Dem deutschen Gasnetz droht ein ungeahnt teures Ende – pro Betreiber und Kunden

Der Krieg im Nahen Osten hat den Gaspreis zeitweise verdoppelt. Gleichzeitig erlaubt das neue Heizungsgesetz, Gasheizungen länger einzubauen. Ein Experte warnt: Wer weiter darauf setzt, geht ein doppeltes Risiko ein.

Es ist eine Zahl, die kurz vor dem neuen Heizungsgesetz und der Lage im Nahen Osten bereits für Aufregung sorgte: Wer jetzt noch auf eine Gasheizung setzt, der wird künftig bis zu 4300 Euro mehr im Jahr zahlen müssen – allein durch das aufwendige Leitungsnetz, das für immer weniger Nutzer betrieben werden muss. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung im Auftrag des Umweltinstituts München.

Fabian Scheller, Professor für Energie- und Ressourceneffizienz an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, erklärt, was wirklich hinter der Summe steckt – und warum das neue Heizungsgesetz durch den Krieg im Iran zum besonderen Risiko für Kunden wird.

WELT: Bis zum Sommer müssen größere Gemeinden vorlegen, wie sie bis 2045 klimaneutral heizen wollen. Wie verändern die aktuellen Geschehnisse im Nahen Osten diese Pläne?

Fabian Scheller: Der Konflikt zeigt noch mal deutlich, dass Erdgas nicht nur ein Klimathema ist, sondern auch ein geopolitisches Risiko. Die Straße von Hormus, ein Nadelöhr für Gas- und Öltransporte, ist faktisch gesperrt, die weltgrößte Exportanlage für Flüssigerdgas hat in Katar die Produktion vollständig eingestellt. Der Gaspreis springt aktuell in die Höhe. Selbst wenn Gas aktuell noch genug vorhanden ist und es keinen Versorgungsengpass gibt, spiegeln die Preise die Unsicherheit wider. Für Haushalte bedeutet das: Wer stark von Gas abhängt, trägt neben den steigenden Kosten für CO₂ und das Leitungsnetz auch das Risiko eines plötzlichen geopolitischen Preisschocks. Langfristig spricht das für eine noch schnellere, breitere Aufstellung der Wärmeversorgung hin zu den Erneuerbaren.

WELT: Wie also werden die Wärmepläne der Kommunen aussehen?

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Scheller: Zunächst schauen die sich an, woher ihre Energie heute kommt und welche Optionen es vor Ort gibt. Künftig wird vor allem mit Wärmepumpen geheizt, der günstigsten Alternative. Dafür braucht es deutlich mehr Strom, sodass auch das Stromnetz angepasst werden muss, etwa mit zusätzlichen Umspannwerken und mehr Netzkapazitäten. Daneben wird man zum Heizen auf Holzpellets und andere Biomasse zugreifen sowie Nah- und Fernwärme, die ihre Energie etwa aus Geothermie, Flüssen, Industrieabwärme oder Müllverbrennungsanlagen ziehen. Was in diesen Plänen bisher aber kaum vorkommt, ist der geordnete Ausstieg aus dem Gasnetz.

WELT: Was heißt das?

Scheller: Überall werden zwar alternative Heizquellen aufgezählt, doch wie man sauber aus dem Gasnetz rauskommt, fällt oft unter den Tisch. Für einige Verbraucher sind diese Alternativen jedoch mittelfristig technisch oder finanziell nicht machbar, sodass sie noch eine Weile beim Gas bleiben müssen. Der Weiterbetrieb eines teuren Gasnetzes darf dann nicht bei denen hängen bleiben, die sich das am wenigsten leisten können. In bestimmten Fällen wird man Gas also weiter absichern müssen.

WELT: Welche Fälle sind das?

