Debatte um Pflegekosten: Kliniken zeugen Heimen die Pflegekräfte strittig

In der Diskussion um die steigenden Pflegeausgaben der Krankenhäuser beklagt die Deutsche Stiftung Patientenschutz, dass immer mehr Kräfte aus Heimen und ambulanten Diensten in die Kliniken wechselten. Vor allem die im Jahr 2020 vereinheitlichte Ausbildung zur Alten- und Krankenpflegekraft führe dazu, „dass Pflegekräfte in die Kliniken abwandern“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der F.A.Z. am Donnerstag. „Denn dort sind sowohl der Verdienst als auch die Arbeitszeiten attraktiver. Hier kann die stationäre Langzeitpflege nicht mithalten.“
Die Pflegebranche sieht diese Verschiebungen ebenfalls, macht dafür aber nicht die Ausbildung verantwortlich, sondern vor allem die Bezahlung. Es gebe eindeutig einen „sektorübergreifenden Wettbewerb“, bestätigt Christine Vogler, die Präsidentin des Deutschen Pflegerats. „Krankenhäuser sind häufig tariflich besser aufgestellt, planbarer und so für viele beruflich Pflegende attraktiver“, sagte sie der F.A.Z. „Die Langzeitpflege und die ambulanten Dienste bleiben dagegen strukturell benachteiligt, auch finanziell.“
Lohnlücke hat sich verringert
Die Daten zeigen allerdings, dass sich die Lücke zwischen den Löhnen verringert hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verdienten im Jahr 2018, vor Einführung des sogenannten Pflegebudgets, Pflegehilfskräfte im Krankenhaus rund 2700 Euro im Monat. Das waren 340 Euro mehr als die Hilfskräfte in den Heimen. Bei Pflegefachkräften waren es in den Hospitälern fast 3500 Euro, 380 Euro mehr als die Kollegen in der Altenpflege.
In beiden Berufen hat es seitdem starke Lohnanstiege gegeben, aber der Abstand ist geschrumpft. 2025 bezogen die Helfer in den Kliniken 3600 Euro, 200 Euro mehr als in den Heimen. Bei den Fachkräften betrug der Unterschied nur noch 100 Euro: 4400 gegenüber 4500 Euro im Monat. Daten für die Jahre 2019 und 2020 hat das Bundesamt nicht erhoben.
Patientenschützer Brysch hat einen Vorschlag, wie man die Situation insgesamt verbessern könnte: „Wir brauchen wieder zwei Pflegeausbildungen: die Krankenpflege und die Altenpflege.“ Wobei auch in der Krankenpflege eine Spezialisierung für die Altenpflege einzuführen sei: „In den Krankenhäusern ist Geriatrie das Zukunftsthema.“
Die einheitliche oder generalisierte Ausbildung sei damals von den Pflegeverbänden „massiv eingefordert“ und gegen den Widerstand der Stiftung durchgesetzt worden. „Die Pflegelobby hat uns mit aller Kraft als Schwarzmaler verunglimpft, sekundiert von den Kassen, die heute jammern.“
Die Versicherungen sind nicht glücklich
Auch die AOK beobachtet, dass Beschäftigte aus den ambulanten Pflegediensten und den Heimen in die Kliniken wechseln. Seit dem Jahre 2019 habe sich die Zahl der Altenpfleger in Kliniken um das Zweieinhalbfache erhöht, schreiben die Fachleute.
Das Personal in den Heimen sowie in den ambulanten Diensten wachse viel langsamer als vor Einführung des Pflegebudgets und ohnehin viel langsamer als in den Krankenhäusern: Während die Menge der Fachkräfte in den Kliniken zunahm, sei sie in den Heimen sogar gesunken. Die Entwicklung sei problematisch, da, anders als in den Hospitälern, in der Langzeitpflege die Zahl der zu versorgenden Menschen nicht sinke.
„Warken wird sich wegducken“
Brysch hat aber wenig Hoffnung, dass die Politik, angeführt von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die Ausbildung von Kranken- und Altenpflege wieder trennen wird. „Aus Angst vor den Pflegeverbänden wird sich Nina Warken wegducken“, befürchtet der Patientenschützer.
