Der große Vereinfacher: Feindbilder kann Söder wie kein Zweiter in dieser Union
Der große VereinfacherFeindbilder kann Söder wie kein Zweiter in der Union
Von Hubertus Volmer, StuttgartArtikel anhören(06:40 min)

Die Rede von Markus Söder ist der gefühlte Höhepunkt des Parteitags. Dabei wiederholt der CSU-Chef vor allem Gags vom letzten Aschermittwoch. Nachdenklich, zurückhaltend? Das ist vorbei.
Schon eine ganze Weile kokettiert Markus Söder damit, wie seriös er geworden sei. Journalisten hätten ihm empfohlen, er solle „noch nachdenklicher, zurückhaltender, ein bisschen demütiger sein“, sagte der CSU-Vorsitzende gerade erst beim politischen Aschermittwoch. Und, ein paar Sätze später, über sein Verhältnis zu Friedrich Merz: „Ich bin sowieso wahrscheinlich der brävste CSU-Vorsitzende aller Zeiten – ein zugegebenermaßen großes, aber im Verhältnis dann doch: Schmusekätzchen.“
So tritt Söder dann auch beim CDU-Parteitag in Stuttgart auf, zum Abschluss, gewissermaßen als Höhepunkt. Ein Schmusekätzchen ist er in der Tat, wenn es um das Verhältnis von CDU und CSU geht. Richtung Merz sagt er: „Du kannst dich auf uns verlassen, wir unterstützen dich als Kanzler, gerne auch länger, wenn du willst.“ Für Söders Verhältnisse ist eine solche Solidaritätsadresse geradezu spektakulär, schließt sie doch den eigenen Verzicht auf eine Kanzlerkandidatur ein.
Gags wie ein Comedian
Nach außen aber teilt Söder kräftig aus. Staatsmännisch? Nicht wirklich. Über weite Strecken gleicht sein knapp 50-minütiger Auftritt der Rede, die er am vergangenen Mittwoch in Passau gehalten hat. In den USA spricht man von einer „Stump Speech“ – der Standard-Rede, die Wahlkämpfer landauf, landab halten.
Damit holt Söder sich zuverlässig den Applaus der Delegierten. Über die Koalition aus SPD, Grünen und FDP in Rheinland-Pfalz sagt er: „Dieser ganze Ampel-Quatsch, der muss jetzt endlich mal beendet werden.“ Über Baden-Württemberg, wo schon in zwei Wochen gewählt wird, sagt er: „Die normale Ordnung der Dinge in Baden-Württemberg ist, dass Schwarz einfach vor Grün geht.“
Mitunter spricht er mit verstellter Stimme und erinnert dabei an den Comedian Michael Mittermeier. Die Deutschen seien nicht faul, „aber die anderen werden immer fleißiger“, sagt Söder. Er habe ja eine Stunde Mehrarbeit pro Woche gefordert und fügt ironisch und eine Oktave höher sprechend hinzu: „Da brechen ganze Lebensbiografien zusammen!“ Auch diesen Gag hatte er bereits am Aschermittwoch gemacht.
Ohne Feindbilder geht es nicht
Ist das ein neuer Söder, schon wieder? „Diese klassischen Spielchen, diese Schatten- und Boxkämpfe, ich glaub‘, dass die im Moment eher überflüssig sind“, hatte der bayerische Ministerpräsident erst vor drei Monaten bei Caren Miosga gesagt. „Deswegen versuche ich so konstruktiv wie möglich zu sein, und so freundlich, wie es geht.“
Spätestens seine eigene Wiederwahl als Parteivorsitzender im vergangenen Dezember mit einem miesen Ergebnis zeigte ihm allerdings: Ohne harte Pointen, ohne klare Feindbilder geht es nicht so gut.
Am besten funktionieren seine Pointen, wenn es gegen echte oder imaginierte Feindbilder geht. Über eine „kulturintellektuelle Blase“, die sich angeblich insgesamt gegen Israel gestellt habe, sagt Söder: „Solche Klugscheißer helfen unserem Land nicht.“ Die linke Fraktionschefin Heidi Reichinnek nennt er eine „scheinheilige Barrikadenpredigerin, die in bayerischen Limousinen vorfährt“.
Feuriger als Merz
Seine pro-europäischen Passagen garniert er mit Attacken auf die Grünen – und sichert sich so bei einem schwierigen Thema lauten Beifall. „Lasst uns ein Europa bauen ohne links-grün-ökologischen Mief“, ruft er und schimpft über den „Klimakulturkampf von linksgrünen Pseudo-Moralisten“, schiebt dann aber hinterher: Leugnen dürfe man den Klimawandel natürlich nicht.
Damit ist Söders Rede deutlich feuriger als die von Merz am Vortag. Konservative Parteien brauchen ein Feindbild, um ein klares Profil zu entwickeln, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher. Das seien lange Linke und Grüne gewesen. „In der jüngeren Zeit gab es allerdings eine weitere Entwicklung: Für wichtige Teile der Union bezeichnet mittlerweile auch die AfD ein Feindbild.“
„Diese sehr böse, eiskalte Frau“
Exakt so ist es bei Söder. Die AfD nennt er „eine inkompetente Partei“, ihre Chefin Alice Weidel „diese manchmal sehr böse, sehr eiskalte Frau“, die sich als Patriotin bezeichne, sich aber aus unerfindlichen Gründen weigere, in Deutschland zu leben. Mit verstellter Stimme imitiert er das Credo der AfD: „Wir sind anders als die anderen.“ Dann weiter normal, als Kommentar zur Familienaffäre der AfD: „Stimmt. Mit so unverschämten Clanstrukturen hat noch keine Partei abkassiert in Deutschland.“
Zwischen diesen Vereinfachungen bringt Söder auch weniger knallige Botschaften unter. Angesichts seiner Attacken gegen alles Linke und Grüne ist sein Bekenntnis zum Pluralismus fast schon überraschend nachdenklich: „Eine Gesellschaft, in der eine 51-Prozent-Mehrheit alles prägen würde, das ist nicht die unsere“, sagt er mit Blick auf die AfD. Und auch so etwas hatte er am Aschermittwoch untergebracht.
Ein paar Stuhlreihen sind leer
„Lasst uns dafür arbeiten, dass dieses Land auch in Zukunft stark ist“, ruft Söder den Delegierten am Ende seiner Rede zu. „Die europäische Geschichte ist noch nicht am Ende, wir schreiben sie fort!“ Dafür gibt es lauten Beifall und stehende Ovationen. Ein paar Delegiertenplätze sind jedoch schon leer – vor allem dort, wo der Landesverband Schleswig-Holstein sitzt. Liegt es an der weiten Heimreise? Vielleicht.
Aber: Zu Söders „Stump Speech“ gehört normalerweise auch ein verächtlich-ironischer Seitenhieb auf „unseren Freund Daniel Günther“, den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, den Söder viel zu links findet und auch schon mal den „Genossen Günther“ nennt. Klar, CDU und CSU stehen eng zusammen. Aber ein paar Feindbilder gehen einigen in der CDU dann offenbar doch zu weit.
Source: n-tv.de