreis zu touren. Die Einladung zeigte eine Simson mit AfD-blauem Tank, darauf das Parteilogo.

Simson-Nachfahre Baum erklärte nun, die Familie empfinde es als beleidigend, im Zusammenhang mit einer Partei genannt zu werden, die „überwiegend extremistisch“ sei. Der Name Simson dürfe unter keinen Umständen zum Symbol der AfD werden.

Source: faz.net