Scheller: In manchen Gebieten dominiert das Gas. Es gibt kein Fern- oder Nahwärmenetz, der Umstieg auf Wärmepumpen bräuchte einen Netzausbau und Maßnahmen an den Gebäuden. In unsanierten, schlecht gedämmten Häusern funktioniert eine Wärmepumpe zudem oft nur effizient, wenn man nicht gleichzeitig besser dämmt und größere Heizkörper oder eine Fußbodenheizung einsetzt. Ohne Förderung kann ein solcher Umstieg schnell im Bereich von 40.000 Euro liegen. Wohnt man in einem Mehrfamilienhaus mit Zentralheizung können einzelne Wohnungen nicht eigenständig umstellen. Als Mieter kann man die Heizungsanlage ohnehin nicht selbst austauschen. Will der Vermieter nicht investieren, bleibt man also ans Gas gebunden. In der Industrie gibt es wiederum Branchen, die auf Erdgas als chemischen Rohstoff angewiesen sind oder als Energieträger, weil sehr hohe Temperaturen notwendig sind, etwa beim Zement oder Stahl. Zwar gibt es auch dort Entwicklungen hin zu Wasserstoff und Strom. Weil davon aber sehr viel nötig sein wird und ganze Werke komplett umgebaut werden müssen, wird das noch dauern.

WELT: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant ein neues Heizungsgesetz. Gasheizungen dürfen demnach jetzt weiter eingebaut werden, die 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien gilt nicht mehr. Müsste man allein angesichts der aktuellen Lage nicht erst recht auf die Erneuerbaren setzen?

Scheller: Das neue Gesetz verzögert auf jeden Fall den Ausstieg aus dem Erdgas. Jeder kann jetzt wieder frei seine Heizung wählen, entsprechend den genannten Bedingungen in seinem Haushalt. Kurzfristig steigen dadurch weniger Leute aus dem Gas aus. Gleichzeitig soll eine neue Gas- oder Ölheizung ab 2029 einen Mindestanteil an klimafreundlichen Brennstoffen nutzen, vor allem Biomethan oder synthetisches Methan. Diese Beimischungen werden aber mindestens zwei- bis dreimal so teuer sein wie das Erdgas. Mittelfristig wird der Gaspreis dadurch in den nächsten Jahren sprunghaft ansteigen. Somit werden also doch wieder mehr Leute auf die Wärmepumpe umsteigen. Natürlich ist man auch bei den Erneuerbaren von Lieferketten abhängig, insbesondere von China. Die meisten Solarmodule kommen von dort und viele der Rohstoffe, die in Wärmepumpen stecken. Beim Erdgas ist die Lage aber deutlich anfälliger. Dass das Wirtschaftsministerium die geltenden Regelungen jetzt so schnell über den Haufen geworfen hat, macht den Ausstieg daraus extra unsicher und teuer.

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WELT: Inwiefern?

Scheller: Die Netzbetreiber konnten bislang relativ klar vorhersehen, wie viele Gasheizungen künftig noch laufen und damit auch die Gasnachfrage abschätzen. Diese Prognosen sind jetzt sehr schwer geworden. Da steckt ein hohes Investitionsrisiko drin – für die Betreiber und die Kunden. Ich finde diese Änderung insgesamt sehr fragwürdig. Sie ist eine rein politische.

WELT: Wie meinen Sie das genau?

Scheller: Viele Bürger haben sich vorher durch das Heizungsgesetz bevormundet gefühlt. Man hatte also vor der Wahl versprochen, das Gesetz zu ändern. Jetzt gibt man vor, technologieoffen zu sein. Gleichzeitig versteckt man aber, dass eine neue Gasheizung trotzdem sehr teuer wird. Sie kann jetzt zur echten Kostenfalle werden. Letztendlich ist hier das umgesetzt worden, was sich die Erdgas-Lobby gewünscht hat: Sie kann weiterhin große Mengen Erdgas absetzen und gute Margen einfahren – und gibt dabei noch vor, dem Klima durch die Beimischung grüner Gase etwas Gutes zu tun.

WELT: Die Bundesregierung plant zudem, neue Gaskraftwerke zu bauen. Bremsen die zusätzlich den Ausstieg aus dem Gasnetz?

