Der Denk-Anstifter

Alexander Kluge war Autorenfilmer, Schriftsteller und ein ganz besonderer Fernsehmacher. Vor allem aber war er einer der letzten Universalgelehrten. Nachruf auf einen Intellektuellen, der sich nie auf einen Begriff bringen ließ.

Lange vor der Erfindung des Doomscrollens waren Teenager in den späten Achtzigerjahren beim audiovisuellen Erkunden des Erdenlebens noch weitgehend aufs Fernsehen angewiesen. Damals konnte es passieren, dass man heimlich, spät am Abend, vorm elterlichen Röhren-Gerät soeben noch im neuen Privat-TV einige nackte Haut zur Kenntnis genommen hatte. Und plötzlich, ohne umzuschalten, eine helle, freundliche Intellektuellen-Stimme hörte, die im Gespräch mit Feuilleton-Gottheiten wie Heiner Müller lange Schachtelsätze formulierte. Ein unaufhörliches, dialogisches Gedankenspiel, während in riesigen Lettern kryptische Zwischentitel erschienen.

Es klang wie alles Weltwissen, schüchterte aber nicht ein, sondern stiftete an. Zum Selberfragen: Wer oder was ist das? Worum geht’s bei diesem Spiel?

Alexander Kluge schuf 1987 als Mitbegründer der dctp (Development Company for Television Program) eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen. Sein Ziel, so hieß es auf Kluges Homepage, sei es gewesen, „das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“. Für solches „Außen“, für vermeintliche Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsökonomie, war sich Kluges Kunst nie zu schade. Dank seiner Belesenheit und Verknüpfungskunst bezog er sich dabei frech auf die großen Namen des Bildungsbürgertums.

Lesen Sie auch

Heinrich von Kleist, sagte er zum Beispiel einmal in einem Gespräch mit dem Politologen Claus Leggewie, habe in seinen „Berliner Abendblättern“ das Boulevardprinzip erfunden, also „die Kunst des Fabulierens über Tagesdinge“. Er sei gerade dadurch ein politischer Dichter gewesen. „Politik und Gesetzgebung leiden oft unter der Schwäche der Abstraktion, an dem Mangel der Einbildungskraft, der einer Gesetzgebung zugrunde liegt. Dieser Mangel macht Gesetze unter dem Druck der Verhältnisse zur Ruine.“

Er hielt stets den Plural hoch

Die Einbildungskraft sah Kluge also nicht als Privatvergnügen, sondern als gesellschaftliche Aufgabe für jede und jeden. Mochte das bürgerliche Zeitalter lauter Singularitäten hervorgebracht haben: Er, der studierte Kirchenmusiker, promovierte Jurist, Autor und Filmemacher, hielt stets den Plural hoch. 1932 in Halberstadt im Harz geboren, wo er im April 1945 die Luftangriffe knapp überlebte, lernte bei Theodor W. Adorno, der ihn wiederum an Regie-Legende Fritz Lang vermittelte, um ihm die Flausen des Literarischen auszutreiben. Kluge konnte Standbilder bewundern und sie zugleich auf den Boden zurückholen.

Lesen Sie auch

Er, der Universalist, sah sich zeitlebens mehr als Autor denn als Filmemacher: „Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine.“ In einer nur 17 Zeilen umfassenden Geschichte mit dem Titel „Wie ich Thomas Manns Villa umschlich“ (in „Das fünfte Buch“) fährt Kluge in den frühen 1950er-Jahren mit seiner Schwester Alexandra per Anhalter nach Zürich, nur um das Haus Thomas Manns zu betrachten. Er traut sich nicht zu klingeln und imaginiert stattdessen einen Vorstellungsmonolog: Er wolle Dichter werden und erbitte Manns Ratschläge. „Gern würde ich wie Sie schreiben. Versuche haben ergeben, dass mir das nicht gelingt. Meist werden die Texte kürzer.“ Wie in einer früheren Geschichte aus dem Band „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ (1973): „Massensterben in Venedig“ ist schon im Titel ein Einspruch und zugleich eine Hommage an den „Tod in Venedig“.

Die Vielen waren bei ihm niemals uninteressanter als der Eine. Darüber wurde er selbst zum Unikat: Es gibt nicht viele, die sowohl in konservativen als auch linken Blättern als gefragte (und fragende) Intellektuelle gefeiert wurden. In der „FAZ“ schrieb Jürgen Kaube, Kluge verfasse – ob in Büchern, Filmen, Hörspielen, Essays oder Fernsehsendungen und ganz gleich, ob sie nun ganz, teilweise oder nicht erfunden seien – weder Romane noch Gedichte, sondern Geschichten. „Er konkurriert, anders formuliert, nicht mit Dichtern, sondern mit Historikern und Journalisten. Ihnen zeigt er in Form von Literatur, was möglich ist.“

Kluges unverwechselbare Handschrift

Als einer der Initiatoren des Oberhausener Manifests 1962, mit dem sich die junge deutsche Filmemacher-Generation politisch und ästhetisch von „Opas Kino“ lossagte, schuf Kluge Filme, deren Titel sprichwörtlich ins kollektive Gedächtnis eingingen. In ihnen ist die Verfasstheit deutscher Stimmungen gespeichert: „Abschied von gestern“ (1966), „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968) oder „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974, mit Edgar Reitz). Kluge schuf eine unverwechselbare Handschrift: eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, assoziativ, schweifend und sinnbildlich selbst dann, wenn nicht genau erklärt wurde, wofür.

Viele Jahre war er mit der Schauspielerin Hannelore Hoger liiert, sein Privatleben hielt er jedoch aus der Öffentlichkeit weitgehend heraus. Sein kollaboratives künstlerisches Netzwerk war immens und nicht auf die eigene Generation begrenzt. Für sein Werk erhielt er unter anderem den Georg-Büchner-, den Theodor-W.-Adorno-, den Heinrich-Heine- und den Klopstock-Preis.

„Politik muss von unten nach oben erzählt werden“, sagte Kluge einmal. Wer wollte ihm in Zeiten, da die Demokratie als das Zaubermittel gegen die Barbarei gilt, widersprechen? Dass dieses Zeitalter gerade zu Ende gehen könnte, wusste er. Wissen aber war für ihn keine starre Position im Entweder-oder und erst recht keine daraus abgeleitete Identität. Doch bezog er immer wieder klar Stellung. Etwa im September 2019, als er mit etwa 250 Kulturschaffenden kritisierte, dass die Stadt Dortmund die Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an die Schriftstellerin Kamila Shamsie wegen deren Unterstützung der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions widerrufen hatte. Auch mit seiner Haltung zum russischen Angriffskrieg setzte er sich Kritik aus: Er war gegen Sanktionen gegen Russland und auch gegen Waffenlieferungen an die Ukraine.

Lesen Sie auch

So schloss sich beinahe ein Kreis, denn Kriegs- und Nachkriegsgeschichten waren die ersten, die Alexander Kluge als junger Autor schrieb. Bomben hatten für ihn noch nie das letzte Wort, mit ihnen endete das Denken nicht, hier fing es an. Bis zuletzt beobachtete, deutete und ergänzte er die Wirklichkeit. Noch 2024 veröffentlichte er mit dem Künstler Anselm Kiefer die Schrift „Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben“.

Wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf Kluges Familie am Donnerstag mitteilte, ist Alexander Kluge nun im Alter von 94 Jahren gestorben.

Source: welt.de