„Der Absturz“ von Édouard Louis: Die Arbeiterklasse richtet ihre Männer zu

Édouard Louis erzählt in „Der Absturz“ vom frühen Tod des Bruders und fügt seinem literarischen Familienfresko ein weiteres Kapitel hinzu. Doch während seine Autofiktion sich als Bestseller verkauft, bleibt unsere Autorin irritiert zurück


Der französische Autor Édouard Louis bearbeitet seine Vergangenheit und das beinahe in Echtzeit

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Es sei der Abschluss seines Familienfreskos, das sagt Édouard Louis über sein Buch Der Absturz, das den tragischen frühen Tod seines älteren Bruders behandelt. Wollte man etwas gemein sein, so könnte man sagen, dass schlicht kaum noch ein anderes Familienmitglied verblieben ist, das zum Gegenstand eines seiner Bücher werden könnte. Vielleicht widmet sich Louis demnächst den Schulproblemen seines jüngsten Bruders … Wo andere Jahrzehnte in der Psychotherapie verbringen, um Familiengeschichte aufzuarbeiten, verwandelt Louis Traumatisches in hoher Schlagzahl in Bestseller-Literatur.

Édouard Louis und seine Zeitmaschine

Bücher wie Das Ende von Eddy und Wer hat meinen Vater umgebracht konnte man ja durchaus noch als Erkundungen der eigenen Psychogenese verstehen. In der radikalen Öffnung des Blicks für die Verwicklungen der eigenen und der väterlichen Biografie offenbarte sich den Lesern, wie sich Klassenverhältnisse den Körpern und Seelen der Menschen einschreiben.

Was soziologische Abhandlungen wortreich verklausuliert darstellen, konnte man mithilfe von Louis’ Büchern plastisch begreifen. Und all dasal fresco“, ganz frisch, mit wenig Abstand zu den Ereignissen aufgeschrieben. So, als dürfe keine Luft an die Ereignisse kommen. Louis bearbeitete seine Vergangenheit, paradoxerweise, beinahe in Echtzeit.

Diese Aktualität übersetzte sich in Popularität. Louis stieg nach seinem Debüt 2014 kometenartig auf, avancierte zum Literaturstar. Vermutlich wäre der Boom der Autofiktion in Deutschland ohne seine Bücher (oder die seines engen Freundes Didier Eribon) gar nicht denkbar.

Obwohl Louis’ Texte als Romane bzw. als Autofiktion firmieren, liest man sie doch als biografische Geständnisse. In gewisser Weise befriedigen sie damit den Voyeurismus der Leser. Liest man nun Der Absturz, verstärkt sich der Eindruck des Voyeurismus auf unangenehme Weise.

Das Patriarchat des Hasses

Louis erklärt, wie wenig Kontakt er zum älteren Halbbruder pflegte und dass dieser im Grunde ein Fremder für ihn gewesen sei. Wie ein weit entfernter Komet umkreist er den Shootingstar Louis. Das aber macht es umso schwerer, die öffentliche Erkundung seines Lebens zu rechtfertigen: Während Eltern die Biografien ihrer Kinder maßgeblich prägen und ihnen – psychisch wie physisch – schwere Verletzungen zufügen können, war der Bruder auch nur ein Opfer der Verhältnisse.

Jede Darstellung einer Biografie zu literarischen Zwecken muss sich rechtfertigen, erscheint sie doch stets als Verrat. In Der Absturz lernt man nichts über Klasse und Gesellschaft, was man nicht schon in Louis’ Erstlingswerk erfahren konnte. Diese Wahrheiten sind tragisch: Die Arbeiterklasse richtet ihre Männer grausam zu.

Sie bestraft sie so lange für ihre Empfindsamkeit, bis sie sich mit Alkohol und Drogen erfolgreich zu Tode betäuben. Geradezu unerbittlich springen die Väter mit ihren Söhnen um. Es ist ein Patriarchat des Hasses: Hier werden keine kleinen Prinzen herangezogen, sondern verstümmelte Kerle.

So bewegend dieses Buch aufgrund der Geschichte des Bruders ist: Es hinterlässt einen seltsamen Beigeschmack. Als sähe sich Louis gezwungen, das Erfolgsmodell des autofiktionalen Romans bis an seine Grenzen zu treiben, den Kreis der Beobachtung immer weiter auszudehnen.

So richtig frisch wirkt das nicht

Nicht zuletzt offenbart sich, was schon in den Büchern über seine Mutter recht deutlich zutage trat: Der erzählte Andere dient dem Autor als Negativfolie für die eigene Aufstiegsbiografie. Die Staffagefiguren garantieren lediglich die nötige Fallhöhe (man muss eigentlich sagen: Aufstiegshöhe) für den aufgehenden Stern namens Louis.

So richtig frisch wirkt dieses Fresko nicht mehr. Womöglich ist es an der Zeit, nach neuem Material fürs Schreiben zu suchen. Selbst die erzählerische Ressource Familienbiografie ist schließlich endlich.

Der Absturz Édouard Louis Aufbau Verlag, 222 S., 24 €