Scheller: Steigt Deutschland bis spätestens 2038 aus der Kohle aus, braucht es als Ersatz eine andere Reserve für Dunkelflauten. Gaskraftwerke können schnell hoch- und runterfahren. Damit die den Ausstieg aus dem Erdgas nicht behindern, sollen sie auf Wasserstoff umstellbar sein. Klar ist aber, ein Erdgasnetz wird es auch über 2040 hinaus aus den genannten Gründen noch geben. Trotzdem wird es sich für viele Nutzer schon deutlich früher nicht mehr lohnen, weiter darauf zu setzen. Im Vergleich zu anderen Heizoptionen wird es immer teurer. Ein wichtiger Treiber dafür ist auch der europäische Emissionshandel mit seinem steigenden CO₂-Preis sowie die steigenden Netzentgelte. Dadurch dürfte Erdgas in den 2030er- und 2040er-Jahren doppelt so viel kosten wie heute. Hinzu kommt das Risiko, dass die Gaspreise durch die geopolitische Lage noch stärker steigen als gedacht.

WELT: Laut einem Fraunhofer-Gutachten könnte jeder Haushalt, der bis 2045 am Gasnetz bleibt, bis zu 4300 Euro im Jahr allein für den technischen Weiterbetrieb zahlen – etwa zehnmal so viel wie heute. Warum ist der so teuer?

Scheller: In den kommenden Jahren steigen ja immer mehr Haushalte aus dem Gas aus. Je weniger Nutzer übrig bleiben, desto weniger zahlen in das System ein, das Gasnetz muss aber weiter betrieben werden. Leitungen, Hausanschlüsse, Druckstationen, Mess- und Regeltechnik sowie Speicher müssen trotzdem gebaut, erneuert und gewartet werden. Dazu kommen Planungs- und Genehmigungskosten sowie der laufende Betrieb, etwa für die Wartung oder den Strom für die Gasverdichter. Dieser Service verteilt sich auf immer weniger Kunden. Entsprechend steigen die Netzentgelte. Berechnet wurden diese Preise anhand eines sogenannten synthetischen Modellnetzes.

WELT: Was steckt hinter diesem Modell?

Scheller: Die Wissenschaftler haben dafür ein durchschnittliches, regionales Gasverteilnetz mit rund 30.000 angeschlossenen Haushalten angenommen, das in den 1980er-Jahren gebaut wurde – so wie viele der Netze in Deutschland. Dadurch kommen heute mehrere Kosten zusammen: Zum einen müssen in einem solchen alten Netz Teile erneuert werden. Auf die kommen neue, hohe Abschreibungen. Wird heute neu gebaut, bleiben bis 2045 oft nur noch weniger als 20 Jahre, um diese Investitionen wieder rauszuholen. Die genannten 4300 Euro beziehen sich auf einen Drei-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden. Das ist zwar eher hoch angesetzt, im Schnitt dürfte der Verbrauch niedriger liegen. Die Größenordnung ist aber richtig.

WELT: Branchenverbände kritisieren, das Modell rechne Erdgas extra teuer. Die Industrie würde nicht einbezogen und damit deutlich weniger Nutzer. Sind diese Zahlen also wirklich realistisch?

Scheller: Es stimmt, wenn in einem Netz viel Gewerbe oder Industrie angeschlossen ist, kann das dazu führen, dass die Kosten nicht so stark ansteigen und die Netze länger erhalten bleiben, weil mehr Gas-Durchsatz stattfindet. Die Berechnungen beziehen sich aber auf die Ortsnetze, also die letzten Kilometer bis zu den Haushalten. An diese lokalen Leitungen ist die meiste Industrie gar nicht gekoppelt, sondern an die überregionalen Transportleitungen oder sie hat ihre eigenen Anschlüsse. Das heißt also, die prognostizierten Preise sind durchaus realistisch, selbst wenn man Industrie und Gewerbe einbeziehen würde.

WELT: Wie werden sich die steigenden Gaspreise auf die Haushalte und Unternehmen auswirken?

Scheller: Unternehmen sind vielfach entlastet. Je nach Anschluss und Abnahme zahlen sie niedrigere Netzentgelte als Haushalte. Bei sinkender Nachfrage können jedoch auch sie künftig deutliche Steigerungen erleben, was die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen und zu einem Standortnachteil für einzelne Regionen werden kann. Für private Haushalte hängt vieles vom Wohnort ab. In Städten ist das Gasnetz dichter und damit günstiger zu betreiben. Auf dem Land müssen sich weniger Nutzer die Kosten teilen – entsprechend teurer wird es dort. Die steigenden Gaspreise können allerdings auch den Strompreis erhöhen, weil den oft die Gaskraftwerke mitbestimmen. Dadurch können auch Wärmepumpen im Betrieb teurer werden – allerdings weniger als die Gasheizungen.

