Debatte um Krankenstand: Jetzt geht es Blaumachern an den Kragen

Jeder Deutsche kostet die Arbeitgeber rechnerisch fast 1000 Euro im Jahr – fürs Zu-Hause-Bleiben. Wer krank ist, wird dennoch bis zu sechs Wochen lang voll bezahlt. Diese Lohnfortzahlung summierte sich 2024 nach Angaben des Kölner Instituts IW auf 82 Milliarden Euro. Zieht man nicht die gesamte Einwohnerzahl heran, sondern nur die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, müssen die Unternehmen sogar 2300 Euro je Kopf aufwenden.

Kein Wunder, dass Arbeitgeber und Bundesregierung dem möglichen Missbrauch dieser Regelung jetzt einen Riegel vorschieben wollen. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Wochenende, jeder Beschäftigten sei durchschnittlich 14,5 Tage im Jahr krank, „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten“, so der CDU-Vorsitzende: „Ist das wirklich richtig, ist das wirklich notwendig?“

Koalitionsvertrag will Fehlverwendung abstellen

Anfang der Woche präzisierte er, dass die genannten Fehl­zeiten die kurzfristigen Meldungen von einem Tag oder zwei Tagen noch gar nicht berücksichtigten: „Damit ist der Krankenstand im Durchschnitt in den Unternehmen in Deutschland zu hoch.“ Merz bezog auch den öffentlichen Dienst in seine Zweifel ein und sagte, die Bundesregierung suche derzeit nach Lösungen und Gründen für den Anstieg. „Eine der Ur­sachen ist sicherlich auch die leichte telefonische Krankschreibung“, so der Kanzler.

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sekundierte später, im interna­tionalen Vergleich sei der deutsche Krankenstand hoch. „Zur Wahrheit gehört auch, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann“, sagte sie dem „Tagesspiegel“. Schon im Koalitionsvertrag stehe, dass die Fehlverwendung ausgeschlossen werden müsse: „Genau das werden wir an­gehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen.“ Warken machte zugleich klar, dass es nicht darum gehe, wirklich Kranke zu Simulanten zu erklären oder ihnen das Recht auf Arbeitsunfähigkeit zu verwehren.

Unterstützung erhielt Merz auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV. Die Krankschreibung am Telefon lade natürlich zum Blaumachen ein, sagte der Arzt und KBV-Vorsitzende Andreas Gassen: „Am Telefon kann niemand zuverlässig beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig ist.“

Ärzte aus Bayern und Berlin widersprechen KBV-Chef Gassen

Allerdings reagiert das Ärztelager uneinheitlich. Sowohl die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) als auch jene Berlins wollen an der Telefonkrankschreibung festhalten und widersprechen Gassen in ungewöhnlich deutlicher Form. „Einer Abschaffung der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, wie sie zuletzt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gefordert hatte, erteilte der Vorstand der KVB eine klare Absage“,  teilte die KV Bayern am Dienstag mit. „Sie ist ein bewährtes Instrument einer modernen ambulanten Versorgung und eine sinnvolle Ergänzung der Sprechstunden in den Praxen.“

Unterstützung für Merz und Warken kommt von den Arbeitgebern. Ihr Verband fordert in einem neuen Papier, das der F.A.Z. vorliegt, die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung: „Mit ihr macht man es sogenannten Blaumachern viel zu einfach“, heißt es dort. Die Lohnfortzahlung solle nicht je Krankheitsfall, sondern insgesamt auf sechs Wochen im Jahr beschränkt werden. Sogenannte Mehrbelastungszuschläge dürften nicht länger für die Höhe der Lohnfortzahlung berücksichtigt werden.

Lauterbach warnt vor Schikane

In der SPD, deren Unterstützung die Union für die mögliche Einschränkung der Telefonkrankschreibung braucht, regt sich Widerstand dagegen. „Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung wäre völlig kon­traproduktiv, weil sie zu noch volleren Praxen führen würde“, sagte der ehema­lige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Müssten die Patienten künftig wieder persönlich beim Arzt vorsprechen, sei das eine „Schikane“.

Die fernmündliche Krankschreibung hatte der „Gemeinsame Bundesausschuss“ aus Krankenkassen, Ärzten und Kliniken während der Corona-Pandemie 2020 unter Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eingeführt. Unter seinem Nachfolger Lauterbach wurde die Re­gelung 2023 entfristet. Merz sagte dazu: „Während der Corona-Zeit [war das] begründet richtig, aber heute noch?“

Der Vorsitzende der Krankenkasse DAK-Gesundheit, Andreas Storm, begrüßte am Dienstag „die von Merz angestoßene Debatte um den im internatio­nalen Vergleich hohen Krankenstand“ und regte einen „Krankenstandsgipfel beim Kanzler“ an. An diesem sollten Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen teilnehmen.

Versicherung DAK fordert Krankenstandsgipfel im Kanzleramt

Die DAK-Versicherten seien 2025 im Durchschnitt an 19,5 Kalendertagen krankgeschrieben gewesen, teilte die Kasse mit; das sei ein gleichbleibend „hohes Niveau“. Im Durchschnitt habe eine Krankschreibung zehn Tage gedauert. Die meisten Fehltage gingen wie üblich auf das Konto von Atemwegserkrankungen, wie das Institut IGES für die DAK ausgerechnet hat. Neu ist, dass psychische Erkrankungen mit einem starken Plus von fast sieben Prozent auf dem zweiten Platz landeten und Muskel-Skelett-Probleme, etwa Rückenschmerzen, auf Rang drei verdrängten.

Die hohen Krankenstände kosten viel Geld, nicht nur die Kassen, sondern eben auch die Wirtschaft. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) haben sich die Aufwendungen für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Sie machten inzwischen 1,7 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, schreibt die BDA in einem noch unveröffentlichten Papier.

Die insgesamt 82 Milliarden Euro überstiegen mittlerweile alle Ausgaben der gesetzlichen Pflegekassen und seien nahezu doppelt so hoch wie die Leistungen der Arbeitslosenversicherung. Die Summe entspricht auch ziemlich genau den stark erhöhten deutschen Verteidigungsaus­gaben des Jahres 2024, einschließlich des Sondervermögens.

Krankengeld kostet noch einmal 20 Milliarden Euro

Das BDA-Papier mit dem Titel „Hohe Lohnfortzahlungskosten senken“ bestätigt Merz’ und Warkens internationale Einordnung: Tatsächlich behandele Deutschland seine Kranken so großzügig wie kein anderes Land in Europa. Die hundertprozentige Weitervergütung über 42 Kalendertage sei „die teuerste allein von den Arbeitgebern finanzierte Sozialleistung“, schreibt der Verband.

Den gesetzlichen Regelungen nach zahlen die Unternehmen das volle Gehalt bis zu sechs Wochen lang, danach springt die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ein. Sie übernimmt 70 Prozent des Bruttogehalts bis zur Bemessungsgrenze, und zwar je Erkrankung längstens für 78 Wochen.

Dieses Krankengeld beläuft sich mit Gesamtausgaben von 20,4 Milliarden Eu­ro aber nur auf ein Viertel der Arbeitgeberkosten. Zusammen mit Letzteren beträgt die Belastung dann mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr. Hinzu kommt noch die Lohnfortzahlung bei Mutterschaft von 6,3 Milliarden Euro, welche die Arbeitgeber wie die Kranken-Lohnfortzahlung allein tragen. Das Mutterschaftsgeld entspricht in etwa dem Gesamtdefizit der GKV des Jahres 2024.