Der Dax fällt: Die Nervosität an den Märkten steigt

Seit Dienstag wissen wir nun, was die Trump-Administration von Dänemark hält. Dänemark ist irrelevant. Eine interessante Einlassung des US-Finanzministers in Davos, zumal Grönland derzeit zu diesem „irrelevanten“ EU-Mitglied und NATO-Staat gehört. Scott Bessent goss Öl ins Feuer, fühlte sich aber auch provoziert, weil ein dänischer Pensionsfonds öffentlichkeitswirksam kundtat, alle US-Staatsanleihen verkaufen zu wollen, nicht wegen des aktuellen Streits um Grönland, sondern wegen der „schlechten Lage der US-Staatsfinanzen“. Die werden in der Tat nicht maßgeblich von Dänemark getragen und die 100 Millionen Dollar des Pensionsfonds sind entsprechende Peanuts. Doch wird ein Gutteil der US-Schulden von derzeit rund 38 Billionen Dollar von Ausländern gehalten. Rund acht Billionen Dollar an neuen Schuldtiteln sollen dieses Jahr begeben werden.
Vor sechs Jahren betrug die US-Verschuldung mit rund 17 Billionen Dollar noch weniger als die Hälfte des heutigen Werts. Die Schulden-Beschleunigung ist immens. US-Finanzminister Bessent hat aber recht, dass bislang die internationalen Gläubiger eifrig weiter US-Staatsanleihen kaufen, der dänische Pensionsfonds mithin eine Ausnahme darstellt. Es gibt nicht den Hauch von Finanzierungsschwierigkeiten. Der zu zahlende Zins der USA für zehn Jahre Laufzeit beträgt derzeit 4,29 Prozent. Das ist ein leichter Anstieg in den vergangenen Wochen, aber kein Drama.
Das Angstbarometer steigt
Gleichwohl erhöht der neuerliche Streit von Trump mit einst wichtigen, heute aber womöglich irrelevanten Verbündeten in Europa die Nervosität an den Märkten. Der V-Dax New, das Angstbarometer der Frankfurter Aktienbörse, kletterte am Mittwoch erstmals seit November wieder über die Marke von zwanzig Punkten. Das ist kein dramatischer Wert. Im April waren es bei Trumps Zollkeule gegen die ganze Welt mehr als vierzig Punkte, beim Angriff Russlands auf die Ukraine ebenso, und zum ersten Corona-Lockdown, kurz nach der Lehman-Insolvenz in der Finanzkrise und beim Platzen der Dotcom-Blase wurden höhere Werte, teils achtzig Punkte erreicht.
Eine Phase weitgehender Sorglosigkeit an den Märkten ist aber nun zumindest unterbrochen. Nach dem April-Desaster, als Trump von den Märkten eingehegt werden musste, hatten einige Marktbeobachter angenommen, er habe seine Lehren gezogen und werde es auch zum Wohle Amerikas, seiner Anleger und Steuerzahler nicht übertreiben mit Zolldrohungen, weil das die Aktienkurse senkt und damit das Vermögen in den USA mindert und die Kosten für die hohe Staatsverschuldung Amerikas in Form höherer Zinsen verteuert.
In Amerika sinken die Kurse genauso
Wie lange der Spuk nun geht, ist die große Frage. Der Dax zeigte sich am Mittwochmittag den vierten Tag in Folge im Minus. Der Abschlag am Mittag betrug 1,2 Prozent. Binnen der vier Tage haben sich nun immerhin rund vier Prozent Kursminus aufaddiert und der Index gut 900 auf knapp 24.400 Punkte verloren. Auch das ist kein Drama. Interessant aber ist, dass der amerikanische Nervositätsmarker, der Vix, einen ähnlich großen Sprung hingelegt hat wie sein Dax-Pendant. Im April war er sogar stärker gestiegen. Die Märkte bekräftigen damit die Ansicht der Ökonomen, dass ein Zollstreit unter dem Strich keine Gewinner produziert. Am Dienstag haben die US-Börsen Abschläge von zwei Prozent verkraften müssen. Gold verteuerte sich am Mittwoch nochmals um rund zwei Prozent auf fast 4900 Dollar je Unze zu 31,1 Gramm.
Die ausbleibende Panik am Markt deutet darauf hin, dass weiter davon ausgegangen wird, dass die Lose-lose-Spirale bald auch Trump offensichtlich wird und er sie gemeinsam mit Europa beendet. In Davos sagte er am Mittwoch, die Börsen seien zwar etwas runtergegangen, aber das sei nicht viel. Bald erwarte er die 50.000 und meinte den Dow Jones, der diese Rekordmarke im Blick hat und derzeit auf 48.500 Punkten steht. Aber auch dies sei nur eine Zwischenmarke bei der Verdopplung des Index, die Trump angesichts diverser Maßnahmen seiner Präsidentschaft erwartet.
Anleger sollten aber auch eine Eskalation nicht ausschließen. Dass es deswegen dennoch nicht sinnvoll ist, seine Aktien allesamt zu verkaufen, zeigt eine Auswertung des Vermögensverwalters HQ Trust. Der hat für seine Analyse einen interessanten Zeitraum gewählt, und zwar jenen von Anfang 2020 bis Dezember 2025. Da hätte es genug Gelegenheiten gegeben, das Aktienrisiko als zu hoch einzustufen und Aktien, Fonds und ETF aus dem Depot zu werfen. Der Corona-Schock währte an den Börsen zwar nur kurz, weil schnell auch große Gewinner identifiziert wurden von Amazon über Biontech bis zu Hello Fresh.
Das Jahr 2022 indes mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, mit in die Höhe schießenden Inflationsraten, raschen und kräftigen Zinserhöhungen und monatelang fallenden Aktienkursen ist sicherlich ein Umfeld gewesen, in dem viele das Zutrauen in eine gute Aktienmarktentwicklung hätten verlieren können. Wer seit Anfang 2020 immer dabeiblieb, kam gemessen am MSCI All Country World in der Auswertung von HQ Trust auf 94 Prozent Rendite, aufs Jahr gerechnet 11,8 Prozent je Jahr. Und selbst wer auf die besten sieben Aktien dieser Zeit, die „glorreichen Sieben“, komplett verzichtet hätte, weil ihm das ganze KI-Spektakel nicht geheuer war, der kam noch auf 70 Prozent Plus. „Die vergangenen Jahre zeigen: Nicht investieren ist auch eine Entscheidung – und manches Mal ist es die teuerste“, sagt Christian Stubbe, Chief Investment Officer von HQ Trust. „Langfristiger Erfolg entsteht aus robuster Allokation, Risikobudget und Geduld – nicht aus Wetten auf einen einzigen Stil oder Sektor.“
Die Auswertung ließe sich weiter zurück mit gleichem Ergebnis anstellen. Aber selbst oder vielleicht gerade in einer als so unruhig wahrgenommenen Zeit wie aktuell werden unternehmerisches Risiko und die Beteiligung daran überdurchschnittlich gut entlohnt, weit mehr als mit den vier Prozent, die der amerikanische Staat derzeit zahlt, oder den rund zwei Prozent auf deutschen Zinskonten.
Wer übrigens auf die von Stubbe angemahnte breite Streuung verzichtete und nur die „glorreichen Sieben“ im Depot hatte, kam auf 341 Prozent Plus, fast das Fünffache des sonstigen Marktes. Ein solch zugespitztes Depot hätte aber nichts mit vernünftiger Geldanlage am Aktienmarkt zu tun, sondern wäre hochriskante Zockerei, die oft auch schiefgehen kann.
Source: faz.net