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WELT: Kann jemand vom Gas abgetrennt werden, wenn es zu teuer wird, das Netz für ihn zu betreiben?

Scheller: Bislang kaum. Die Betreiber sind gesetzlich verpflichtet, angeschlossene Kunden mit Erdgas zu versorgen. Mit dem neuen Energiewirtschaftsgesetz soll sich das aber ändern. Künftig dürfen Netzbetreiber auf Grundlage genehmigter Stilllegungspläne die Gasversorgung einstellen, wenn absehbar ist, dass sie nur noch von sehr wenigen genutzt wird. Dieses Ende der Versorgungspflicht ist politisch umstritten.

WELT: Was passiert, wenn einzelne Gasnutzer zurückbleiben?

Scheller: Dann muss sichergestellt werden, dass es für sie bezahlbar bleibt – etwa durch eine Deckelung der Netzentgelte. Die entstehenden Kosten müssten dafür auf alle umgelegt werden, unabhängig davon, womit sie heizen. Ja, dann zahlen auch frühe Gas-Aussteiger mit, aber das ist der Preis dafür, dass am Ende nicht die letzten, oft einkommensschwachen Kunden die ganze Gasnetz-Rechnung allein bekommen. Außerdem müssten Abschreibungen für neue Netze früh stattfinden, sodass sie noch von möglichst vielen getragen werden und nicht von den letzten Verbliebenen. Entscheidend ist das richtige Maß dieser Entgelte: niedrig genug, damit es tragbar bleibt, aber hoch genug, um den Ausstieg voranzubringen. Umstiegsprämien könnten dabei unterstützen. Umso wichtiger ist also bei all dem, frühzeitig Klarheit über die künftige Wärmeversorgung in den Kommunen zu schaffen, damit die Menschen planen können.

WELT: Den Fraunhofer-Berechnungen zufolge wäre es volkswirtschaftlich rund ein Viertel billiger, wenn schon 2027 feststünde, wie der Ausstieg aus dem Erdgas abläuft – statt etwa erst 2035, wie es in vielen Kommunen kommen könnte.

Scheller: Das stimmt. Mit einer frühen, verbindlichen Planung ließe sich viel Geld sparen, statt alles einfach plätschern zu lassen. Wer etwa 2030 eine neue Heizung braucht, würde sich dann eher gegen Gas entscheiden. Für die Netzbetreiber fielen weniger Wartungen und Investitionen an, einzelne Netzteile könnten früher abgeschaltet werden. Die EU verpflichtet die Betreiber größerer Verteilnetze ohnehin, alle vier Jahre Pläne für die nächsten zehn bis 15 Jahre zu erarbeiten, wie sie ihre Gasnetze stilllegen. Mannheim, Augsburg und Würzburg haben den Umstieg auf andere Wärme zwar schon früh diskutiert, ein konkreter Fahrplan ist aber noch offen. Solange aber vielerorts diese Pläne unkonkret bleiben, können Gas- und Stromnetzbetreiber nur vage planen. Das ist natürlich ein Problem.

WELT: Das Erdgasnetz ist insgesamt 600.000 Kilometer lang. Wie legt man so ein Netz eigentlich still?

Scheller: Zunächst wird die Gaszufuhr an den Einspeisepunkten abschnittsweise abgesperrt. Anschließend lässt man das verbliebene Gas kontrolliert über spezielle Entnahmestellen ab, bis der Druck schrittweise auf Atmosphärendruck sinkt. Danach werden die Leitungen mit einem reaktionsträgen, nicht brennbaren Gas, Stickstoff zum Beispiel, gespült, um Erdgasreste zu entfernen und Explosionen auszuschließen. Das ist technisch anspruchsvoll, vor allem in weitverzweigten Netzen mit Sackgassen oder unterschiedlichen Druckstufen. Am Ende wird das Netz physisch vom Versorgungssystem getrennt, Armaturen werden verschlossen oder entfernt. Zurück bleiben leere Rohre.

Source: welt.de