Warkens Sprecher wollte sich zu dem Vorwurf des Wegduckens nicht äußern, sagte aber: „Wir halten an der generalistischen Pflegeausbildung fest, das wird nicht rückgängig gemacht.“
Am Donnerstag wurde auch bekannt, dass Warken und die Regierungsfraktionen eine Überarbeitung des Pflegebudgets planen. Ein Änderungsantrag zum Gesetz zur Anpassung der Krankenhausreform (KHAG), der der F.A.Z vorliegt, sieht die Klarstellung vor, „dass die Kosten für Tätigkeiten, die nicht der unmittelbaren Patientenversorgung dienen, insbesondere hauswirtschaftliche, logistische, administrative oder technische Aufgaben, nicht im Pflegebudget zu berücksichtigen sind.“
Auf diese Weise soll Fehlanreizen und dem Missbrauch vorgebeugt werden. Hintergrund dazu sind Vermutungen der Krankenkassen, dass nichtpflegerische Mitarbeiter in Kliniken zu Pflegekräften erklärt werden, um sie über das Pflegebudget abrechnen zu können, das in jedem Falle von den Kassen erstattet wird. Der Dachverband der Betriebskrankenkassen hatte sogar von „Betrug“ gesprochen.
Das Budget sei nicht gescheitert
Pflegeratspräsidentin Vogler geht das zu weit. „Betrugsvorwürfe müssen belegt werden, pauschale Unterstellungen treffen die Falschen und diskreditieren Pflegeprofessionelle“, sagt sie. „Gleichzeitig gilt: Das Pflegebudget ist gesetzlich zweckgebunden, nicht zweckentsprechend verwendete Mittel sind zurückzuführen.“
Das Budget sei nicht gescheitert, müsse aber weiterentwickelt werden. Keinesfalls sollte man es, wie früher, in die Fallpauschalen der Kliniken (DRG) integrieren: „Pflege darf nicht wieder zum Sparobjekt der DRG-Logik werden, das wäre fatal.“
Bei den Missbrauchsvorwürfen geht es etwa um Putz-, Servier- und Hausmeistertätigkeiten oder um Arbeiten in Technik und Verwaltung, die angeblich als „Pflege“ über das Budget abrechnet werden. Um den Qualifikationsvoraussetzungen zu genügen, erhalten einige dieser Personen angeblich Schnellschulungen zu Pflegekräften.
Dafür könnten die neuen Angaben der AOK ein Indiz sein, dass die Zahl der Pflegehilfskräfte seit Einführung des Budgets um 75 Prozent gestiegen ist. Dazu zählen Kranken- und Altenpflegehelfer, aber auch Beschäftigte ohne Berufsausbildung. Hingegen wuchs die Menge der Pflegefachkräfte mit einer abgeschlossenen Fachausbildung im gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent.
„Assistenz kann entlasten“
Vogler sagt, das müsse man sich genau anschauen. „Assistenz kann Pflegefachpersonen entlasten, damit diese mehr Zeit für klinisch anspruchsvolle Aufgaben haben, aber nur mit klaren Qualifikationsstandards, Aufgabenprofilen, Delegation und Supervision.“ Sie stellt aber auch klar: „Die Aufgaben von Servicekräften sind nicht Handlungsfelder von Pflegefachpersonen, das wäre zweckwidrig und inakzeptabel.“
Bryschs Vorschlag, die Ausbildung der Pflegeberufe wieder zu trennen, weist Vogler entschieden zurück. Diese Idee stamme aus dem „Land der ewig Gestrigen“. Die abermalige Aufteilung wäre ein Rückschritt, sagt sie: „Die Abwanderung oder auch die Präferenzen der beruflich Pflegenden für ein Berufsfeld löst man nicht durch Mauern im Bildungssystem, sondern durch attraktive Arbeitsbedingungen und verlässliche Refinanzierung in allen Versorgungsbereichen.“
„Generalistische Ausbildung ist richtig“
Für Vogler ist eindeutig: „Die generalistische Ausbildung ist richtig, weil sie Anschlussfähigkeit schafft.“ Man könne die eingeschlagenen beruflichen Pfade über Schwerpunkte, Kompetenzprofile und Karrierewege steuern, „aber nicht über eine Spaltung der Profession“.
Auch in Regierungskreisen hält man Bryschs Argumentation für abwegig. Falls es eine Abwanderung aus der Alten- und ambulanten Pflege an die Hospitäler gebe, liege das sicher nicht an der gemeinsamen Ausbildung, hieß es. Denn deren erste Absolventen seien erst seit dem Jahre 2023 im Beruf.
Wann Warkens Änderungsvorschläge zum Pflegebudget kommen, ist noch unklar. Das Gesetz zur Änderung der Krankenhausreform hat den Bundestag in erster Lesung passiert, die Verabschiedung mit Berücksichtigung der Änderungsanträge ist für eine der kommenden Sitzungswochen vorgesehen.